Path:
Periodical volume 12. November 1892, No. 7.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

« 78 Ek 
unvergeßlichen Kronprinzen Friedrich Wilhelm statt, der dabei 
die schönen Worte sprach: 
„In sinniger Weise sind in diesen Räumen aus den 
Tagen der Reformation Andenken aller Art vereinigt, deren 
Vermehrung und Vervollständigung ich glücklichen Fortgang 
wünsche. Denn unser Volk kann nicht oft und nicht lebhaft 
genug an die Segnungen erinnert werden, welche es dem 
Manne verdankt, dessen Namen diese Halle trägt. Wer ge 
dächte nicht hier und heuie dessen, was Martin Luthers Geist 
und Wirken auf mehr als einem Gebiete deutsch-nationalen 
Lebens für uns erworben Hai? Möge diese seinem Gedächtnis 
gewidmete Feier uns eine heilige Mahnung sein, die hohen 
Güter, welche die Reformation uns gewonnen, mit demselben 
Mute und in demselben Geiste zu behaupten, mit dem sie einst 
errungen worden sind. Möge sie insbesondere uns in dem 
Entschlüsse befestigen, alle Zeiten einzutreten für unser evan- 
starb Dr. Johannes Bugenhagen, Generalsuperintendent 
des Kurkreises, geb. zu Wollin in Pommern den 24. Juni 1485, 
gestorben in Wittenberg den 20. April 1558. Hebräer 13,7." 
Dieser treue Mitarbeiter Luthers, der Braunschweig, Hamburg. 
Lübeck, Pommern, Dänemark für das Evangelium gewann, 
hat in Wittenberg von 1523 bis zu seinem Tode in der 
Stadt- oder Pfarrkirche gewirkt. 
Die Stadt- oder Pfarrkirche (s. Abb. in vor. Nr. 
S. 65) ist die eigentliche evangelische Mutterkirche, da in ihr 
schon seit Neujahr 1522 durch die Augustiner der Anfang 
eines evangelischen Gottesdienstes gemacht wurde. In diesem 
altehrwürdigen Gotteshause hat Luther häufig gepredigt, wenn 
er den frommen Bugenhagen vertrat. Der östliche niedrigere 
Teil der Kirche, ursprünglich eine kleine Kapelle, war schon 
um 1300 vorhanden; 1412 benutzte man diesen Teil als 
Altarchor und baute daran das Hauptschiff mit zwei Seiten- 
Die Anirr in bcv LntheriicrUe in Wittenberg. 
gelisches Bekenntnis und mir ihm für Gewissensfreiheit und 
Duldung! Und mögen wir stets dessen eingedenk bleiben, 
daß die Kraft und das Wesen des Protestantismus nicht im 
Buchstaben beruht und nicht in starrer Form, sondern zugleich 
in dem lebendigen und demütigen Streben nach christlicher 
Wahrheit!" 
Wenige Häuser vom Lutherhause (in der Kollegienstraße 
Nr. 60) wohnte der gastfreundliche Philipp Melanchthon, 
der Verfasser der ersten evangelischen Dogmatik und der Augs 
burgischen Konfession. Das Haus des Vraeos^torOerraariias, 
in welchem der Miiarbeiter und Mitstreiter Luthers ein überaus 
inniges Familienleben führte, trögt jetzt eine Tafel mit der 
Inschrift: „Hier wohnte, lehrte und starb Philipp Melanchthon." 
Bis zum Jahre 1846 befand sich dasselbe im Privatbesitz; in 
jenem Jahre fauste es König Friedrich Wilhelm IV. und 
schenkie es dem Prediger-Seminare. An einen weiteren Mit 
streiter Luthers erinnert eine Tafel an der Superintendantur 
(Kirchhof Nr. 9). welche meldet: „Hier wohnte, wirkie und 
schiffen samt den Türmen. Ein tieferes Eingehen auf die 
Baugeschichte der Pfarrkirche und die reichen Kunstschätze, die 
sie namentlich im Inneren birgt, ist an dieser Stelle leider 
nicht möglich. Ebenso müssen wir uns bei dem Rathause 
(s. Abb. in vor. Nr. S. 66) auf einige kurze Notizen be 
schränken. Dasselbe ist — laut Nachweis der Kämmerei- 
Rechnungen — in den Jahren 1523—1541 erbaut worden. 
Die Vorhalle und der Balkon stammen aus dem Jahre 1573, 
eine gründliche Renovierung des Rathauses fand im Jahre 1768 
statt. In der Ratskellerstube an der Westecke der Hauptfront 
hat Luther zweifellos verkehrt. Von großem Werte sind die 
Urkunden, welche das städtische Archiv birgt; so sind die 
Kämmerei-Rechnungen der Stadt in ununterbrochener Reihenfolge 
von 1410 an erhalten, das älteste Dokument trägt die Jahres 
zahl 1293. 
Auf dem Marktplatze (s. Abbildung in voriger Nr. 
S. 68) vor dem Rathause stehen die Denkmäler Luthers 
und Melanchthons. Beide sind aus piivaten Sammlungen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.