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Periodical volume 23. Dezember 1893, No. 65.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

—« 779 »- 
Der Schlangenring. 
Eine Sage. 
Dichtung von igltftUjelm Ant. Megener. 
1. Die Notglocke. 
In Zürich stand eine Säule bei Karls des Großen Palast, 
In dem der Kaiser weilte, war er der Schweizer Gast, 
Und an der Säule hoch oben ein Glöcklein befestigt war, 
Ein Glöcklein, wie Silber tönend, so rein, so hell, so klar. 
ES hatte Karl gegeben in Milde dar Gebot, 
Daß, wenn in seinen Landen sich jemand befinde in Not, 
Er dann das Glöcklein zöge, damit es läute hell 
Und von der Not die Kunde dem Kaiser bringe schnell. 
An einem Tag tönt wieder die Glocke in aller Ohr, 
Der Kaiser kommt, und siehe, da windet sich empor 
Zum Strange eine Schlange und blickt so bittend drein 
Mit listig klugen Augen, als wollt gehört sie sein. 
„Mein hoher Kaiser," beginnt sie, „die Säule hier beweist 
Mit ihrem Glöcklein oben, wie edel ist Dein Geist, 
Du hörst deS Schwachen Klage, so sei'S auch mir verliehn, 
Mich bittend Dir zu nahen, der Glocke Strang zu zieh«. 
Bin ich doch eine Fürstin, der Schlangen Königin 
Hier in dem grünen Walde, mit stolzem, hohen Sinn, 
Doch jetzt, da trag' ich Trauer im Herzen mein und Tod, 
Denn wisse, eine Kröte mein HauS gar schwer bedroht!" 
Der Kaiser, gütig lächelnd, gewährt die Bitt' alsbald. 
Dem Wink der Schlange folgend, zieht er mit in den Wald; 
Gleich einem Schwanenhälse streckt sie den schlanken Leib 
Und schlüpft voran, bis endlich anhält das Schlangenweib. 
Und sieh, dort in dem Walde sitzt aus dem Schlangennest 
Gar häßlich eine Kröte mit großen Augen fest, 
Die blickte drein so zornig und wich nicht von dem Ort — 
Ein Schwerthieb, und der Kaiser hat sie gerichtet dort. 
Ein Scheiterhaufen eilig von Reisig ward angefacht. 
Der hat dann ihrem Dasein vollends ein End gemacht, 
Weil sie das Recht des Hauses gar schnöde verletzt hat, 
Mußt mit dem Tode büßen sie ihre Frcvelthat. 
Zu Karl drauf innig dankbar die Schlange blickt empor: 
„Hab Dank, Du edler Kaiser, daß Du mir liehst Dein Ohr! 
Hab Dank, daß Du mein Nest mir, die Kinder auch gewahrt, 
ES bleibt Dir meine Gabe für später aufgespart." 
Sie neiget tief ihr Haupt. — Der Kaiser aber eilt 
Zurück zu dem Palaste, wo er so gerne weilt. 
Wie schreitet heut' er sinnend und still' in sich einher 
Und denke: noch lächelnd der wundersamen Mär! 
2. Der Ring. 
Sie sitzen wieder heiter beim festlich reichen Mahl, 
Der Kaiser und seine Mannen, in Zürichs Kaisersaal. 
Es funkeln in dem Saale die Kerzen hell in Pracht, 
Und edle Sänger preisen der Herrschers hehre Macht. 
Und wie sie dort beisammen in froh erregter Schar, 
Was naht sich da, was kommt heran dort so wunderbar? 
Wohl eine schöne Frau ist'S, doch unten glatt und schlank 
Jst'S ganz wie eine Schlange — sie bringt dem Kaiser Dank. 
Wie wallt herab zum Nacken ihr blonder, lockig Haar, 
Die Wangen zart und rosig, ihr Auge blau und klar! 
