Path:
Periodical volume 11. November1893, No. 59.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

^ 699 & 
was Ihr gegen meine edle Herrin habt. Es muß ein Irrtum 
Eurerseits vorliegen, lieber Alter." 
„Ein Irrtum? Js det vielleicht die heimlich jeschlossene 
Heirat? — Wenn's nich so jrausam weh thäte, möcht' ick lachen!" 
Käthe schüttelte immer verwunderter ihren Kopf. 
Eine Weile schritt sie schweigend neben dem aufgeregten 
Alten her. Dann fragte sie vorsichtig: 
„Die Frau Starostin ist eine Brandenburgerin, wie ich 
gehört habe?" 
„Wer hat Dich det jesagt? Sie doch, weeß Jott, nich!" 
„Konrad erzählte es mir. Ich soll nicht darüber sprechen, 
außer zu Euch. Ihr seht, ein wenig bin ich bereits eingeweiht 
in das Geheimnis, das man vor mir verbirgt. Seid gut, 
Vater Mattheus, laßt mich alles wissen! Beim himmlischen 
Richter, es ist nicht müßige Neugier. Ich will meiner Frau 
die wenigen Freunde erhalten, welche sie besitzt. Sie hat 
dieselben nötig, glaubt mir! 
Ich will Euch etwas im Vertrauen mitteilen: Der Herr 
Generalmajor von Waldeck, welcher ein naher Anverwandter 
von Frau von Weiher sein soll, nimmt großen Anteil an dem 
Schicksal derselben. Denkt nur nichts Schlimmes! Konrad 
schwört auf den edlen Sinn seines Herrn. Daß der keiner 
ist, welcher sich das Unglück anderer zum eigenen Nutzen dienen 
läßt, sieht man dem jungen Grafen an, wenn man einmal 
seine Augen gesehen hat. Mich dünkt, der ist ein guter Schutz 
und Schirm" — 
Der alte Brandenburger war bei Käthes eifriger Rede 
allmählich aufmerksamer geworden. Es schien, als wenn in 
seinen leidenden Zügen ein Schimmer neuen Lebensmutes auf 
leuchtete. 
„Weeß det die Jräfin?" fragte er hastig. 
„Frau von Weiher? O, nein! Und wüßte sie es, so 
würde sie nicht viel danach fragen. Sie geht den Branden 
burgern geflissentlich aus dem Wege. 
Sie bekümmert sich nur um die Briefe ihres Gemahls. 
So lange der Starost fern war, meinte ich, sie müßte ihn 
über alle Maßen lieben. 
Nun, Vater Mattheus, Ihr seht, ich hege Vertrauen zu 
Euch. Laßt uns gemeinsame Sache machen zum Nutz und 
Frommen der armen gnädigen Frau!" 
Der Alte überlegte lange, während er an der Seite Käthes 
in den Gartenwegen einher hinkte. 
Endlich ließ er sich auf einem Platz hinter einer dichten 
Rosenhecke nieder und winkte das Mädchen an seine Seite. 
„Na, denn komm, Käthken, ick will Dich erzählen, was 
mich die Seele abdrückt. Mußt mich aber versprechen, dadrum 
Deine jnädije Frau nich weniger treu zu sein!" 
„Da seid ohne Sorge, Vater Mattheus!" 
„Na, denn hör' zu! Am Ende wählt der Herrjott oft 
mals schwache Werkzeuje zur Vollstreckung von seine hilfreichen 
Thaten. Wer weeß, wozu Du jut bist" — 
Aufmerksam lauschend und mit zunehmender Bewegung 
vernahnl Käthe die Lebensgeschichte des Generalleutnants 
Josias von Waldeck. 
„Der schöne, stolze, alte Graf ist der Vater meiner 
gnädigen Frau!? Sie hat ihn nicht gekannt vor ihrer Ver 
mählung? 
Nun verstehe ich alles. Herr des Himmels, in welch ein 
unlösliches Netz hat sich die Unglückliche verstrickt. Daran ist 
das Polenblut schuld. Ich weiß ja, was das^unsereinem zu 
schaffen macht. 
