Path:
Periodical volume 9. Dezember 1893, No. 63.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

-s 754 s- 
Himmel empor, gekrönt von der in Gold schimmernden Kaiser 
krone. 
Wenigen Künstlern ist es vergönnt gewesen, ihre Ideen 
völlig unbehindert zur Ausführung zu bringen. Wallot ist 
das gleiche Schicksal beschieden gewesen, denn eine vielköpfige 
Hydra, eine Baukommisfion, setzte seinen Plänen manches Be 
denken entgegen; sie war auch die Ursache, daß der Künstler 
sogar noch nach der Grundsteinlegung manche Umarbeitungen 
in seinem Plane vornehmen mußte. Gegenüber dem ersten 
Entwurf wurde das hohe Erdgeschoß zum Hauptgeschoß um 
gewandelt, die Durchführung der Querachse fallen gelassen, die 
vier symmetrisch angelegten Höfe zu zwei größeren zusammen 
gezogen und endlich nach verschiedenen Aenderungen ein über 
dem großen Sitzungssaale, dem Kern des Gebäudes, projektierter 
hoher Kuppelbau zu geringerer Höhe herabgemindert und zu 
einem Oberlicht in Eisen und Glas ausgebildet. Bevor diese 
Kuppel endgiltig über dem Sitzungssaale errichtet ward, harte 
die Baukommission geplant, sie über der Vorhalle aufzuführen. 
Grund für diesen Plan war das Bedenken, daß der Sitzungs 
saal nicht genügendes Licht erhalten werde, wenn der ur 
sprünglich von Wallot projektierte Kuppelaufbau zur Aus 
führung gelangen sollte. Nach den Vorschlägen der Kommission 
wurde denn auch mit dem Bau vorgegangen; aber während 
noch die Mauern emporstiegen, fühlte der leitende Meister, 
daß er die von der Kommission beschlossene Aenderung der 
Kuppel vor seinem künstlerischen Gewissen nicht verantworten 
könne. Mit Mühe setzte er es durch, daß die Kuppel nach 
träglich doch noch über dem Sitzungssaal errichtet ward. Die 
Umfassungsmauern des Saales waren inzwischen leider schon 
soweit gediehen, daß ihre notwendige Verstärkung nur unter 
Beeinträchtigung der benachbarten Räume möglich gewesen 
wäre. Das ging nicht an. Der Künstler sah sich daher ge 
zwungen, die ursprünglich geplante Kuppel wegen ihres allzu 
großen Eigengewichtes fallen zu lassen und eine solche von 
geringerem Gewicht und selbstverständlich auch von geringerer 
Höhe und weniger wuchtigem Charakter in Eisen mit Kupfer 
ummantelung und Glas herzustellen. 
Die Verbindung von Stein und Eisen zur Erzielung 
einer monumentalen Wirkung gehört zu den schwierigsten 
Problemen der modernen Architektur. Einer der hervor 
ragendsten Architekten unserer Zeit, Gottfried Semper, zweifelte 
noch vor etwa 40 Jahren, daß es möglich sei, der Eisen- 
konstruktion für die ernste Architektur einen angemessenen Aus 
druck zu geben. „Sollte es," so fragt er, „aus unserer Un- 
ersahrenheit in der Benutzung des Stoffes herrühren?" Und 
er antwortet mit einem „Vielleicht", um alsdann fortzufahren: 
„Doch soviel steht fest, daß das Eisen und überhaupt jedes 
harte und zähe Metall, als konstruktiver Stoff seiner Natur 
entsprechend in schwachen Stäben und zum Teil in Drähten 
angewendet, sich wegen der geringen Oberfläche, welche es in 
diesen Formen darbietet, dem Auge umsomehr entzieht, je 
vollkommener die Konstruktion ist, und daß daher die Bau 
kunst, welche ihre Wirkungen auf das Gemüt durch das Organ 
des Gesichtes bewerkstelligt, mit diesem gleichsam unsichtbaren 
Stoffe sich nicht einlassen darf, wenn es sich um Massen 
wirkungen und nicht bloß um leichtes Beiwerk handelt. Als 
Gitterwerk bei Einhegungen, als zierliches Netzwerk darf und 
soll die schöne Baukunst das Metall in Stäben als günstigsten 
Baustoff anwenden und zeigen, aber nicht als Träger großer 
Massen, als Stütze des Baues, als Grundton des Motivs." 
