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Periodical volume 9. Dezember 1893, No. 63.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

<3 790 s> 
Kleine MArilungen. 
Die Enrrnauskirrtie auf dem Lausitzerplatz (s. Abbildung 
S. 785) ist wie die Friedens-, die HimmelfahrtS- und die 
Gethsemanekirche, eine Schöpfung von Meister August Orth, der 
bei seinen Kirchenbauten den Schwerpunkt auf die Schaffung einer mög 
lichst vollkommenen Prediglkirche legt und in dem Aeußeren seiner 
Gotteshäuser antike und romanische Motive in eigenartiger Weise ver 
schmilzt. Einem Aufsatze über Berliner Kirchenbauten von Hans Schliep- 
mann im „Daheim" entnehmen wir folgende Charakteristik der Orthsichen 
Kirchenbaukunst: Unbekümmert um alle nur allzurasch wechselnden Mode 
stile hat Orth seit mehr als 30 Jahren in strenger Folgerichtigkeit sein 
Ideal gesucht. Seine Stärke liegt hauptsächlich aus dem Gebiete der 
Raumschöpfung; er ist ein bahnbrechend kluger, überlegender und dabei 
kühner, wenn auch nicht aus reichster Phantasie in großen Zügen schaffen 
der Künstler. So kommt eS, daß feine Werke stets ungemein geistreich, 
dcS eingehendsten Studiums wert und doch ästhetisch nicht immer hin 
reichend sind. Von den vier neuen Kircken, die ihm Berlin verdankt, ist 
die EmmauSkirche auf dem Lausitzerplotz nach der Anlage die eigen 
artigste. Bei dieser Kirche, für eine zahlreiche Gemeinde bestimmt mutzte 
der Künstler auf eine ungewöhnlich umfangreiche Emporenanlage 
Bedacht nehmen, um alle Plätze in guter Hör- und Sehweite vom 
Prediger unterzubringen. Deshalb bauen sich die Emporen auf ziemlich 
verwickelten, amphitheatralisch ansteigenden Wölbungen in zwei Stockwerken 
unter einanoer aus und bedürfen gleichzeitig aus sicherheitSpolizeilichen 
Gründen mehrfacher Treppenanlagen. Ter Grundriß ist nun im wesent 
lichen so gestaltet, daß ein Achteck, in besten Mitte die Kanzel mit einem, 
nur dem liturgischen Gottesdienste dienenden Altare zu ihren Füßen, den 
Kern te Anlage bildet. Auf fünf Seiten ist dirs Achteck mit einem 
schmalen Umgang umgeben, an den sich kapellenaitige Anbauten von der 
Grundform eincS halben Sechsecks a schließen. Der mittelste Anbau 
nimmt einen besondern, zur Aber» mahlsfeier bestimmten Altar auf, 
während die vier ande.en Nischen, ebenso wie der größte Teil der sich 
nach vorn anschließenden dreischissigen, zweijochigen LanghauSbaueS mit 
Emporenanlagen versehen sind. Wie lebendig und eigenartig diese Grund- 
rißanordnung für den Jnnenraum wirkt, geht auS der Abbildung hervor. 
Doch wird schwerlich zu leugnen iein, daß die Stellung der Kanzel mit 
ihrem Altar bei aller praktischen Brauchbarkeit wenig 'glücklich wirkt. Zwar 
wird sie als Mittelpunkt des Ganzen durch die Kuppel über dem Achteck 
bezeichnet: ihre Größe aber läßt sie doch bei dem Mangel eines monu 
mentalen Aufbaues (der wieder zu viel von dem Hauptaltar vom Haupt 
eingang aus verdecken wüide) etwas verloren im Raume erscheinen. 
Immerhin verdient die Kühnheit und Folgerichtigkeit, mit welcher 
der Künstler seine Ideen zum Ausdruck gebracht hat, uneingeschränkte An 
erkennung. Daß Aeußere der Kirche verrät von dem seinen inneren 
Organismus leider nicht alles. 
Das Ueufatprsvlason dev Kertiner DofiiUone. 
(Zu dem Bilde S 789.) Zur Zeit der Jahreswende, wenn überall die 
Geschäftsleute ausruhen von der Arbeit, die daS WeihnachtSfest gebracht 
hat, schwillt die Thätigkeit der Mannen Stephans zu wahrhaft unheimlicher 
Höhe an und erfordert zu ihrer Bewältigung all die Lust und Liebe und 
zugleich die selbstlose Pflichttreue, die eben nur dem preußischen und 
deutschen Beamtentum eigen ist. 
