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Periodical volume 5. November 1892, No. 6.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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„Schlot" war der Kadett von B., der, fürchtend „abgegangen", d. h. aus 
dem Korps entfernt zu werden, falls er nicht die Reife für die Sekunda 
erlangte, auf die Idee verfiel, der Lateinlehrers Notizbuch, in dem er so 
schlecht angekreidet war, sich heimlich anzueignen und für immer ver 
schwinden zu laflen. Diese Eskamotage gelangte zur Kenntnis des Kom 
mandeurs, und da eine Untersuchung deS Aufsehen erregenden Faller 
refultatioS verlief, fo verhängte der Herr Oberst von Hochstetter über die 
ganze Tertia der I. Kompagnie eine empfindliche Strafe. Er entzog ihr 
so lange den Sonntagurlaub, bis sich der oder die Attentäter melden 
würden. AIS der nächste Sonntag herangenaht war, und sich noch immer 
niemand gemeldet hatte, vom Hoflager deS Kronprinzen aber der Befehl 
gekommen war, von jeder der beiden Kompagnien je einen Kadetten „ab 
zukommandieren", da wurde nur von der zweiten Kompagnie ein „Mann" 
gestellt, der, als er abends kurz vor dem Zapfenstreich, mit „Fressalien" 
reich beladen, wieder nach der Anstalt zurückkehrte und erzählen mutzte, 
wie es denn bei „KronprinzenS" gewesen sei, berichtete, datz beide Prinzen 
sehr erstaunt waren, als er allein im Palais anlangte. „Warum nur 
einer?" habe Prinz Wilhelm gefragt, und als der Erzähler so gethan, als 
ob er die Frage überhört habe, hätte der Kronprinz, dem die Ursache deS 
Ausbleibens deS anderen Kadetten rapportiert worden fein mutzte, seinen 
Söhnen die ganze Notizbuchgeschichte haarklein erzählt, und Prinz Wilhelm 
wie Prinz Heinrich unter diesen Umständen auf „einen von der 1. Kom 
pagnie" gern verzichtet. — Am darauf folgenden Sonntag erschienen wieder 
zwei Prinzengespielen bei Ihren Königlichen Hoheiten, denn der Eskamoteur 
besagten Notizbuches hatte sich inzwischen freiwillig gemeldet. Die erste 
Frage, die der kleine Prinz Heinrich an seine Kadetten-Gespielen richtete, 
war, datz er wissen wollte, wie denn eigentlich die Sache mit dem Notizbuch 
des Lehrers verlaufen fei, und wer der Uebelthäter war; aber Prinz 
Wilhelm, der es seinen Gästen anzumerken schien, daß ihnen die Berührung 
dieses Themas peinlich war, sagte: „Aber Heinrich, wer wird denn fo 
neugierig sein," und lenkte die Unterhaltung geschickt auf ein anderes 
Gebiet. LI. LI. 
Küchertisch. 
Goschirtpto non Narren und GsttzaneUand. Von Dr. Ernst 
Georg Bardey. Mit zahlreichen Abbildungen. Rathenow 1892. 
Verlag von Max Babenzien. Preis 10 Mk. 
Diese umfangreiche Schrift über die Geschichte deS osthavelländischen 
KreiseS ist dar Ergebnis mehrjähriger, mühevoller Arbeit. Der Verfasier, 
Lehrer am Realprogymnasium zu Nauen, hat sich, wie er im Vorworte 
bemerkt, „bestrebt, unter Zugrundelegung urkundlicher und amtlicher Quellen 
keine romanhaft ausgeschmückte, sondern eine auf wifienschaftlicher Forschung 
beruhende gemeinverständliche Darstellung der engeren HeimatSgeschichte zu 
bieten." Dieser Ziel hat er, wie wir vorausschicken wollen, im vollen Um 
fange erreicht; er hat für daS in Rede stehende Gebiet mit seinem Werke, 
welcher sich weit über dar Niveau einer Chronik erhebt, eine Lücke in der 
Litteratur in dankenswerter Weise ausgefüllt. 
Der Geschichte Nauens, dessen 600 jährige StadtwerdungSfeier den 
äußeren Anlaß zu der Herausgabe der Werkes bol, an welcher sich die 
Kreis- und Stadtbehörden mit einem Zuschuß von fünfzehnhundert Mark 
beteiligt haben, ist der größere Teil deS interessanten BucheS gewidmet, das 
in der Bibliothek jeder märkischen GeschichtSsreundeS zu finden fein sollte. 
