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Periodical volume 11. November1893, No. 59.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

'S 706 s- 
Mag er geistig beschränkt, faul oder ein Kneipbruder sein (!), 
mag er alle Laster und Lächerlichkeiten an sich haben (!), er 
wird nichtsdestoweniger im nüchternen Zustande (als ob das 
so selten wäre!!) ein Mann der guten Gesellschaft sein." 
Den echten, eingeborenen Spree-Athener, dessen Existenz 
leider von Jahr zu Jahr immer schwerer nachzuweisen ist, 
schildert er als ein Gemisch von Gemütlichkeit und Recht 
haberei, halb klug-ironisch, halb rechthaberisch-unbescheiden. 
„Sein Witz besteht nicht etwa in feinen Wendungen oder 
geistvollen Pointen; er gipfelt in „schnoddrigen Redensarten", 
die in wenig vornehmem, aber amüsantem Dialekt über alles 
und bei jeder Gelegenheit gemacht werden. Keine Geste, keine 
Grimasse, kein halbes Lächeln: der Berliner ist trocken und 
kaliblütig, wenn er scherzt. Er zeigt eine absichilich gleich- 
giltige Miene, die vermöge ihres Gegensatzes zu seinen Worten 
unfehlbar zum Lachen reizt. Seine Unterhaltung bildet ein 
sehr drolliges Ensemble, in dem nichts überflüssig ist. weder 
der kaustische Witz, die scharfe, abgerissene Sprechweise, die 
grammatischen Fehler, noch vor allen Dingen die olympische 
Ruhe." Das Bild, welches der Beobachter von den Berliner 
Urtypen entwirft, ist scharf und treffend. „Sie find, wie 
friedliche Bürger aus der Provinz, die plötzlich reich geworden 
sind, sehr stolz auf ihre Erhöhung und ihre neue Situation, 
aber reizbar gemacht durch den Luxus, der sich plötzlich um 
sie her entwickelt hat. Von Zeit zu Zeit werfen sie einen 
Blick der Genugthuung auf die neu entstandenen Bauwerke, 
aber ihre alte, gemütliche Weißbierkneipe ziehen sie doch dem 
schönsten, vergoldeten Salon vor. Sie halten sich verborgen; 
man muß lange suchen, um sie zu entdecken, und noch länger 
unterhandeln, um vertraut mit ihnen zu werden, denn sie sind 
sehr mißtrauisch." 
Von den Berlinerinnen entwirft der Verfasser kein 
sehr schmeichelhaftes Bild, obgleich er an ihnen auch schätzens 
werte äußere (!) Vorzüge entdeckt hat. Ich glaube, noch 
schwerer als über den Gesamtcharakter der Berliner Bevölkerung 
läßt sich augenblicklich über den weiblichen Teil derselben ein 
richtiges Urteil fällen, da einerseits die natürliche Scheu des 
Weibes dem Beobachter, noch dazu dem männlichen, schwer 
einen Einblick in sein Innenleben gestattet, und da anderer 
seits die Natur der großstädtischen Entwickelung es mit sich 
bringt, daß vielfach nicht gerade die besten Elemente nach dem 
Eldorado flattern. Vielleicht läßt sich nach 20 Jahren besser 
und richtiger urteilen. Unter anderem spricht der Verfasser den 
Berlinerinnen Geschmack für die Toilette ab. „Sie haben 
weder Sinn für die Harmonie der Farben, noch verstehen sie 
es, einen Stoff geschmackvoll zu drapieren; selbst die reizendste 
Toilette nützt ihnen nichts, weil sie sie nicht zu tragen ver 
stehen." Den Sinn dieser Worte wird jeder begreifen, der 
die Damen im Bois de Boulogne einmal hat promenieren 
gesehen. Die Berliner Mädchenerziehung, um die sich der 
Verfasser besonders gekümmert hat, entlockt ihm folgendes 
leider nur zu sehr begründete Urteil: „Man füllt die Köpfe 
der armen Kinder mit Formeln, die sie auswendig lernen, 
ohne sie zu verstehen, mit fertigen Urteilen, Thatsachen und 
Schlagwörtern; man giebt ihnen eine oberflächliche Bildung 
ohne jede solide Grundlage. Sie können in jeder Unterhaltung 
mitreden, aber wenn ihre Simili-Bildung nicht durch spätere 
Studien oder durch natürliche Klugheit ergänzt wird, so werden 
sie nur imstande sein, über alle möglichen Gegenstände mit 
Anmaßung Dummheiten zu sagen." Bitter, aber wahr! Sehr 
schmeichelhaft fährt dann der Verfasser fort: „Die Berlinerinnen 
sind intelligent; in der mittleren Gesellschaft würden sie bei 
gleicher Erziehung vielleicht noch intelligenter sein als die 
Männer, weil sie vermöge ihres weiblichen Gefühls eher im 
stande find, in das feinere Verständnis der Dinge einzudringen. 