In der NeujahrSnacht ist das Berliner Haupipostgebäude in der 
Spandaucr Straße der Schauplatz einer fieberhaften Thätigkeit. Wagen auf 
Waaen rollen in die Höfe ein und bringen immer neue, endlose Berge von 
Packeten, Briefen und Karlen, die von hunderten von Beamten sortiert und 
den betreffenden Eilposten übergiben werden. So geht eS von Stunde zu 
Stunde; während das übrige Berlin den Uebcrgang deS allen Jahres zum 
neuen bei Punsch und Gläserklang feiert, wird hier in fast übermenschlicher 
Weise gearbeitet, um die Tausende und Abertausende von Neujahrspostsachen 
an die Adrestaten zu befördern. Da, hoch vom nahen RathauSturm dröhnt 
der erste der zwölf Schläge, und in demselben Augenblick verkünden 
Postillone mit lauten Trompetenstößen in jedem Saal, daß das neue Jahr 
begonnen und die Arbeit für eine kurze Zeit zu ruhen hat. Die leitenden 
Beamten halten kurze Ansprachen, Eifiischungen werden herumgereicht, und 
vom Postbofe ertönen die weihevoll-n Klänge eines von Postillonen ge 
blasenen Chorals, dessen stimmungsvolle Weisen die Vorübergehenden von 
der Straße herbeilocken. Nach einer Viertelstunde wird die Arbeit mit 
fieberhafter Hast wieder aufgenommen und derart gefördert, daß sie in 
ihren wichtigsten Teilen fast immer beendet ist, wenn die übrige Welt noch 
in den Federn liegt und von all dem Herrlichen träumt, waS daS neue 
Jahr in seinem Schoße birgt. — So reihen sich in der Großstadt Poesie 
und die rauhe Wirklichkeit, die der harte Kampf umS Dasein schafft, eng 
an einander. —x— 
Aus der Zopfzeit. Wenn heute unsere Soldaten zu einer 
Parade oder Vorstillung besohlen werden, dann nimmt ihre Toilette zwar 
auch mehr Zeit in Anspruch, als wenn eS zum gewöhnlichen Dienst geht, 
aber um ihre Nachtruhe werden unsere jetzigen VatcrlandSoerteidiger des 
halb nicht gebracht, wie daS vor kaum hundert Jahren noch der Fall war. 
Sollte das Regiment z. B. um 5 Uhr morgens zum Exerzieren ausrücken, 
so begann das Frisieren der Leute schon um Mitternacht. Der Friseur 
band die Zöpfe, und die Mannschaft mußte, damit der schöne Kopfputz nicht 
beschädigt werde, bis zum Abmarsch auf ihren Betten in sitzender Stellung 
die Zeit sich vertreiben. Bei der Fußtruppe bestand die Frisur in einer 
quer über das Ohr gehenden Locke, die reichlich mit warmer Pomade 
mittelst eines Pinsels, unter Benutzung eines Kammes, bespritzt und dann 
mit Puder überschüttet wurde. Der Zopf, der mindestens bis zur Taille 
reichen mußte, wurde dicht an dem glatt geschorenen Kops angebunden. 
Die Offiziere leisteten sich häufig noch weit längere Zöpfe. So wird von 
einem Hauptmann berichtet, dessen Zopf auf der Erde schleppte, weshalb 
derselbe diese Kopszierde beim Exerzieren aufzunehmen und in die Tasche 
zu stecken gezwungen war. An Zopsband brauchte er hierzu etwa 80 Ellen. 
Groß wie Mühlsteine waren auch die zweispitzigen Hüte, deren rechte Spitze 
vier Zoll von der Schulter abstehen mußte. Die Schärpe wurde aus der 
Weste getragen, in deren linker Tasche die Stabsoffiziere ihre Stulpenhand 
schuhe, Schärpenquaste und Tabaksdose aufbewahrten. Alljährlich wurde 
den Offizieren aus der Montierungskammer ein großer Handstock, wie ihn 
die Unteroffiziere trugen, geliefert. Ost mehr als ihr Sold brachte den 
Kompagnie-Chefs die Kompagnie-Verwaltung ein. Alles, was ihre Leute 
an Material brauchten, wurde ihnen übergeben. Manche HauptmannS- 
gatlinnen erklärten sich bereit, mit ihren Töchtern den Soldaten die Hemden 
zu nähen, die dann mitunter recht „kommißig" aussahen und sich be 
sonders durch auffallende Kürze, weile Stiche und lose Räthe auszeichneten. 
Die Oekonomie einzelner Kapitäne ging so weit, daß sie selbst die ab 
getragenen Sachen ihrer Mannschaft für sich in irgend einer Weise ver 
werteten. Von einem Garde-Hauptmann erzählt die Chronik, daß er sich 
selbst einen wunderbaren Stubentlppich auS alten, zerschnittenen Rabatten 
der Uniformen zusammengenäht habe. 2l 21. 
