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Periodical volume 9. Dezember 1893, No. 63.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Ein leidenschaftlich bewegtes Gespräch entspann sich 
zwischen beiden. — 
Der Generalmajor begab sich inzwischen nach der ihm 
zugewiesenen Wohnung. Es waren etliche der ehemals vom 
Starosten Jakob von Weiher bewohnten Räumlichkeiten. 
Georg hatte sich während der Zeit, die er fern von der 
Marienburg zugebracht, merklich verändert. 
Als er in dem Sonnenschein des schönen Frühsommer 
tages den Säulengang entlang schritt, sah er bedeutend älter 
aus. als der kurze Zeitraum es mit sich gebracht haben konnte. 
Seine Haltung war zwar noch ebenso stolz wie früher; 
auch das vornehm gezeichnete Antlitz hatte nichts von dem 
freien, kühnen Ausdruck eingebüßt, aber der frohgemute Blick 
des Auges war geschwunden; auch die Gesichtsfarbe erschien 
um einige Töne blasser. 
„Nun, Konrad, was hast Du erkundschaftet?" waren seine 
ersten Worte, als er sein Zimmer betrat, in dem sich der 
Kürassier, augenscheinlich des Gebieters harrend, befand. 
„Du machst ein zweifelhaft vergnügtes Gesicht! — Weiß 
jemand, wohin sich Frau von Weiher und deine Käthe ge 
flüchtet haben? Sahst du den alten Mattheus? So rede doch, 
Bursche!" 
„Ja Herr, ich weiß nicht, was ich von dem Alten, der 
wie immer in seiner Kellerstube haust, denken soll." berichtete 
halb lachend, halb grimmig Konrad. 
„Er gibt mir keine Auskunft über den Verbleib der 
Starostin und ihrer Jungfer. Dabei schneidet er verschmitzte 
Grimassen und gibt zu, den Aufenthalt zu kennen, behauptet 
jedoch, sein Ehrenwort gegeben zu haben, denselben keinem 
Menschen zu nennen. 
Zum ersten Male habe ich dem Alten zornige Worte ge 
sagt. Er hat dazu gelacht. Einen Trost wenigstens gewährte 
mir das. Meine Käthe — ich wollte sagen, Frau von Weiher 
und ihre Käthe müssen sich wohl befinden, sonst hätte Vater 
Mattheus anders dreingeschaut. 
Zuletzt hat er mir als Antwort auf alle meine Bitten 
dies für den Herrn Grafen gegeben." 
Mit leichtem Staunen nahm der Generalmajor ein kleines 
Packet entgegen. 
Als die Umhüllung gefallen war, lag ein Schlüssel 'in 
Georgs Hand. Es war derselbe, dessen Inschrift der Kurfürst 
entziffert hatte. 
Georgs Auge leuchtete auf. 
„Wir gehen unverzüglich nach dem Hochschlosse. Eile 
voraus und sieh zu, ob wir unbemerkt dahin gelangen können!" 
gebot er hastig. 
„Es ist just die beste Zeit, Herr. Die schwedischen 
Söldner sind zum Mittagsmahl im alten Vorratshause zu 
sammengetrommelt worden." 
Mit nicht geringem Eifer eilte der Kürassier seinem Ge 
bieter voran. 
Als der junge Graf die Brücke betrat, welche über den 
trockenen Graben führte — zu beiden Seiten derselben neigten 
jetzt blühende Fliederbüsche ihre duftenden Zweige — dachte 
er daran, daß er die heute sehnsüchtig Gesuchte bereits ein 
mal in dem halbverfallenen Hochschlosse gefunden hatte. Da 
mals wehrte ihm der Kurfürst, sich ihr zu nähern. 
Heute befand sich kein Warner an seiner Seite. Um so 
ernster legte sich Georg die Frage vor: 
„Mit welchem Rechte störe ich eine selbstgewählte Ver 
borgenheit? 
Wie wird sie mein Eindringen aufnehmen? Steht mir 
die Polin nicht ferner denn je? 
Ich will nur Josias, der sich in Sehnsucht und Angst 
um seine Tochter verzehrt. Nachricht von ihr bringen," suchte 
er sein Gewissen zu beschwichtigen. „Nur sehen — von ferne, 
wenn es sein muß — möchte ich sie!" 
Mit ernsten, sorgenvollen Gedanken betrat er die tief 
gebaute Pforte. 
Verworrene Vorstellungen und Befürchtungen peinigten ihn. 
Mit bebender Hand schloß er auf. 
Als er das Portal durchschritten und den Säulengang, 
welcher den Schloßhof umgab, erreicht hatte — ob Konrad 
ihm folgte, wußte er nicht — schweifte sein Blick suchend 
umher. 
Es war nicht lange nötig. 
Er vemahm einen Freudenschrei und sah Käthe an sich 
vorübereilen. Dann bemerkte er im vollen Sonnenschein eine 
Gruppe. 
Weder rechts noch links schauend, steuerte er dem weißen 
Punkte entgegen. 
Jwa, die mit Jagjel in ihren Armen auf einer Stein 
bank inmitten der grünenden und blühenden Wildnis saß, 
schloß, sobald sie den Generalmajor erkannte, in einer Schwäche 
anwandlung ihre Augen. 
AIs sie die Lider wieder öffnete, war ihr Blick starr und 
das Antlitz farblos. 
Ohne ein Wort zu sagen, aber mit all dem in seinen 
Zügen, was ihm das Herz bewegte, verneigte sich Georg vor 
seiner jungen Anverwandten. 
Plötzlich begann der Bann zu weichen, welcher beide 
umfing. 
Zwei hagere kleine Arme streckten sich dem jungen Grafen 
entgegen. Aus einem verfallenen Kinderantlitz leuchtete die 
Freude des Wiedersehens. 
„Jagjel!" Tiefergriffen beugte sich Georg zu dem Kleinen 
nieder. „Mein armes Bürschchen!" 
„Bist Du wieder da. Ohm Waldeck? Ach, das ist schön. 
Geh' nicht mehr fort!" flehte die heisere Stimme des Kindes. 
„Nein, ich bleibe bei dir," versprach Georg, indem er 
den Knaben liebevoll in seine Arme nahm. 
Ein verhaltenes Schluchzen lenkte seinen Blick auf Jwa. 
Sie hatte ihr Antlitz in beide Hände vergraben und weinte 
bitterlich. 
„So ist's gut, Jwa," sagte Georg weich. „Das er 
leichtert die Seele." 
Den Kleinen, welchen ihm Jwa willig überlassen hatte, 
zärtlich umschließend, nahm er in angemeffener Entfernung 
auf der Bank Platz. Halb zu Jagjel, halb zu der jungen 
Frau sprechend, erklärte er seine Anwesenheit auf der Marien, 
bürg. 
Allmählich verstummte das Schluchzen neben ihm. 
Der Ausdmck des Schmerzes auf Jwas lieblichen Zügen 
wich dem des Entsetzens. Die vorgehaltene Hand ließ es 
Georg nicht merken. Ahnungslos sprach dieser fort. 
Was Mattheus und Käthe nur unter der Form banger 
Vorausahnung miteinander geflüstert hatten, gelangte zum
        
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