Zu Ansang dieses Jahrhunderts haben die litterarischen Salons 
eine bedeutende Rolle gespielt, und ich für meinen Teil glaube, 
daß die Zukunft ihnen noch schöne Tage vorbehalten hat." 
Für die Poesie des Biertrinkens hat unser Autor 
keinen Sinn; hier offenbart sich so recht der weintrinkende 
Franzose. Alle Schattenseiten des übermäßigen Biergenusses 
fallen ihm auf, aber von der Gemütlichkeit einer harmlosen 
Brerkonversation, bei der nicht die schlechtesten Gedanken das 
Licht der Welt erblicken, weiß und versteht er nichts; dann ist 
die gehobene Stimmung nach einigen Seideln, wo sie einmal 
auftritt, doch noch nicht im entferntesten ein Bierrausch, der im 
allgemeinen weit seltener vorkommt, als der geschätzte Autor 
annimmt. — Ganz vorzüglich sind die „kleinen Leute" ge 
schildert, für deren charakteristische Eigentümlichkeiten der Ver 
fasser ein scharfes Auge besitzt. 
Aus dieser gedrängten Uebersicht — es ließe sich noch 
manches aus dem reichen Inhalt anführen, doch legt mir der 
Raum eine bestimmte Schranke auf — wird man erkennen, 
daß wir es hier mit einem Buch zu thun haben, das ernst 
genommen sein will und das weit über dem bekannten Werke 
Tissots steht. Auch da, wo der Verfasser ohne Frage irrt, 
erkennen wir sein redliches Streben nach Wahrheit. Der 
Spiegel, den er uns vorhält, zeigt nicht immer ein schmeichel 
haftes Bild; aber ein Blick in denselben kann uns bessern. 
Kleine Mitteilungen. 
Medaillon der Keriiner &ijvcnbüvgev II: Virchow- 
Medaille. — Im Anschluß an die Bismarck-Medaille bringen wir auf S. 700 
die Virchow-Medaille. Dieselbe stammt ebenfalls aus der Präge-Anstatt 
von Otto Oerlel, Berlin, Gollnowstr. 11a. Die Vorderseite der 70 mm 
im Durchmesser habenden Medaille, die zu VirchowS 70 jährigem GeburtS- 
fest geprägt worden ist, zeigt das Bildnis deS Gelehrten en face mit Brille 
und der Umschrift: Prof. vr. Rud. Virchow; die Rückseite zeigt einen 
Lorbeerkranz und die Inschrift: 13. Oktober 1821—1891. Die Medaille 
ist in dem Atelier von Reinh. Begas modelliert worden und hat, wie alle 
Erzeugnisse der Berliner Medaillen-Münze von Otto Oertel, wirklichen 
Kunstwert. Die Preise sind analog der der BiSmarck-Medaille ff. S. 670). 
— e. 
Das Kaiser - Donlrrnal aas Daher,sydurg. (Mit 
Abbildung S. 701). Im Juli des Jahres wurde im Herzen Westfalens 
auf der Hohensyburg an der Ruhr mit der Ausführung eine? zweiten Berg- 
Denkmals im Lande der roten Erde begonnen, welches dem Gedächtnis deS 
großen Gründers der deutschen Einheit gewidmet ist. Den Grundgedanken 
dieses Denkmals hatte der Architekt Professor Hubert Stier schon bei den 
Konkurrenzen um das Kaiser-Denkmal der Rheinprovinz und um das auf 
der ?orta Westfalica zur Anwendung gebracht. Bei der letztgenannten 
Konkurrenz, bei der Bruno Schmitz bekanntlich den ersten Preis erhielt, 
errang er den zweiten und trat darauf mit dem Komitee in Verbindung, 
welcher die Mittel zur Errichtung eines Denkmals auf der Hohensyburg 
gesammelt hatte. Nach einer engeren Konkurrenz mit dem Architekten 
Zindel in Esten wurde nach einer nochmaligen Bearbeitung der Stiersche 
Entwurf zur Ausführung gewählt. Ueber diesen entnehmen wir einem Auf 
sätze deS Verfassers (in der „Deutschen Bauzeitung"): DaS Denkmal soll sich 
auf der äußersten Spitze des langgestreckten Höhenrückens der Syburg erheben, 
da, wo der Berg nach 3 Seiten sich mit steilen Wänden zum Ruhrthal 
hinabsenkt; eine Stätte, die auch dadurch noch eine höhere geschichtliche 
Bedeutung besitzt, als sich auf ihr noch Spuren der alten Wittekindsfeste
        
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