Wir müssen mit unseren ganzen Kräften daran arbeiten, 
sie aus ihren Banden zu befreien, Vater Mattheus!" 
In die immer erregter werdende Unterhaltung der beiden 
Konsp ranten erscholl plötzlich lauter Kanonendonner. Die in 
den Schießlöchern der Verteidigungsgänge postierten Geschütze 
entluden ihre blinden Geschoffe. 
In demselben Augenblick begannen in der Stadt und 
auf der Marienburg sämtliche Glocken zu läuten. Vom Turm 
der Schloßkiiche herab erklangen die weihevollen Töne eines 
Chorales weilhin durch die stille, sonnige Herbstluft. 
Es waren die Anzeichen, daß der Kurfürst von Branden 
burg sich dem ehemaligen Ordenshochschlosse näherte. 
Mattheus und Käthe unterbrachen ihr Gespräch. Sie 
traten aus dem Garten heraus. 
Ohne seine Begleiterin zu fragen, hinkte der Alte vor 
wärts. Käthe, von Sorge um den in der Genesung Befind 
lichen bewegt, blieb ihm zur Seile, jeden Augenblick bereit, 
die wankende Greisengestalt mit ihren kräftigen Armen zu 
stützen. So gelangten beide bis zu dem Wildhain im trockenen 
Graben. Von dessen Böschung aus war das weitgeöffnete 
Brückenthor zu durchschauen. Jenseits des im Sonnenlicht 
blitzenden Nogatstromes kam die brandenburgische Heeresmacht, 
ihren obersten Kriegsherrn an der Spitze, zur Brücke hingezogen. 
Die in dem Haine versammelten neugierigen Bewohner 
von Burg und Stadt — unter ihnen Handwerker, welche heute 
das Schurzfell mit dem Sonntagswamse vertauscht hatten —, 
dazu Weiber und Kinder, jauchzten auf bei dem Anblick, 
welchen die wohlgeordneten Reiter- und Fußtruppen' bereits 
aus der Ferne gewährten. 
Je näher der Zug kam, um so größer wurde der Jubel der 
Leute. Als das Musikkorps der Kürassiere durch das Brückenthor 
der Vorburg ritt, und eine freudige Marschweise an das Ohr 
der Leute drang, da brach die polnische Leidenschaftlichkeit, 
welche in Lust wie in Leid keine Gienzen kennt, aus ihnen 
hervor. Sie sprangen vor Entzücken und warfen ihre bunten 
Kopfbedeckungen in die Luft. 
Auch auf Käthe und Mattheus übertrug sich die all 
gemeine Aufregung. Die Augen des Mädchens strahlten in 
nie gesehenem Glanze, und der an allen Gliedern zitternde 
Alte griff nach seinem Säbel, als gelte es, wie einst, mit den 
Kameraden dem Feinde entgegenzueilen. 
„Niech. zyje Polska!“ und Heil, Heil dem Kurfürsten 
von Brandenburg und Herzog in Preußen!" hallte es in 
deutschen und sarmatischen Lauten aus tausend Kehlen. 
Je näher die Einziehenden kamen, um so lauter brausten 
die Hoch- und Hurrarufe. 
Die Kürassiere, vom Generalmajor Grafen von Waldeck 
geführt, ritten vorüber. 
Stolz errötend tauschte Käthe einen Blick mit Konrad 
aus, der ihr in seiner stattlichen Reitertracht kaum minder schön 
erschien wie sein vornehmer Herr an der Spitze des Regimentes. 
Dem Zuge folgte das Dragonerregiment Kurfürstin, eben 
falls unter Klängen rauschender Musik. Dann erschien die 
Leibgarde des Kurfürsten, eine Anzahl Läufer des erlauchten 
Herrn und schließlich dieser selbst. 
Ueber der polnischen Nationaltracht, welche der ritterlichen 
Erscheinung nichts von ihrer männlichen Kraft und Schönheit
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.