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Periodical volume 11. November1893, No. 59.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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alte Brandenburger, noch angegriffen von seiner schweren 
Krankheit, sah greisenhaft hinfällig aus. Zum ersten Male 
seit langen Jahren hatte er die halbpolnische Tracht mit seinen 
ehemaligen brandenburgischen Reiterkleidern vertauscht. Wie 
die Erscheinung des alten Mattheus während der letztver 
flossenen zwanzig Jahre manche Veränderung erlitten hatte, 
so war dies übrigens auch mit seinem Kürassierwamse der 
Fall. Die veraltete Form desselben, sein unansehnlich und 
schmutzig gewordenes Weiß verlieh dem Invaliden ein wunder 
liches Aussehen. Vater Mattheus bemerkte dies nicht. Mit 
Stolz und Rührung blickte er an sich herab. In mancher 
Feldschlacht hatte er diese Uniform getragen. 
Den eisengefütterten Hut auf dem Haupte, die weiß-rote 
Feldbinde an der Schulter, den Pallasch um die Hüfte ge 
schnallt, hinkte der Alte in den Gartenwegen umher. Bei 
jedem Geräusch schrak er empor, und in seinen eingesunkenen 
Augen brannte das Feuer fieberhafter Erwartung. 
Jetzt näherten sich schnelle, feste Schritte. Mattheus 
wandte sich um und blickte in Käthes erstaunte Augen. 
„Du kennst mir wohl heute jar nich, Mädel, was?" 
schmunzelte der Alte. „Ja, weeßte, Kind, von det, was der 
Mensch an hat, sieht er manchmal scheener aus, als von det, 
was er in sich trägt; leider Jottes. det jeht nu mal so in die 
Welt. Bin verjniejt, die polnischen Fanzeleien mal nich am 
Leibe zu haben. So komm ich mich doch wieder mal wie 'n 
Mannsbild vor. 's janz was anders, als mit die Tracht 
hier zu Lande! Schau, da jeht mir's akkurat wie Dich, 
Käthken. Herrjeh, jetzt seh ick erscht, Du hast ja heite och 
nich det jrienrote polsche Röckken an, Mächen, was?" 
„Wie gefällt Euch das Kleid der Altpreußin, Vater 
Mattheus?" lachte Käthe. 
„Schmuck, schmuck!" bewunderte der Alte. „Det is janz 
was anderes. Fidel un dabei doch düchtig! So is et recht, 
Käthken!" 
„Ist es nicht gütig von meiner Herrin, daß sie es mir 
erlaubt, in ihrem polnischen Hause solche Tracht zu tragen? 
Ich gehe auch nicht mehr mit den roten Bändern und der 
Polenmütze auf dem Kopfe." 
„Wär' auch jammerschade um die zwei langen Zöpken. 
Bis auf den blauen Rocksaum thun se 'runderhängen, schau 
eener an!" 
„Was Ihr nicht alles seht, Vater Mattheus! Ihr sollt 
ja an ganz etwas anderes denken. Die Starostin, meine 
gnädige Frau — sie ist ein Engel, Alter — schickt mich zu 
Euch. Sie hat an einem Fenster ihrer eigenen Stube, von 
dem die Brücke zu überschauen ist, einen weichen Lehnstuhl 
für Euch bereit stellen lassen, damit Ihr den Einzug Eures 
Fürsten genau sehen könnt. Ich soll Euch jetzt hinaiff geleiten, 
hat sie mir befohlen." 
Dem alten Brandenburger glitt eine flackernde Röte über 
das noch krankhaft gelbliche Antlitz. Er hüstelte und brummte 
in seinen weißen Bart: 
„Sehr jnädig von die jnädige Frau Starostin; aber ick 
danke schönstens vor die jroße Ehre. Wenn ick mich meinen 
durchlauchtijen Kurfürschten von oben anzujaffen understehen 
wollte, denn dürfte ick man bloß in die Jemächer der Jrafen 
von Waldeck rufsteijen. Der jnädije Herr Jeneralleiinant — 
det is en Mann, Käthken, der dhut det Schwerste, was in die 
Bibel befohlen is. — Weeßte wohl? — „Dhut wohl denen, 
so Euch" — na, Du kennst doch den Spruch. — Mein 
jnädijer Jraf und sein Herr Vetter haben mich erlaubt, aus 
alle ihre Fenster rauszuschauen. Ick will aber zum Kur 
fürschten ruf, nich runter kucken, wenn ick ihn zuerst von An- 
jeficht zu Anjesicht sehen dhue. — Det sage Deine vieljnädije 
Starostin." — 
Käthe hörte den Ton geheimen Ingrimms aus der Rede 
des Alten, so sehr dieser sich bemühte, denselben zu verbergen. 