Dcrpcr Wränget. Ein bisher nicht bekannt gewordenes Ge- 
fchichlchen vom Papa Wrangel erzählt H. von Borcke in seinem jüngst er 
schienenen Buche „Mit Prinz Friedrich Karl. Kriegs- und Jagdfahrten", (Ver 
lag von Paul Kittel, Berlin). Früher preußischer Kavallerieosfizier, dann im 
nordamerikanischen Bürgerkriege Oberst unter General Stuart, hatte Borcke auf 
die Nachricht vom bevorstehenden Ausbruche des Krieger mit Oesterreich 
sich wieder zum Eintritt in das Heer gemeldet, und der ehemalige General- 
Inspekteur der Kavallerie von Virginien wurde glücklich alS Sekondeleutnant 
bei den neumärkischen Dragonern eingestellt. Als er sich nun vorschrifts 
mäßig auch beim Feldmarschall Wrangel in Berlin meldete, ließ sich der 
alte Herr von BorckeS Reiterstückchen in Nordamerika berichten, hörte mit 
Behagen zu, unterbrach aber plötzlich den Erzähler: „Hast Du auch schon 
Pferde, mein Sohn?" Der Wahrheit gemäß berichtete der Offizier, daß 
er ein Pferd bereits besitze und ein zweites ihm von seinem Vater, einem 
Gutsbesitzer in der Neumark,, in Aussicht gestellt sei. „Schade, mein Sohn", 
sagte Wrangel, „daß Du schon versorgt bist, ich wollte Dir eigentlich ein 
Pferd schenken." Gerührt durch die gute Absicht entsernte sich Borcke; in 
seinem Hotel aber sand er eine Depesche seines Vaters vor, welcher an 
zeigte, daß daheim kein Pferd mehr zu beschaffen sei. Nun war guter 
Rat teuer, denn Borcke sollte zur Feldarmee ausbrechen, und nach schwerem, 
inneren Kampfe begab er sich am anderen Tage abermals zu Wrangel, um 
sich das halb und halb versprochene Pferd auSzubitten. Der Felbmarschall 
aber entgegnete: „Thut mir sehr leid, mein Sohn, das Pferd ist schon 
vergeben; warum kommst Du zu spät!" Mit dem Pferde aber verhielt eS 
sich folgendermaßen. Ein patriotischer Berliner Kaufmann hatte dem 
Marschall einen prächtigen englischen Wallach mit der Bitte übergeben, daS 
Tier einem verdienstvollen Offizier zu überantworten. Gefesielt durch die 
Erzählungen BorckeS hatte Wrangel in der Aufwallung kaoalleristischen 
Mitgesühls diesem dar Tier verehren wollen, sich aber bald eines anderen 
besonnen. Denn als bald nach BorckeS erstem Besuche der Kaufmann kam 
und sich nach der Verwendung deS PserdeS erkundigte, da entgegnete 
Wrangel: „Ja, ich habe einen für daS Pferd gesunden, und weeßte, wer 
des iS? DaS bin ich!" 
„Ultdjt eourfähig!" Unter denjenigen Potsdamer Kadetten, 
denen die hohe Ehre zu teil wurde, seiner Zeit als Gespielen unseres 
jetzigen Kaisers und dessen Bruder, Prinz Heinrich, zu Hofe „kommandiert" 
zu werden, befand sich auch der Sohn eines infolge seiner Verdienste ge 
adelten Offiziers, der nicht wenig stolz war auf dar „von", das er erst 
seit kurzem seinem Namen zuzufügen berechtigt war. Nun geschah es, 
daß der neugebackene Eoelknappe, der wegen Ueberhebung gegen seine 
Kameraden sehr unbeliebt war, mit deren einem in Differenzen geraten 
war, die zu einem „Faust-Duell" führten, wobei er auf den bereits.be 
siegten, ihm an Kräften unterlegenen, jüngeren Gegner noch unbarmherzig 
drauf loS schlug und selbst dem sriedenslislendcn, diensthabenden 
Gouverneur, der ihm befahl, von dem am Boden liegenden Zögling ab 
zulassen, den Gehorsam verweigerte, weshalb der „Held" mit Arrest be 
straft und fernerhin der Auszeichnung, an daS Hoflager des Kronprinzen 
gerufen zu werden, verlustig ging. Statt seiner wurde am nächsten 
Sonntag ein bürgerlicher Kadett zum Gespielen der Prinzen erwählt, war 
den neidischen Generalisprossen derart in Harnisch brachte, daß er seinem 
„Stellvertreter" grollte und diesen als „nicht courfähig" bezeichnete, da er 
doch nicht von Adel war. Dieser, hinter den Klostermauern der Kadetten- 
KoipS stattgehabte Vorgang, der nicht danach war, um den hochmütigen 
Junker bei seinen bürgerlichen wie adeligen Kameraden beliebter zu machen, 
wurde den kaiserlichen Prinzen von anderen Kadetten gelegentlich hinter 
bracht und von den jungen Königlichen Hoheiten ihrem Kaiserlichen Herrn 
Papa mitgeteilt. Wochen waren seitdem vergangen. Da, alS einmal die 
beiden Kompagnien deS Kadetten-KorpS bei ihrem wöchentlich zweimaligen 
Spaziergange hinter dem Brauhausberge gegen einander Krieg spielten, 
! tauchte ganz unerwartet die stattliche Figur der Thronfolgers auf, sah eine
        
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