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Periodical volume 23. Dezember 1893, No. 65.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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eigene Tüchtigkeit ist er emporgestiegen zu achtunggebietender 
Höhe inmitten der Großmächte. Seine Hände tragen keine 
Fesseln mehr. 
Brandenburg neigt sich nur noch vor jenem Oberlehns 
herrn." 
Der greise General deutete zuni Himmel empor. In 
seinem schönen, blauen Auge schimmerte eine Thräne freudiger 
Erregung. 
Er drückte dem jungen Vetter die Hand. „Habe Dank 
für den ausführlichen Bericht, mein lieber Sohn! 
Nun aber zu Dir! Was gedenkst Du jetzt zu beginnen, 
Georg? 
Gönne Dir eine Ruhepause! Kehre heim mit uns auf 
unser Stammschloß in der Mark! Laß uns stillbeglückt zu 
dreien ein schönes Weihnachtsfest feiern! So lange kann 
Dich der geheime Rat des Kurfürsten und auch der Kriegs 
dienst entbehren. Mich dünkt, Du bedarfst der Ruhe." 
„Ich kann nicht, Josias," kam es gepreßt von Georgs 
Lippen, während er versuchte, dem warm und herzlich auf ihm 
ruhenden Blicke seines Anverwandten auszuweichen. 
Hastig stand er auf und wandte sich ab. 
Ein Lächeln glitt über das milde Greisenantlitz. Alle 
väterliche Liebe, die er für den jüngsten Sohn des jüngsten 
Bruders seines Vaters empfand, sprach aus dem Blicke, mit 
dem er der hohen, kraftvollen Erscheinung folgte. 
„Du kannst nicht, Georg? Warum kannst Du nicht mit 
mir und Jwa heimkehren?" 
Ohne sich umzuwenden, mit erzwungener Festigkeit im 
Tone, erwiderte der junge Graf: 
„Noch ist es nicht an der Zeit, die Hände ruhen zu lassen, 
Josias! Ich würde es nicht ertragen. Vorerst habe ich über 
dies die Verhandlungen zu führen, welche zwischen Johann 
Kasimir und Friedrich Wilhelm in Bromberg gepflogen werden 
sollen. 
Wer weiß auch, was der Schwedenkönig in seinem Zorn, 
sobald er uns mit dem Kaiser und mit Polen vereinigt sieht, 
im Schilde führt. Von seiner Seite können wir auf alles 
gefaßt sein. Karl X. ist ein nicht zu unterschätzender Gegner."' 
Wiederum lächelte der alte Graf. Es fehlte den Worten 
des jungen Feldmarschalls jene Festigkeit, welche dieselben 
sonst auszeichneten. Es klang vielmehr, als ob Georg nach 
Ausflüchten suchte. 
„Es geht wirklich nicht." erklärte er nochmals. 
Der Generalleutnant erhob sich. 
„Ich sehe schon, daß ich mir Unterstützung verschaffen 
muß, wenn ich Dich überreden will, den Dir vom Kurfürsten 
gnädigst bewilligten Urlaub für die Dauer eines Jahres auf 
unserem heimatlichen Schlosse zu verleben. Die Macht, welche 
Deine Sohnesliebe mir bisher einräumte, scheint nicht mehr 
zu genügen. Nun, ich bin mit Freuden bereit, dieselbe in 
andere Hände übergehen zu lasten." 
Georg, hochrot im Antlitz und im nächsten Augenblick 
jäh erblassend, wandte sich um; aber schon hatte der ältere 
Vetter das Gemach verlassen. 
Mit düsterem Blicke stand der junge Graf vor der Polster- 
bank in tiefer Fensternische, auf welcher einstmals Jwa, mit 
der Hochmeisterchronik beschäftigt, gesessen hatte, als Vater 
Mattheus erschien, um zum ersten Male den Namen ihres 
Vaters zu nennen. 
„Ich weiß, was er meint," murmelte Georg. „Seine 
Tochter will er hersenden, daß sie mich bittet, den Urlaub, 
welchen der Vater als einzige Belohnung für seine im Felde 
bewiesene Tapferkeit für mich erbeten hat, in der Nähe des 
noch immer Leidenden zu verbringen. 
Ah, sehr freundlich wird sie sprechen mit ihrer Stimme, 
die mir zuerst bestrickend in das Ohr klang, und deren süßer 
Ton mir jetzt in die Seele schneidet: 
„Bruder Georg, bleibe bei dem kranken Vater und Deiner 
Schwester Jwa!" 
Ein bitteres Lächeln trennte die Lippen des jungen Grafen. 
„Seltsam leicht scheint ihr diese verwandtschaftliche Benennung 
seit unserem Wiedersehen über die Lippen zu gleiten. 
Ich will es nicht, nein!" 
Georg wandte zornig der Eingangsthür den Rücken. 
„Ich mag nicht ihr Bruder sein. 
So unglücklich, so schmerzzerrissen war mir ja nicht zu 
Mute, als jener elende Pole an ihrer Seite weilte, und sie 
mir bei jeder Gelegenheit entwich, wie jetzt, da sie mit gleich 
mütiger Ruhe ihrer geschwisterlichen Zuneigung nicht genug 
Ausdruck verleihen kann!" 
Mit hämmernden Pulsen harrte der junge Graf auf seine 
junge Anverwandte. 
Er sollte nicht lange warten. 
Bald wurde der türkische Thürteppich, unter dem vor 
zwei Jahren Jagjels dunkellockiges Köpfchen hervorgeschaut 
hatte, beiseite geschoben. 
An Stelle des schmalen, krankhaft bleichen Knabenantlitzes, 
das sich erschrocken auf die unglückliche Stiefschwester gerichtet 
hatte, tauchten zarte, rosig angehauchte Züge eines ideal schönen 
Frauenhauples hinter dem leuchtenden Vorhänge hervor. 
So wohl und blühend hatte Jwa früher niemals aus 
gesehen. Was die Polin dadurch an pikantem Reiz verloren, 
gewann die Brandenburgerin an natürlicher Frische. 
Das lichtblaue Seidenkleid und der Rosenstrauch an der 
Brust standen ihr entzückend. So herzgewinnend war sie in 
der kleidsamsten polnischen Nationaltracht nie erschienen. 
Das empfand Georg, als er auf einen leisen, zaghaften 
Anruf: 
„Georg! Lieber Georg!" 
sein Haupt umwandte. — 
Das Ehrenpreis auf der Waldwiese! — Der Blick des 
jungen Feldmarschalles leuchtete auf, nicht zum mindesten auch 
deshalb, weil sie ihn bei seinem Namen gerufen hatte, nicht 
mit dem ihm verhaßten „Bruder". 
Sein Auge verriet alles, was in seinem Innern vorging. 
Es genügte, um eine heiße Röte auf Jwas Wangen zu 
zaubern. 
Mit einer Befangenheit, welche der am gestrigen Tage 
gezeigten schwesterlichen Vertraulichkeit seltsain widersprach, die 
aber Georg hoch beglückte, blieb die junge Dame in der Nähe 
der Thüre stehen. 
Leise und zaghaft kamen die Worte über ihr^ Lippen: 
„Der Vater sendet mich. Ich soll Dich bitten, uns nach 
Brandenburg zu begleiten. Gern folge ich seinem Gebot. 
Ich bitte." — 
Georg trat ungestüm an sie heran. Mit innerem Jubel 
blickte er auf die erzitternde Gestalt. Seine Augen feuchteten 
sich, als er rasch und leidenschaftlich fragte:
        
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