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Periodical volume 23. Dezember 1893, No. 65.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Anstatt ihm zu antworten, schlang die Braut beide Arme 
um den Hals des alten Freundes und süßte ihn herzlich, was 
sich Vater Mattheus schmunzelnd gefallen ließ. 
Vor der großen Nogatbrücke verließen sämtliche Hochzeits 
gäste ihre Wagen. Nach allem Brauch schaukelten auf den 
im Sonnenlichie schimmernden Wellen des Stromes reich 
geschmückte Barken, welche den Festzug nach der Marienburg 
hinüber führen sollten. 
Fröhlich sprang Konrad, welchen das Kürassierwams nie 
besser und stattlicher gekleidet hatte, als heute, in den einem 
großen Blumensträuße ähnlich sehenden Brautkahn, auf welchem 
lustig im Winde brandenburgische und preußische Fähnlein 
wehten. Hochaufrecht stehend streckte er seine Arme Käthe ent 
gegen, welche in dem Hochzeitsgewande der Allpreußin, dem 
feinen schwarzen Tuchkleide mit den hohen Schulterpuffen 
zwischen denen sich das weiße spitzenbesetzte Brusttuch kleidsam 
hervorhob, höchst anmutig aussah. Mit kräftigem Schwünge 
hob er die Braut in den Kahn. 
Unter Musikklängen und Flintenschüssen wurde die Ueber- 
fahrt vollzogen. 
Am jenseitigen Ufer empfingen der Generalleutenant und 
seine Kinder den Hochzeitszug. 
Jwa befestigte eigenhändig den Brautkranz in dem schönen 
Haar ihrer treuen Dienerin. Als sie derselben dabei von 
ihrem eigenen Glücke Mitteilung machte, beugte sich Käthe 
zu innigem Kusse auf die Hand ihrer Herrin und sprach 
freudig bewegt: 
„Run habe ich keinen Wunsch mehr auf Erden, vielliebe 
gnädige Gräfin!" 
Noch niemals war Jwa eine kirchliche Feier so weihevoll 
erschienen wie heute. 
Durch die drei hohen Altarfenster und deren wundervolle 
Malerei lauschten die Sonnenstrahlen dem Chorgesange der 
Marienburger Jugend. Es war, als ob die jugendlichen 
Sänger von Hoffnungssreudigkeit und Zuversicht durchglüht 
wären, so frisch und dabei doch erhebend klangen ihre Stimmen: 
„Herr Gott, Dich loben wir, Herr Gott, wir danken 
Dir; Dich, Vater in Ewigkeit, ehrt die Welt weit und breit. 
Heilig ist unser Gott!" 
Die Worte weckten einen Wiederhall in Jwas Brust. 
Schwere Leidenszeit lag hinter allen. Schuld und Fehle 
halten die Herzen gequält. Sorgen und Leiden waren von 
außen hereingebrochen. Und herrlich aus aller Not war man 
jetzt errettet. Die Zukunft leuchtete gleich der Sonne aus 
klarem, blauem Himmel hernieder. — 
Die Werderschenke auf dem Wege nach Groß-Lichtenau 
genoß hohe Ehre zum Freudentage der Tochter des Hauses. 
Nicht allein Georg von Waldeck, der ehemalige Gebieter 
des Bräutigams, wohnte dem Festmahle zu Ehren der Neu 
vermählten bei. Auch der greise Generalleutenant und dessen 
Tochter weilten mehrere Stunden im Hochzeitshause. Jwa 
verschmähte ebensowenig einen Tanz mit dem stattlichen Kon 
rad, wie Georg mit der anmutigen Käthe. 
Während sich alles im fröhlichen Reigen drehte, saß 
Jofias von Waldeck mit Vater Matlheus in einer stilleren 
Ecke bei einem Kruge Rigaer Methes und tauschte Kriegs 
erinnerungen mit seinem glückseligen alten Kameraden aus. 
