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Periodical volume 4. November1893, No. 58.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Malereien aus sie herablächelten, stützte. Sie preßte ihr Antlitz 
gegen das kalte rot- und schwarzkörnige Gestein. 
Da klopfte es bescheiden, aber fest an ihre Thür. Ein- 
— zweimal. Nun erst erhob Jwa das verstörte Antlitz. 
„Tritt ein, Liebling, Du störst mich niemals!" rief sie 
leise, in dem Einlaß Begehrenden Jagjel vermutend. 
Die Thür öffnete sich. 
Die junge Frau stand von derselben abgewendet; sie er 
schrak sichtlich, als von dort her eine männlich kräftige Stimme, 
der aber doch eine gewiffe Weichheit inne wohnte, den Tages 
gruß bot. 
„Graf Waldeck?" 
Sie faßte sich. „Was führt Euch zu mir, Herr General 
major?" fragte sie mit kühler Würde. 
Georg bemerkte mit Staunen und Teilnahme den unver 
kennbar gramvollen Ausdruck im Antlitz seiner jungen An 
verwandten. Unter der Einwirkung mannigfacher, ihn be 
stürmender Gedanken überhörte er den abweisenden Ton. 
„Die Bitte um eine Unterredung mit Euch hinsichtlich 
meines Vetters, des Generalleutnants Josias von Waldeck, 
gnädige Frau." 
Georg gab seinem Blick den beredtesten Ausdruck. Was 
der Mund noch verschwieg, stand im Auge zu lesen. 
Jwa gewann nicht den Mut, eine ablehnende Antwort 
zu geben. Auf einen Sitz deutend, welche, der Polsterbank, 
auf welcher sie sich niederließ, zienilich entfernt stand, fragte 
sie leise: 
„Ihr erscheint im Auftrage des Herrn Grafen?" 
„Nein, edle Frau. Mein Vetter ahnt nichts von meinem 
Hiersein. Ich komme aus freiem Antriebe." 
Seine hohe Gestalt stolz aufrichtend, strich Georg, der 
sich Jwa genähert hatte, das dunkelblonde Gelock aus seiner 
Stirn, wie er stets zu thun pflegte, wenn ihn etwas Be 
sonderes in Erregung versetzte. Mit seinem großen, ehrlichen 
Auge blickte er die sehr bleich werdende junge Frau vor 
wurfsvoll an. 
„Ich konnte es nicht länger ertragen, des Kummers eines 
alten Mannes unthätiger Zeuge zu fein. Ich muß Euch 
fragen: Wie ist es Euch, die Ihr das Aeußere eines Cherubs 
der Versöhnung besitzet, möglich, den edlen Greis in solcher 
Weise zu kränken und zu betrüben? 
Was that Euch Euer Vater zu Leide, das Ihr glaubt, 
ihn so strafen zu müssen? 
Ihr seid das Kind dieses Mannes. Wißt Ihr, was das 
zu bedeuten hat? Nein, Ihr wißt es nicht, sonst würdet Ihr 
nimmer so unkindlich handeln, wie Ihr es vom ersten Augen 
blick an gethan habt. Welches Recht hattet Ihr hierzu? 
Jeder Blutstropfen in mir empört sich, wenn ich mit 
ansehen muß, wie dem Unglücklichen von der Tochter, welche 
ein hartes Geschick ihm ohne seine Schuld entzogen hatte und 
deren Lebensglück jetzt sein Haupt-Daseinszweck ist. in dieser 
Weise begegnet wird! 
Ein Weib weinen sehen, greift an das Herz; aber Thränen 
im Auge eines Mannes zerreißen die Seele! — Ich habe es 
empfunden, jetzt — soeben. — 
Deshalb frage ich Euch. nein, ich flehe Euch an, Base" 
— in überströmendem Gefühl streckte Georg beide Hände der 
jungen Frau entgegen — „reicht Eurem Vater die Hand zur 
Versöhnung! Ihr könnt nicht erwarten, daß der Beleidigte 
zu Euch kommt. Eilt zu ihm. noch ist es Zeit — bald dürfte 
es zu spät sein! — 
Um Eures Seelenfriedens, Eures Lebensglückes willen 
rettet Euch die Liebe Eures Vaters!" 
