Path:
Periodical volume 12. November 1892, No. 7.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

-<►< 80 x» 
Es ist diese Idee indes, wie ich sogleich zu beweisen die 
Ehre haben werde, eine thatsächlich irrige. 
Wir wissen genau, daß die ersten adeligen Wappen 
orientalischen Vorbildern ihren Ursprung verdanken und daß 
wir, wenigstens in Deutschland, vor Mitte des 12. Jahr 
hunderts von eigentlichen Wappen nicht sprechen können und 
selbst dann nur beim höheren Adel, den Dpiiastengeschlechtern. 
Der Gebrauch erblicher Wappen bei den adeligen Geschlechtern 
fand erst viel später statt und durch die Turniere seine Aus 
bildung und Ausdehnung. Wenn wir das Jahr 1280 als 
durchschnittliches Normaljahr des ersten Vorkommens von 
Wappen beim tiicderen Adel festhalten, so begegnen wir, kaum 
hundert Jahre später, bereits bürgerlichen Wappen. 
Ich rechne zu diesen weder die sogenannten Hausmarken, 
obwohl aus denselben vielfach später Wappenbilder geworden 
sind, noch auch die Sieinmetzzeichen, die bereits 1482 als 
persönlich ver 
liehene Ehren 
zeichen vorkommen, 
ich spreche von wirk 
lichen Wappen. 
Der Gebrauch der 
selben ist jedenfalls 
von den Rittern, 
oder sagen wir 
präziser dem da 
maligen Mittel 
stand im 14. Jahr- 
hundert auf die 
jenigen bürger 
lichen Stände über 
gegangen. die im 
Notfälle Haus und 
Herd zu verteidigen 
hatten, nachdem der 
alte Brauch der 
sieben Heerschilde 
längst in Verfall 
geraten war, und 
das Ritter- oder 
Schildamt auch 
bereits von Knappen ausgeübt wurde. In jener Zeit begann 
der ritterliche Schild seiner früheren Glorie zu entbehren und 
anstatt seiner wurde der Schwertgurt das Sonderabzeichen des 
Ritters, des Adeligen. 
So nahmen denn die Bürger den Schild, dessen sie im 
Kampfe mit Rittern nicht entbehren konnten, als Schntzwaffe 
ebenfalls an. 
Und es war eine natürliche Folge davon, daß die Bürger 
diese ihre Waffe, den Schild, nunmehr auch mit einem 
bildnerischen Abzeichen schmückten, um sich im Streite gegen 
seitig zu erkennen. Dieses Abzeichen wurde dann bald erblich; 
der Bürger begann dann auch, die Abbildung seines Wappens 
an Gegenstände seines Eigentums anzubringen. 
Er ließ das Wappen über seiner Hausthür einmeißeln, 
er schmückte damit seinen Kirchenstuhl, die Fenster und Gewebe 
seiner Zeit. Vor allem aber wurde ihm das Wappen hoch 
willkommen als Siegelbild in seinem Petschaft. Er bediente 
sich dessen bei seinen Handelsverbindungen, in seinen viel 
seitigen Rechtsgeschäften, ja, er konnte seiner schließlich über 
haupt nicht mehr entraten, da dies Bild in Wachs gedrückt 
und an eine Urkunde gehängt, die heutige Unterschrift ersetzte, 
sobald er als Zeuge auftrat. — Denn der Schreibekunst — 
das ist wohl zu merken — waren in jenen Zeiten fast nur 
Mönche oder Schriftgelehrte kundig. 
Trotz dieses offenbaren und bald allgemein verbreiteten 
Gebrauches der Wappen seitens des Bürgerstaudes wurde der 
Bürgerliche bis gegen das Jahr 1440 dennoch nicht als ritter 
mäßig. d. h. Wappengenosse von Rechtswegen, angesehen; ja 
nicht einmal die mächtigen regierenden Geschlechter in den 
Reichsstädten galten als „Wappengenossen", d. h. adelig. 
Demzufolge sah auch der wirkliche wappengenossene Adel dem 
Wappentreiben der Bürgerlichen in aller Seelenruhe zu. 
Keinenfalls erblickte er in ihm eine Schädigung seiner 
Privilegien, da er sonst gewiß durch den Kaiser dieselben hätte 
wehren lassen. 
Deshalb finden 
wir auch nirgends 
einen Einspruch 
oder eine Verspot 
tung des bürger 
lichen Wappen 
wesens; man hatte 
sich eben bald daran 
gewöhnt, den 
Bürger in den 
Städten als einen 
oft wünschens 
werten Bundesge 
nossen anzusehen, 
je mehr die Macht 
und Pracht entfal- 
tung daselbst 
wuchs. Nur gegen 
die Führung der 
Wappen seitens 
bäuerlicher Fami 
lien — die also 
auch vorgekommen 
sein muß —wendet 
sich ein gleichzeitiges Spottgedicht. 
Bis Ende des 13. Jahrhunderts waren die Wappen 
eigens erfunden. Von da ab begegnen wir der förmlichen 
Beleihung einzelner Bürger mit solchen seitens der Kaiser. 
Die erste bisher bekannte wirkliche Verleihung eines 
bürgerlichen Wappenbriefes erfolgte durch König Ruprecht am 
Tage, wo er gekrönt wurde; er ist datiert „uff dem Felde vor 
Frankfurt am Tage Sanct Hieronymi (30. September) ] 400 
und giebt den Söhnen des Folze Eyermengers, Bürgers zu 
Mainz „ein Wapen mit itamen einen Schilt mit einem Helme 
daruff (folgt die Beschreibung), das sie Die haben und Der 
(er) gebrauchen mögen ewiclich als andere burger, die Wapen 
haben." Hieraus ist zwar ersichtlich, daß der oberste Landes 
herr das Recht der Bürger, überhaupt Wappen zu führen, 
mit klaren Worten gutheißt; dennoch aber weicht die Form 
der Fassung dieses bürgerlichen Wappenbriefes von derjenigen 
ab, die von den Kaisern gebraucht wurde, um zugleich den 
verliehenen Adel anzudeuten. 
Dirs Dugenlingonhnus in Miltenberg.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.