DrauS strahlet zaubrisch leuchtend ein wunderbarer Glanz, 
Und auf dem Haupte trägt sie tiefgrünen SchilfeSkranz. 
Und alle staunen und schweigen, verstummt ist Lied und Lust, 
Und manchem kühnen Ritter schleicht Bangen in die Brust, 
Da neigt sich die fremde Erscheinung und wirst in den Becher hinein 
Von Gold einen Ring dem Kaiser mit einem grünen Stein. 
Dann führt zu den Lippen den Becher sie mit dem purpurnen Wein, 
Und trinkt auf dar Wohl der Kaisers, er funkelt wie Perlen darein; 
„Den Ring hier schwer von Golde, den Stein auch wahre gut, 
Wohl Zauberkraft ist in ihm, halt ihn in treuer Hut! 
Wer ihn besitzt, dem bringt er zur Liebe auch die Treu, 
Vom Allvater da droben erhielt ich heut ihn neu; 
Der Luft und Erde Geister zum Dienste sind gebannt, 
Wenn sie den Ring erschauen an eines Menschen Hand." 
Vor Karl den Großen setzt sie den Becher nieder leis, 
Und wellenartig zieht sie sich aus der Ritter Kreis, 
Dann schwebt die Fürstin deS Waldes zur Thüre mit Anmut hinaus. 
Sie ist verschwunden — und nirgend 'ne Spur mehr von ihr im Haus. 
3. Der Heilquell. 
Sieh, Karl in tiefer Trauer, mit ihm sein ganzes HauS, 
Bald trägt zur letzten Ruhe man Hildegard hinaus, 
Entschlafen ist die edle und holde Gattin sein, 
ES sitzt gebeugt der Kaiser an ihrem Sarg allein. 
Die Kerzen funkeln düster und Weihrauchdust zieht mild 
Dort um die hohen Bogen und um der Wappen Schild; 
Da perlen Thränen nieder, der hohe Kaiser weint: 
„Fahr wohl, bis wir dort oben neu wiederum vereint!" 
Noch einmal faßt er leise der Toten kalte Hand 
Und flüstert still, «IS wäre, war schaden könnt' gebannt. 
Er steckt ihr an den Finger den Ring mit grünem Stein, 
Ein Zauberhoit der Gattin sollt' er im Grab noch sein. 
Am Katafalke hatte ein Edelknabe Wacht, 
Der zog den Ring der Kais'rin ganz heimlich ab bei Nacht, 
Darob auf ihn sich wendet der hohen Fürsten Huld, 
Denn lange blieb verborgen deS Frechen schwere Schuld. 
Aus Furcht vor der Entdeckung und vor der Kaisers Zorn 
Wirft endlich er bei Aachen den Ring in einen Born, 
Er ahnt nicht, wie bedeutsam, war er hiermit gethan. 
Hinfort muß Karl dem Heilquell, dem neuen, sich stets nah'n. 
Der Quell, der wunderbare, wird nun sein LieblingSort, 
AIS ruhte dort verborgen geheimnisvoll sein Hort, 
Und bald bei Aachen baut er den Dom, das Schloß in Pracht, 
Da? hat mit seinem Zauber der Schlangenring vollbracht. 
Kleine Mitteilungen 
Kerlirrer Moihnariitslrben. „WeihnachtSmarkt! Welchem 
fröhlicher Lärm klingt mit dem Wort zugleich in unser Ohr! Der Kindheit 
Paradies steigt vor uns auf, eiSumstarrt, schneebestreut, und doch so strahlend 
hell, so lockend, so zauberisch bunt! Alles, was einst beglückt, wir schauen'S 
lächelnd: die Puppen, die Soldaten, die Schachteln, die Nußknacker, die 
Trommeln und Pfeifen, die Waldteufel und die hunderterlei Tiere der Arche — 
kurz Sonne, Mond und Sterne! Während der Schnee dicht und dichter 
flockt, wandeln wir unter grünen, rauschenden Tannen, an deren Zweigen 
goldene und silberne Aepfel wachsen, süße Nüsie und überzuckerte Lebkuchen: 
Märchenwunder der Kindheit — Märchenwunder der Weihnachtszeit!" 