Seit er zu sprechen begonnen, hatte Jwa ihr Antlitz vor 
dem Generalmajor verborgen. Nun sanken ihre Hände herab. 
Mit einem Ausdruck unsäglicher Pein in dem geister- 
bleichen Antlitz erhob sie sich. 
„Ich kann nicht. — Ich will nicht. — Es ist zu spät. 
— Mag er mich verdammen, verachten, vergessen — je mehr, 
desto bester für mich!" — 
„Base Jwa!" 
„Laßt mich! — Ich kann — ich will nicht mehr zurück. 
Mein Weg liegt abseits von dem seinen." 
„Warum? Verblendete!" 
„Fragt nicht! Um aller Heiligen willen verschont mich! 
Ich leide ja schon genug." 
„Ihr leidet? Jwa" — 
„Fort! Seid barmherzig! Ersetzt ihm die Verlorene, 
und ich — der Himmel wird es Euch lohnen!" 
Sie eilte an ihm vorüber, um die Thür eines Neben 
gemaches zu gewinnen; aber Georg war schneller als sie. 
Sein Antlitz war hochgerötet. Zorn, Schmerz und Zweifel 
stritten darin miteinander, als er ihr den Ausgang verwehrte 
und in seiner stolzen Männlichkeit ihr gegenüberlrat. 
„Ich kam hierher, um, wenn nicht Versöhnung, so zum 
mindesten Auskunft zu erlangen, weshalb Ihr Euren Vater 
kränkt. Als sein Sohn, wie er mich oft genannt, stehe ich 
vor Euch und fordere Rechenschaft. Er ist das Teuerste, was 
ich besitze. Ich dulde nicht, daß ihm schnöde begegnet wird. 
Noch einmal: Wollt Ihr Eurer Kindespflicht genügen?" — 
„Niemals! Lasset mich! Um aller Heiligen willen, ich 
darf nicht — selbst wenn ich wollte — ich bin eine Unglück 
liche. — Wenn er sich je elend fühlte, so war es noch nicht 
die Hälfte von dem, was ich erduldet habe." 
Georgs erhobener Arm sank herab. Der Ausgang wurde 
frei. Im nächsten Augenblick war Jwa verschwunden. 
Der Generalmajor, zwischen den verschiedensten Gefühlen 
schwankend, stampfte heftig mit dem Fuße auf. 
„Hölle und Teufel! Was war das? Sie elend und 
unglücklich? Hat man ihr Fallen gestellt, um sie einzufangen? 
Das sähe dem Buben ähnlich!" 
Mit einem ungestümen Angstgefühl wandte er sich der 
Thüre zu, hinter welcher er Schluchzen zu vernehmen glaubte. 
„Base — Jwa — Schwester! Nur eins vernehmt noch! 
Befindet Ihr Euch in Not, gleichviel welcher Art. so seid 
dessen gewiß, daß ich in jedem Augenblick Euch wie ein Bruder 
zur Seite zu stehen bereit bin." 
Er harrte vergeblich auf Antwort. Der Austritt. 
der soeben stattgefunden, erschien ihm wie ein Märchen, als er 
wieder im Schloßhofe stand, wo ihn die Spätnachmittagsonne 
beschien, und die laue Herbstluft seine Stirn umwehte, und 
als nun die Sinne von der geschäftigen Thätigkeit der 
brandenburgischen Besatzung, welche mit den Bewohnern der 
Marienburg wetteiferte, zum Empfange des Kurfürsten Schloß 
und Höfe festlich zu schmücken in Anspruch genommen wurden. 
Um seine Gedanken zu sammeln, suchte der Generalmajor 
die entlegensten Partien des Meistergartens auf. umwandelte
        
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