„Was habt Ihr nur gegen meine Herrin, Mattheus?" 
zürnte sie. „Anstatt so undankbar ihre Wohlthaten zurück 
zuweisen. solltet Ihr dieselben freudig annehmen! Ja, ja — 
schüttelt nur nicht verwundert den Kopf! — ich weiß alles. 
— Die Leckerbissen, welche Frau Jwa von Weiher Euch seit 
Eurer Genesung sendet, habt Ihr an die Dienerschaft ver 
schenkt oder laßt dieselben wohl gar verderben. Die weichen 
Kissen und Decken, die Euer Lager bequemer machen sollten, 
liegen unbenützt in einer Ecke Eures Gemaches, und als meine 
gnädige Frau selber an Euer Krankenlager getreten ist, da 
habt Ihr den Kopf störrisch nach der Wand gekehrt und ihrer 
sanften Rede die Antwort verweigert, obgleich Ihr längst 
wieder bei Euch wäret und alles verstandet, was sie fragte." 
„Hm, so! — Hat sie mir bei Dich verklagt, Deine 
jnädije Starostin? Nee? — Na, woher weeßt Du denn det? 
Bist ja man erscht 'n paar Tage uf die Marienburch!?" 
„Konrad hat mir's erzählt. Daß Jhr's nur wißt. Vater 
Mattheus: Der Konrad liebt und ehrt Euch wie ein Sohn 
seinen Vater; aber Euer Betragen gegen meine Herrin kann 
er nicht gutheißen. — Warum mögt Ihr nur die arme 
gnädige Frau nicht leiden? Wenn Ihr nur wüßtet, wie un 
glücklich sie ist, besonders jetzt, seit der Starost zurückgekehrt 
ist! Ich sage Euch, Mattheus, ihren Gemahl fürchtet und 
verabscheut sie allem Anschein nach wie die Sünde." 
„Is ihr janz recht. Weswejen hat sie ihn jenommen! 
— Ja, bet polsche Weibervolk mit seinem arjen Trotz, der sich 
in det eijene Jesichte rinschlagen dhut!" 
„Ich verstehe Euch nicht, Mattheus. Ihr solltet Frau 
von Weiher viel eher bedauern!" 
Der Alte machte eine wegwerfende Handbewegung, 
gleichsam, als wolle er andeuten, daß ihm nichts ferner liege 
als dies. Dessenungeachtet gewahrte Käthe einen feuchten 
Schimmer in seinen Augen. Im Nu hing das Mädchen am 
Arm des Alten und zwang das abgewendete Greisenantlitz 
dem ihren zu. 
„Was ist's mit meiner gnädigen Frau, Vater Mattheus? 
Sagt mir's, ich bitte Euch! Nicht wahr, im Grunde habt Ihr 
sie so lieb wie ich?" 
„Wie Du?" Der alte Brandenburger stieß ein kurzes, 
grimmiges Lachen aus. „Seit wennehr kennst Du ihr denn? 
Seit vorjestern, was? Weeßt Du, wie lange ick sie jehütet 
hab' wie meinen Augapfel? — Seit zwanzich Jahren!" — 
„Nun, und jetzt — was ist geschehen?" 
„Jeh — laß mir in Frieden! 's is nich branden- 
burjische Art, die Diener jejen ihre Herrschaft ufzuhetzen. 
Laß mir los, Mädchen!" 
„Nein, Vater Mattheus! Seht, ich bin Euch von Herzen 
gut. Daß Ihr keinem Menschen ohne Grund zu zürnen ver 
mögt, weiß ich sowohl, wie ich es an Euch schätze, daß Ihr 
niemandem Uebles nachredet. Darum eben will ich wissen,
        
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