Mit diesen Worten sucht Agnes Schöbe! in dem Vorworte zu dem 
Prachtwerke von Georg Schübel (Verlag von Adalbert Fischer, Leipzig. 
15 Mk.) „Berliner Weihnachtstage" die Empfindungen und Gefühle 
zu skizzieren, die alt und jung, arm und reich in der fröhlichen, seligen, 
gnadenbringenden Weihnachtszeit erfüllen. Was der Feder des Schriftstellers 
nur unvollkommen gelungen, hat der Griffel der begabten Zeichners um so 
anschaulicher auf das Papier gezaubert: er giebt das Berliner Leben zur 
Christzeit getreu der Wirklichkeit entsprechend wieder. WaS er in seinen 
25 Zeichnungen giebt, die in vortrefflichen Lichtdrucken reproduziert sind, ist 
ein getreues Abbild deS Lebens und Treibens auf den Straßen der Haupt 
stadt, im Dachstübchen des Armen, im Prunkzimmer teS Reichen. In 
erster Linie sind Szenen vom Weihnachtsmarkte festgehalten, vie sich am 
kürzesten durch die Bilder-Unterschriften charakterisieren lasten: Italiener- 
knabe. — Marktschreier. — Wurst- und Kuchenecke. — Kleine Kaufleute. — 
An der Fischerbrücke. — Ein Dreier dar Schäfchen. — Aufbruch zum 
WeihnachtSmarkt. — Der billige Mann. — Zwölf Grad Kälte. — 
Handelnde Leute. — Haltet den Dieb! — Nach dem Schneefall. — Hinter 
den Kuliffen u. s. w. u. s. w. Die Szene, mit der wir die gegenwärtige 
Nummer geschmückt haben (s. Abbildung L.777), giebt ein Stück weihnachtlichen 
Stilllebens wieder. Nicht der eigentliche WeihnachtSmarkt mit seinem 
betäubenden Lärm, auf dem hunderte von Stimmen sich zu überschreien 
versuchen, wird uni hier vorgeführt, sondern ein WeihnachtSbaumver 
kauf, der abseits von der geräuschvollen Leipziger Straße in einem der 
stillen Winkel der gleichnamigen Platzes stattfindet. Die Gemahlin des 
gestrengen Herrn Hauptmanns hat einen WeihnachtSbaum erstanden; sie 
zögert offenbar, für das dürftige Bäumchen die geforderte, ihr zu hoch er- 
scheinende Summe zu zahlen. „Aber, Madamken, wat wollen Se denn," 
der Boom ist doch sehr scheen vor 2,50 Mk. Denken Se doch, bei dem 
Villen Schnee hab'n wir nich ville Beeme nach Berlin jekriegt." Ihr zur 
Rechten steht der getreue Bursche, mit Korb und Packeten beladen. Er 
schaut dem Handel etwas melancholisch zu. Denkt er an die Lieben daheim im 
fernen Ostpreußen? Hat er keinen Urlaub erhalten, weil er im Hause deS Herrn 
Hauptmanns als unentbehrliches Faktotum zur Weihnachtszeit nicht fehlen darf? 
— Wenn am heiligen Abend die ehernen Glocken ihre Stimme erheben, wenn 
der weihevolle Gesang aus den dichtgedrängten Kirchen ertönt, wird auch 
in seinem Herzen ein Wiederhall der Engelsbotschast erwachen: „Ehre sei 
Gott in der Höhe und Friede aus Erden und den Menschen ein Wohl 
gefallen." Zugleich wird die süße Hoffnung in sein Herz einziehen, daß 
er zu Ostern den ihm jetzt abgeschlagenen, so heiß ersehnten Urlaub er 
halten wird. II. Gr.
        
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