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Periodical volume 9. Dezember 1893, No. 63.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

—e 791 b» 
Weile dem Kampfe der kleinen Marssöhne zu und trat dann aus den eine 
„Sektion" befehligenden, im 1. Treffen befindlichen stolzen Neu-Edelmann 
zu. „Sie sind ja schon lange nicht bei uns gewesen. Gefällt es Ihnen 
denn bei uns nicht mehr?" forschte der neuen deutschen Reicher zukünftiger 
Kaiser. „O, gewiß, Kaiserliche Hoheit, sogar sehr!" kam er von den 
Lippen der beschämten Knaben. „Ran, warum sieht man Sie denn nicht 
wieder?" fragte der Kronprinz weiter. Der Kadett schwieg verlegen. Er 
mochte ahnen, daß der Sieger von Königgrätz und Wörth, der ihn 
schmunzelnd betrachtete, schon aller wußte. „Sie sollen nicht courfähig 
sein, habe ich gehört," scherzte der Kronprinz, worauf der Kadett kühn sein 
Haupt erhob und versetzte: „Doch, Kaiserliche Hoheit! Ich bin ja von 
Adel!" „Dar wohl," sagte der Kronprinz, „aber wer sich nicht alr Edel 
mann zeigt, ist auch nicht courfähig." Nach diesen Worten ließ der Prinz 
den schon ziemlich „antiken" Tertianer stehen und begrüßte den herbei 
eilenden Kadetten-Erzieher. Zl. II. 
Mchertisch. 
Artus der Jiidier. Ein Idyll aus der christlichen Nrkirche. Nur 
dem Englischen übersetzt von Katharina Dolle. Frankfurt a. O. 
Verlag von Hugo Andres & Co. Preis 4,50 Mk, 
Das Buch ist ohne Zweifel eine der bedeutsamsten litterarischen Er 
scheinungen der Gegenwart. Der leitende Gedanke, die Absicht der geist 
vollen Verfafiers ist der Wunsch, „dem Andenken deS vielgeschmähten 
Ketzers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen — mit ungeteilter Liebe und 
Bewunderung, aber auch mit dem tiefsten Mitleid." Die Bezeichnung 
„Idyll" paßt nur auf den ersten Teil, welcher unS von Heimat und 
Jugend deS AriuS berichtet; der zweite schildert die Bedeutung derselben 
innerhalb der christlichen Kirche, seinen Kamps mit Kaiser Konstantin und 
dessen geistlichen Helfern, sein Unterliegen und seinen Tod. Mit scharfen 
Strichen wird dar Leben und Streben der Christengemeinden jener Zeit 
gezeichnet; ihnen war die Civilisation die Mutter aller Verbrechen, die Ge 
setze des Staates nichts als der Ausfluß selbstsüchtigen Herrschens, die 
Lehre vom persönlichen Eigentum eine Lüge. Durch den Mund der 
Eremiten werden wir eingeweiht in die Geheimnisse der ägyptischen Gottes- 
Verehrung; eS mutet wunderlich an, daß der Greis mit dem Knaben tief 
sinnige theosophische Gespräche führt und daß dieser mit der dialektisch ge 
schulten Sprache einer Gelehrten antwortet. Da ist von thaumalurgischen 
unkontrollierbaren Kräften, von Demokratie deS Glaubens, von den Gleich 
nissen als einer eigentümlichen Art litterarischer Komposition u. a. die Rede. 
— Dem Urchristentum tritt daS Kaisertum Konstantins scharf und in 
seinem innersten Wesen feindlich gegenüber; der Verfasier nennt diesen den 
größten aller Staatsmänner, Politiker und Herrscher, aber den niedrigsten 
aller Charaktere und sucht dies Urteil auS seinem Verhalten zu beweisen 
— dem Kaiser war jeder Mittel recht, seine Ziele, Beseitigung aller Neben 
buhler, Ausdehnung seiner Herrschaft auch über die Kirche, zu erreichen; 
der Gewalt fielen seine nächsten Anverwandten, der List und bethörenden 
Schmeicheleien selbst die Stützen der christlichen Kirche zum Opfer. Von 
hohem Interesse ist die eingehende, auf sorgfältigstem Studium beruhende 
Schilderung der Maßnahmen zum Sturze der oströmischen Kaisers LiciniuS. 