— Die Ausführungen Sempers mögen das Verständnis für 
die Schwierigkeiten, welche der Verbindung von Sle n und 
Eisen behufs Erzielung einer monumentalen Wirkung ent 
gegenstehen, erweitern; sie mögen auch die Leistung Wallots 
in das richtige Licht setzen. Man mäkelt, die Kuppel sei zu 
sehr gedrückt, zeige, übereck gesehen, unschöne Verkürzungen 
der Gräte, blitze zu prahlerisch in Vergoldung, werde geradezu 
erdrückt von den vier gewaltigen Ecktürmen des Baues. Nun, 
ein altes Sprichwort sagt: „Wer da bauet an den Straßen, 
muß sich den Tadel gefallen lassen." Im Grunde genommen, 
bekundet diese Kuppel das hervorragende Können emes er 
fahrenen Meisters, und im Gegensatz zu den zweifelnden 
Ansichten Gottfried Sempers zeigt sie, daß es möglich ist, 
auch Metall und Stein organisch zu ernster und feierlicher 
Wirkung zu verbinden. 
Schluß folgt.) 
D. Julius Müllensiefen, 
Slrchidiakonus an St. Marien in Berlin. 
Am 29. April d. I. hat ein reiches Leben seinen Ab 
schluß gefunden, dessen Segensströme sich in aller Stille lange 
Jahre hindurch auch über die Haupt- und Residenzstadt Berlin 
ergossen haben. Pastor em. D. Julius Müllensiefen schloß 
an diesem Tage zu Wernigerode am Harz. wohin er sich seit 
dem Jahre 1890 zurückgezogen hatte, sein Auge zum letzten 
Schlummer. 
Geboren war Müllensiefen am 28. April 1811 zu 
Iserlohn in Westfalen, woselbst sein Vater Landrat war. 
Als er geboren wurde, lag Gottes Hand schwer auf unserem 
Vaterlande. Die guten Patrioten, zu denen die Markaner 
und ganz besonders der Landrat Müllensiefen gehörten, 
empfanden die damalige Bedrängnis tiefer und schmerzlicher, 
als wir es uns zumeist heute vorstellen können. 
Der Landrat Müllensiefen war ein Mann nach der Art 
Steins und Vinckes, mit welch' letzterem er auch eng be 
freundet war. Unausgesetzt war er für das Wohl seiner 
Mitbürger thälig. Gewissenhaft, streng und treu in Erfüllung 
seiner amtlichen Pflichten, nahmen ihn bei seiner reichen Be 
gabung vielseitige geistige Jntereffen auf mancherlei Gebieten 
in Anspruch. Insbesondere ließ er es sich angelegen sein, in 
seinem ganzen Kreise Einrichtungen zur Förderung der Ge 
sundheitspflege zu treffen, überall trar er für Beschaffung 
guten Wassers und gesunder Luft bei den kleinen Leuten ein, 
kämpfte gegen den Branntwein und suchte auf sittliches und 
religiöses Leben hinzuwirken. „Lebendig, beweglich, von feiner 
Sitte, mit einem Zuge von Ritterlichkeit, ein origineller, 
charaktervoller Mann, in dessen Munde nie ein unwahres, 
ungeschickles Wort erfunden ward, voll Herzensgute bei einem 
leicht erregbaren Temperament," so schildert ihn der Sohn 
selbst in den „Lebenserinnerungen", die er der Familie hinter 
lassen hat. 
Auch die Mutter Müllensiefens war eine selten edle 
Frau und begeisterte Patriotin. Nicht ein einziges Stückchen 
Schmuck hat sie ihren Töchtern hinterlassen, alles, selbst ihren 
Trauring, hatte sie auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. 
Auch wird von ihr erzählt, daß sie es unter Thränen beklagt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.