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Periodical volume 25. November1893, No. 61.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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und bahnbrechendsten unter ihnen aus dem Bauernstand her 
vorgegangen sind. So oft ein Niedergang in der deutschen 
Kultur eingetreten mar, kamen aus diesem Stande die 
Elemente, welche die verdorrten Aeste des nationalen Lebens 
baumes mit ftischem Leben versahen. Noch in dem Verfasser 
des Rembrandtbuches tritt ein warmer Verteidiger des Bauern 
auf. „Das deutsche Volk ist ein Bauernvolk", ist der leitende 
Grundgedanke bei ihm, auf welchen er seine Ausführungen 
in letzter Linie immer wider zurückführt. 
Als Ackerbauer treten die deutschen Stämme in die 
Geschichte ein; die Sprachforschung hat auch festgestellt, daß sie 
bereits auf ihren Wanderzügen von Asten aus mit dem Getreide 
bau bekannt waren. Es ist allerdings noch ein weiter Weg 
von diesen Urzuständen bis zu der Bildung eines Bauernstandes, 
der sich in seinen sozialen Verhältnissen klar und deutlich von 
der übrigen Volksmasse abhebt; 
aber schon sind in der Dorf-Ver 
fassung, oder besser in der Mark 
genossenschaft die Grundzüge eines 
solchen enthalten. Denn, sobald 
die Germanen dauernde Wohnsitze 
eingenommen hatten, begannen sich 
auch aus den ursprünglichen freien 
Grundbesitzern, durch das Empor 
kommen der Fürstenmacht be 
günstigt, mehr und mehr Bruch 
teile abzusondern, die in ein be 
stimmtes Abh äng igkeitsv erh ällnis 
zu einem großen Führer traten und 
als Lohn Land zu Lehen er 
hielten. Daneben mag es auch 
vorgekommen sein, daß durch Tausch, 
Kauf oder sonstigen Erwerb sich 
die nrsprünglich gemeinsamen Be 
sitz-Verhältnisse verschoben haben 
und eine immer größere Menge 
von einst freien Besitzern zu ab 
hängigen Pächtern der Mächtigen 
gemacht wurde. Auch aus Ge 
fangenen, die zunächst als Sklaven 
das Land bewirtschafteten, ent 
wickelten sich im Laufe der Zeit selb 
ständigere Besitzer, welche bei fort- 
bestehender Leibeigenschaft Fronen und Zinsen leisteten. 
So können wir sehr früh eine Standesscheidung be 
merken; denn der alten Herrenbevölkerung, gewisser 
maßen einem Volksadel, steht m der unfreieren Mehr 
zahl des Volkes, den Leibeignen im engeren Sinne, den 
Hörigen und den Ministerialen, welche im Dienste eines 
Fürsten find, eine unterthänige Masse gegenüber, deren Glieder 
aber allesamt noch im Ackerbau ihre Lebensaufgabe finden. 
Erst in der Karolingerzeit kommt der neue Dienstadel auf, 
in welchem der Volksadel aufgeht, wenn er nicht, was auch 
vielfach geschah, zu der unfreien Bevölkerung herabge 
drückt wurde. 
Bei der Bildung des Bauernstandes tritt in dem Institut 
der Kolonen, die eine Mittelstellung zwischen Sklaven und 
Freien einnahmen, noch ein anderes Element auf, dessen Nach 
wirkungen bis in die moderne agrarische Gesetzgebung hinein 
reichen. Das Kolonat beschränkt den Besitz auf das Nutzungs° 
recht an Bauerngütern, die dem Bauern von der Gutsherr 
schaft verliehen werden, daher auch nicht immer erblich sind. 
Namentlich in dem 11. Jahrhundert, in dem die Zahl der 
alten freien Besitzer immer geringer und die Macht der mit 
den Ministerialen engverbundenen Dienstadeligen immer größer 
wird, nimmt die Besiedelung des verödeten Landes in dieser 
Art einen bedeutenden Aufschwung. Die Ansammlung von 
Gütern in der Hand der wirtschaftlich hochstehenden Kloster 
genossenschaften und der Kirchen trug viel zu dieser sozialen 
Umwälzung bei, welche in der Folge den Bauernstand heraus 
bilden sollte; denn die Geistlichkeit sah bald ein, daß in diesem 
Verhältnisse eine Macht für sie wurzelte, die sie gelegentlich 
gegen die weltlichen Großen ausspielen konnte. Hatten die 
Bauern den Mangel ihrer unbeschränkten Bewegung-?- und 
Vermögenssreiheit dabei zu be 
klagen, so gewannen sie durch den 
Schutz, den ihnen die mächtigen 
Adelssamilien und Kirchen gewähr 
leisteten, und durch die Entbindung 
vom Heerbann die Ruhe und Kraft, 
die sie befähigten, ihr nationales 
Empfinden auch in schweren Zeiten 
zu bewähren und dazu die anderen 
Stände, vor allem die Bürger, noch 
zu stärken. 
So haben wir bereits im 
11. Jahrhundert den Bauern als 
berechtigten Stand neben dem Bürger 
und Edelmann. Mag er nun frei 
oder unfrei sein, er umschließt alle 
Elemente, die noch heute den Grund 
stock des Bauernstandes bilden, und 
die Weiterentwickelung des neuen 
Standes geht weniger auf eine Auf 
hebung der Lasten und Fronden, 
als aus die Anerkennung der Erb 
lichkeit hin. Schon im 13. Jahr 
hundert befinden sich Bauernhöfe im 
Besitz von Leibeigenen, und es ist 
eine Folge der Zeit, daß die 
ursprünglichen Naturalleistungen all 
mählich in Geldabgaben umgesetzt 
werden. In keiner Zeit ist der Bauernstand so als 
ökonomisches Grundelement der Bevölkerung anerkannt 
worden, wie in dieser Zeit seiner Entfaltung. Albrecht der 
Bär und der Erzbischof Friedrich von Bremen besiedelten 
ihre Länder unter ausdrücklicher Atierkennung des Erbrechts 
mit Bauern, andere Fürsten folgten ihnen hierin, so daß 
etwa um 1200 ganz Norddeutschland von einer sozial durch 
aus gesundet: Bauernbevölkerung bewohnt war. Daß nebe:: 
diesen Bauern auch noch eine unfreiere Knechtbevölkerung 
existierte, liegt in der Natur der Entwickelung; aber wie der 
Erbpächter unter milden Bedingungen seine Abhängigkeit selbst 
kaum empfand, so wird er auch die Untergebenen nicht 
gar zu hart behandelt haben. Die Bilder aus jener Zeit, 
die uns in der Pariser Nationalbibliothek als Miniaturen 
erhalten sind (vergl. die Abbildungen), haben etwas Gemüt 
lich-Harmloses an sich. 
Ausn> ändernder Kauer 
des XV. Jahrhunderts. Miniatur.
        
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