Den Inhalt dieser Teiler hat der „Bär" in seinen drei letzten Nummern 
in dem Aufsatze „AuS der Geschichte NauenS" im Umriße wiedergegeben. 
Einzelne Abschnitte auS dieser sehr eingehenden Stadtgeschichte rühren von 
anderen Verfassern her, fo die evangelische Kirchengemeinde von Nauen 
vom Diakonus Bernhard Schalm, das Elementarschulwesen von Nauen 
vom Konrektor Franz Brümmer, das Realprogymnasium von Nauen von 
Rektor Dr. Friedrich Schaper, die gerichtlichen Verhältniße von Nauen in 
der neuesten Zeit vom Amtsgerichtsrat Rudolf Schriltze. In einzelnen 
Partien hat der Sammeleifer der Verfassers Einzelheiten durch den Druck 
wiedergegeben, die uns nichtig erscheinen. ES tritt dies namentlich in der 
neueren Zeit hervor (z. B. Skandalgeschichte von 1812, S. 247 u. ff., 
Mordthat 1820, S. 262 u ff.) An die Geschichte von Nauen schließt sich 
die von Fehrbellin, Ketzin, Kremmen, sowie von 88 Ortschaften des ost 
havelländischen Kreises. Alles in allem bietet der Verfasser ein äutzerst 
schätzbares Werk von wissenschaftlichem Werte. Zu bedauern ist, daß der 
Bilderschmuck nicht auf der Höhe der Zeit steht, namentlich die Zinkätzungen 
gereichen dem Buche nicht zur Zierde. Es hat dies vielleicht in der 
Schnelligkeit, mit welcher die Drucklegung deS Werkes erfolgte, seine Ur 
sache, da die Veröffentlichungen deS Babenzienschen Verlages sonst in jeder 
Beziehung vorzüglich sind. 8.. 6-. 
Dev deut sehe Mirtzol. Von Georg Bötticher. Randzeichnungen 
von Fedor Flinzer. Leipzig, Verlag von Karl Jacobson. Preis 
1,50 Mk. 
Ein politisch Lied! Es ist „dem größten Deutschen" gewidmet, dar 
gebracht zum 1. April, seinem Geburtslage. Die unbegrenzte Verehrung 
des „Alten, des Gründers deutscher Einheit", einerseits, und der (oft 
maßlose) Hohn und Spott gegenüber dem „deutschen Michel" andererseits 
— das ist Zweck und Inhalt der formgewandten, von treffenden Zeich 
nungen begleiteten Strophen. Dabei bekommen Fortschrittsmann, Mucker 
und Junker ihr redlich Teil und eine Dosis Antisemitismus ist auch mit 
beigemengt. Wir können des Dichters hoffnungslose Meinung nicht teilen 
— der deutsche Michel wird, das hat er oft genug bewiesen, sich seiner 
Haut schon wehren. —i. 
Unauslöschlich und andere UaneUen. Von Olga 
Wohlbrück. Berlin 1892. Verlag von Schweizer und Mohr. 
Preis 3,50 Mk., gbd. 4.50 Mk. 
In diesen Novellen liegt französischer „Esprit." Man merkt es ihnen 
an, daß die Versafferin auf französischen Bühnen als Schauspielerin thätig 
war. Durch Gewandtheit und Leichtigkeit deS Konversationstones, Feinheit 
der psychologischen Motivierung ist namentlich die erste der Novellen, die 
der Sammlung den Namen gegeben hat, ein KabinetiSstück. Es wird 
in derselben ein sehr heikles Thema mit großer Unbefangenheit behandelt, 
so daß die Novelle wie auch einige der folgenden Backfischen nicht in die 
Hand gegeben werden kann. Desto wärmer verdient sie allen denen 
empfohlen zu werden, welchen an einer Lektüre liegt, die zum Denken 
anregt. 8. G. 