„Ja, so geht's mein Freund," sprach er freundlich lächelnd. 
„Du hast ein Bein, ich einen Arm für das Vaterland 
hergeben müssen. Es thut uns beiden nicht leid darum — 
was meinst Du? 
Gottes Güte hat es doch zuletzt freundlich für uns gefügt. 
Wir haben ein jeder gefunden, was das fehlende Glied ersetzt. 
Du bestehst darauf, hier in dieser Gegend zu bleiben?" 
„Ja, lieber, gnädiger Herr Jeneralleutenant, wenn's ver 
stattet is!" erwiderte der Alte. „Ick muß ihr bis ziLs letzte 
Stündlein vor Ojen haben. Auch muß ick ja Wache hallen, 
der sich Preußen un Brandenburch mit'nander vertragen thun!" 
Bei dem letzten Wort richtete er schelmisch den Blick auf das 
junge Ehepaar. 
„Nun so bleibe, alter, treuer Wächter!" sagte der Graf. 
„Möchtest Du stets Freude an Deinem Hüteramt erleben, 
braver Kamerad!" — 
Eine Nacht verweilte der Generalleutenant mit seiner 
Tochter noch als Gast Herrn von Rauschkes auf der Marienburg. 
Am nächsten Morgen trat er in aller Frühe mit Jwa 
und Georg die Heimreise nach dem in der Mark gelegenen 
Stammgute seines Hauses an, um voraussichtlich nie mehr in 
diese Gegend zurückzukehren. 
Es war ein herrlicher Seplembermorgen, als der Reise 
wagen durch das Mittelportal des Brückenthores fuhr, um 
über die große Nogatbrücke davon zu rollen. 
Hoch und stolz schaute das sich in den Wellen des 
Stromes spiegelnde Ordenshochschloß den Abreisenden nach. 
' Mild und hehr schien das Marienbild ihnen ein Lebe 
wohl zuzulächeln. 
Von den Zinnen herab grüßten die vereinten branden- 
burgischen und preußischen Fahnen. 
Den Arm um seine Braut schlingend, schwang Georg 
von Waldeck seinen Hut zum Abschiede empor, während Jwa 
mit feuchten Augen ihre Hände faltete. Leise und andächtig 
kam es von ihren Lippen: 
„Er hat uns viel gegeben, der rote Adler auf der 
Marienburg." — 
Dem Gedächtnis einer Gdlen. 
Ein Weihnachts-Gedenkblatt 
zum hundertjährigen VermähIungStage der Königin Luise. 
Von Hermann MüUer-Kaftn. 
Vor hundert Jahren war es zur fröhlichen, seligen 
Weihnachtszeit — die Glocken klagen von den Türmen herab 
und läuteten das lieblichste aller Feste ein. — Da ging es 
in den Straßen und auf den Plätzen des guten, alten Berlin, 
das man schon damals nicht zu den stillen Städten zählen 
durfte, noch lebhafter und unruhiger zu als gewöhnlich. 
Das war ein Erzählen und Fragen und Debattieren in allen 
Bürgerkreisen, ein Hämmern und Zimmern auf den Haupt 
straßen und Plätzen der Residenz. Rüstete mau sich doch zu 
dem Einzuge der Prinzessinnen Luise und Friederike von 
Mecklenburg; sollten doch der ^Kronprinz Friedrich Wilhelm 
und sein Bruder Prinz Ludwig in den beiden lieblichen 
Schwestern zu dem bevorstehenden Weihnachtsfeste ihr köstlichstes 
Christgeschenk erhalten. 
Freilich, die ganze damalige Zeit war zu heiterem Scherz 
und fröhlichen Festen schlecht genug angethan. Ein Wetter 
sturm, furchtbar und verheerend in seinen Wirkungen, zog 
brausend durch die Welt, rüttelnd an den Thronen und an 
den alten bestehenden Verhältnissen mit solcher Gewalt, daß
        
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