Mit dramatischer Lebendigkeit werden unS die Vorgänge während der 
Konzils zu Nicäa dargestellt, bei denen der schöne, glattzüngige Athanasius 
nur als gefügige Kreatur deS Kaisers erscheint. — Mit dem plötzlichen 
Tode deS greisen AriuS schließt dar Werk — Konstantin hat sein Ziel er 
reicht: daS Urchristentum mit seiner kommunistischen Verfassung, welche 
Kriege Sklaverei und Mammonsdienst ausschloß, hörte als solches auf und 
ward ein Teil der kaiserlichen Machthaberschast. — Die Sprache des Bücher 
erinnert vielfach an EgidyS „Ernste Gedanken"; der Verfasser hat mehr 
und anderer schildern wollen, als tote- Vorgänge auS jener Zeit, deren 
Sprache er auch nicht redet — aus jeder Zeile spricht die unendliche Liebe 
und der unerschütterliche Glaube der echten Christen zu unS. —1. 
Gesundheit und langes Jeden. Ein hygienischer Hausbuch 
von Df. I. H. Baas. Leipzig. Verlag von Ernst Keils Nachf. 
Preis 5 Mk., gbd. 6 Mk. 
„Die Hygiene hat ein Janusgesicht. Sie steht auf der Grenze 
zwischen Medizin und Volkswirtschaftslehre, sieht nach beiden hin. Ihr 
Stamm erhebt sich auf dem Grenzgebiete; die Wurzeln beziehen ihre 
Nahrung von beiden, ihre Krone breitet sich nach beiden aus, und ihre 
Früchte kommen beiden zugute." DaS sind sehr wahre Worte, die 
vr. iiimL I. Herm. BaaS in obigem Buche gesprochen hat. In den 
populären hygienischen Schriften wurde bis jetzt zumeist der praktische 
private Standpunkt betont; die Verfasier gaben Ratschläge und Winke, wie 
jedermann leben sollte, um sich gesund zu erhalten; die öffentliche Gesund 
heitspflege blieb in ihnen weniger berücksichtigt. Und doch ist die Kenntnis 
derselben für jeden wichtig. Ist doch die Bekämpfung und Verhütung der 
ansteckenden Krankheiten ohne die rege Mitwirkung der Gesamtheit den 
Behörden nicht möglich; greifen doch hygienische Maßregeln so vielfältig 
in unsere volkSwirihschastliche Gesetzgebung ein! Darum eben ist die 
Kenntnis der Grundsätze der GesundheitSlehre in ihrem vollen Umfange 
für so viele erwünscht. In sehr geschickter Weise hat nun vr. I. H. BaaS 
in seinem genannten Buche daS WisienSwürdigste auf diesem Gebiete zu 
sammengestellt und in leicht lesbarer Form erörtert. „Gesundheit und 
langer Leben" ist ein hygienischer Buch für jedermann und vermittelt den 
weitesten Volkskreisen die hervorragenden Errungenschaften bewährter 
Forscher wie Pettenkofer, Koch, Flügge, Rübner, Hirt, Rosenthal, Oesterlen, 
Westergaart, Ogle, Newak, Ebstein, Feder und vieler ano.rer. Wir 
empfehlen eS der Beachtung aller, die für die Erhaltung ihres eigenen 
Wohlseins und der Gesundheit dc§ Volker Sorge tragen möchten. 
—r— 
Das fdjledjtere Geschlecht. Ein Novelleniranz von Oskar 
Welten, Berlin 1882, Verlag von Wilhelm JSleib (Gustav Schuhr) 
Preis 3 Mk. 
Leser, die für eotische Schilderungen schwärmen, werden diesen No- 
vellenkcanz sicher mit Behagen verdauen, diejenigen aber, die in der 
Litteratur etwas anderes suchen als eine Dienstmagd sinnlicher Be 
gierden, werden denselben nur bedauern. Warum muß ein Schriftsteller 
immer gerade nur dar Weib von seiner häßlichsten Seite schildern, warum 
muß er sich krankhafte Individuen aussuchen, warum muß er dabei den 
SexualiSmuS zu dem Angelpunkt dürftiger Handlung machen? Soll cs 
NatraliSmuS sein oder soll eS nur den eigenen Mangel an Schöpferkraft 
verdecken? Bei Welten glaube ich an den letzteren Fall; denn sieht man 
von dem Sinnlichen in der vorliegenden Sammlung ab, dann bleibt ein 
dürrer, langweiliger Badeklatsch übrig, der niemand reizen wird. Bei diesen 
Erzählungen finde ich meinen Argwohn bestätigt, daß der Verfasier litte 
rarisch ein ausgebrannter Krater ist, der höchstens noch Schlacken aus 
wirft. Ein Schriftsteller, der mitten in dem litterarischen Frühling der 
Modernen steht und mit Marlitt'schcm Pathos Redensarten, wie: „Und da 
hielt ich inne und sah mit stürmisch wogendem Busen und flammendem 
Blick auf ihn nieder" um sich wirft, richtet sich litterarisch selbst. Ueber 
die Novellen kann ich nur im Interesse unserer deutschen VolkSgeisteS die 
Warnung hinzufügen, sie nicht zu lesen. L.. 21. 