Eine Denkmünze ist zur 400jShrigen Jubelfeier der Entdeckung 
Amerikas geprägt worden. Im Avers derselben befindet sich das Bildnis 
der berühmten Entdeckers mit seinem geistvollen und mutigen GesichtS- 
auSdruck, welches nach einem, im Marine-Museum zu Madrid befindlichen 
Gemälde ausgeführt ist. Oberhalb des BildniffeS steht die Umschrift 
„Christoph ColumbuS", während sich unterhalb derselben als Sinnbilder 
der Seefahrt in leichter Gruppierung Schilf und ein Anker anlegen. Im 
Revers sieht man ein anmutiges Bild, aus der Vogelperspektive dargestellt: 
Die Küsten der alten Welt und Amerikas. Ueber dem zwischenliegenden 
atlantischen Ocean, auf welchem die Entdeckungsfahrt, vom spanischen 
Hafen PaloS bis zur erftentdeckten Insel San Salvador, deutlich zu er 
kennen ist, schwebt ein Genius, von leichtem Gewände umflattert, dem 
neuen Erdteile mit schwellendem Segel zu. Auf letzterem erblickt man die 
Jahreszahl 1492, während sich am Rande die Denkschrift befindet: „Zum 
sOOjährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas 12. Oktober 1892." 
Die 60 mw im Durchmesser haltende Münze in ihrer tadellosen 
Prägung und schönen Komposition ist vorläufig auS massivem Silber in 
beschränkter Anzahl hergestellt worden; es gelangen jetzt aber auch Stücke 
in Bronce und Aluminium zu Mk. 10,00 zur Ausgabe. 
Weitere Exemplare werden ebenfalls in der Größe eine? Fünfmark- 
ftückes zu Mk. 7,50 in massivem Silber geschlagen. Erstens mit den 
bereits geschilderten Reliefs der Vorder- und Rückseite, und zweitens mit 
dem Bildnis des Kolumbus im AverS und im Revers mit einem sehr 
glücklich gewählten, sinnreichen, von Epheu umrankten Spruche, der also 
lautet: „Du lebst für alle Zeit. Durch Deine That hast Du den ewigen 
Tempel Dir gebaut, wo Deines Namens Flammenzüge lodern." Ferner 
das Datum 1492—12. Oktober 1692. Die Münze, ein Meisterstück 
deutscher Prägekunst, ist aus der Berliner Medaillen-Münze von Otto 
Oertel, Gollnowstraße 11a, hervorgegangen und soll im nächsten Jahr in 
Chicago zur Weltausstellung gebracht werden. Als Mitarbeiter finden wir 
auf dem Kunstwerke folgende Namen verzeichnet: I. Christensen sculpsit, 
Ernst Deitenbeck medailliert, Arthur Tauer direxit. 
Die uns vorliegende erste Nummer der neuen, geschmackvoll aus 
gestatteten Wochenschrift „Adels- und Salonblatt" (Expedition: 
Berlin 8., Friedrichftr. 105s.) bietet eine Fülle interessanten Stoffes. 
Unter „Was wir wollen" erklärt die Redaktion (Harry v. Pilgrim und 
Bruno Wolfs Beckh), indem es sich an alle wendet, welche durch Geburt, 
Geist, Stellung oder Besitz hervorragen, ein vornehmes Familienblatt 
liefern und eine unabhängige, aristokratische Politik treiben zu wollen. 
Beide Aufgaben scheint das „Adels- und Salonblatt" in glücklichster Weise 
zu lösen, denn die beiden politischen Artikel der ersten Nummer sind fein 
durchdacht, und der belletristische und belehrende UnterhaltungSstosf, der 
darauf folgt, ist durchgängig neu und entstammt den Federn namhafter 
Autoren. Ernst v. Wildenbruch hat sein neuestes Gedicht „Riese Simplon" 
beigesteuert, Gerhard v. Amyntor eigene Erlebnisse „Im goldenen Mainz." 
Recht anniutend ist auch noch das „Geharnischte Trinklied" von Harry 
v. Pilgrim. Kritische Aufsätze über Kunst und Theater. Spezialberichte aus 
Wien und Paris, ein genealogischer Essay, ein Modebericht, ein Börsen- 
Wochen-Bericht, eine Rätsel-Ecke und Notizen mancherlei Art machen das 
Blatt hochintereffant. Probenummern werden unentgeltlich abgegeben. 
Für die Redaktion verantwortlich: Richard George in Berlin 8. 58. — Abdruck ohne eingeholte Erlaubnis ist untersagt. 
Verlag: Fr. Ziliessen, Berlin 8., Schönhauser Allee 141. — Druck: Buchdruckerei Gutenberg, Berlin 8. Schönhauser Allee 141a.
        
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