Gin Anderer. Roman von Martin Langen. Köln 1893. 
Verlag von Albert Ahn. Preis 2 Mk. 
Der Verfasser verfügt über ein beachtenswertes Talent; er giebt 
einen Eheroman von psychologischer Grundlage, er stellt sich dabei aus 
einen durchaus modernen, künstlerischen Standpunkt im Sinne einer ge 
läuterten und tendenzfreien Wirklichkeits-Anschauung und zeigt sich als eine 
selbständige künstlerische Persönlichkeit, in deren Schassen man weder 
Schablone noch leere Nachempfiadung fremder Muster findet. —y— 
goto der Wltllianär. Eine Erzählung aus dem Westen Nord 
amerikas. Von Friedrich I. Pajeken. Mit Abbildungen nach 
Zeichnungen von Joh. GchrtS. Leipzig. Verlag von Ferd. Hirt 
und Sohn. Preis prächtig geb. 5 Mk. 
Der vorliegende Band schließt einen Cyklus von Erzählungen ab, 
die den Zweck haben, dem Leser ein einheitlicher Kulturbild des wilden 
Westens zu entrollen. In „Bob der Fallensteller" wird der Gründer der 
Familie geschildert, der Vorkämpfer der Civilisation — in „Bob der Städte 
gründer", wie der Name besagt, der Gründer der Stadt —, und in dem 
angezeigten neuen Bande der Gründer der Staates. Viele Mühen hat auch 
er zu überwinden, bis er den Rauchern und Farmern eine gesicherte Zu 
kunft geschaffen hat, bis es ihm durch Anlegung von Minen in den erz 
haltigen Bergen gelingt, den Einwandererstrom in daS Territorium, in 
dar noch kaum von Weißen bewohnte wilde Land zu lenken, und auch mit 
dem zwar schon stark unterdrückten, aber trotzdem immer noch kriegslustigen 
rohen Volke muß er noch einen Kampf bestehen, bis seine Aufgabe 
gelöst ist. 
Diese Schilderungen von dem Leben und Treiben der Menschen im 
fernen Westen, die der Verfasier wahrheitsgetreu, nach eigenen Erlebnissen 
und Erfahrungen giebt, bilden einen wohlthuenden Gegensatz zu den vielen 
übertriebenen Jndianergeschichten; sie bieten einen so klaren Einblick in die 
kulturelle Entwicklung-eines Landes, daß wir nur raten können, der reiferen 
Jugend das Buch, besser noch die sämtlichen drei Bände, in die Hände zu 
geben. Der letzte Band wird sich, wie die früheren, unter der deutschen 
Jugend diesseits wie jenseits des Ozeans viele Freunde erwerben. Auch 
in Volksbibliotheken darf eS nicht fehlen. Die Ausstattung ist vornehm. 
Lu. 
Die in fo kurzer Zeit beliebt gewordenen Fabrikate der Berliner 
Thürschließer-Fabrik: Schubert u. Werth sind auch auf der Welt 
ausstellung in Chicago sür gute Konstruktion, wie eigene Ausführung der 
Thürschließer mit Sicherheit? Hebel D.-R.-Patent, sowie der kleinen DiebeS- 
sicherung, welche in bestehende gewöhnliche Thürschlösier eingesetzt wird, 
gleichfalls D.-R.-Patent mit einer Prämie bedacht worden. 
Dies ist besonders hervorzuheben, da die in dieses Fach schlagenden 
beiden Artikel amerikanischen Fabrikats bisher in gutem Rufe standen 
und hierdurch übertrumpft worden sind. 
Inhalt: Ein Bräutigam auf königlichen Befehl. Von 
A. Bandholtz. — Dem Gedächtnis einet Edlen. Von 
Hermann Müller-Bohn (Schluß). — Ein Besuch in Berlin auno 
1828. Voil P. Bcllardi. — Wendische Sprichwörter. Gesammelt 
vom Rektor Müschner t- — Die „klcinenLcute". Probe aus Luc. 
Gersals Spree-Athen. — Kleine Mitteilungen: Die Emmauskirchc 
(mit Abbildung). — Das Neujahrsblasen der Berliner Postillone (mit 
Abbildung). — Aus der Zopfzeit. — Papa Wrangel. — Nicht cour 
fähig. — Büchcrtisch. — Anzeigen.
        
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