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Periodical volume 5. November 1892, No. 6.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Havel geführt wurde. Die Arbeiten zogen sich bis zum 
Jahre 1718 hin. Es wurden im ganzen Gräben von 508 km 
(oder 67 8 / 4 Meilen) Länge ausgehoben. Der bei Hohennauen 
angefangene große Kanal ist von da bis an das Mühlenwasser 
allein 50,6 km (oder 6 3 / 4 Meilen) und von dem Mühlen 
wasser bis an den pommerschen See 30 km (oder 4 Meilen) 
und also überhaupt 80,6 km (oder 10 s / 4 Meilen lang). 
Der Gesamt-Arbeitslohn betrug 70 000 Thaler, von denen 
der König 19 OOO Thaler zahlte. In dem entwässerten Luch 
wurden folgende Ortschaften neu angelegt: Königshorst, Kuh 
horst, Mangelshorst, Deuischhof, Herlefeld, Dreibrücken, 
Ribbeckshorst, Sandhorst, Lobeofsund, Seelenhorst und Kienberg. 
Für die Stadt Nauen selbst hatte die Entwässerung des 
Luchs zunächst den Vorteil, welcher ein fließendes Gewässer 
überhaupt für eine Stadt hat, und insbesondere die Möglich 
keit, sich den größten Teil seines Bauholzes durch Flöße 
herbeizuschaffen. Die sämtlichen Wiesen wurden durch die 
Entwässerung eigentlich erst nutzbar gemacht, der ganze niedrig 
gelegene Teil des Stadtforsts in einen kulturfähigen Zustand 
versetzt, so daß sich die Melioration auf ungefähr zwei Drittel 
der gesamten Feldmark erstreckte. 
Die weitere Geschichte Nauens im 18. und 19. Jahr 
hundert bietet nur wenige Punkte, die von mehr als rein 
lokalem Interesse sind. Anfang der dreißiger Jahre des 
18. Jahrhunderts hatte die Stadt die Ehre, daß der Kronprinz 
Friedrich, der spätere große König, mit seinem Bataillon in 
Nauen in Garnison stand. Es war die Zeit, ehe er nach 
Ruppin und Rheinsberg übersiedelte. Er wohnte in einem 
Hause der Potsdamer Straße, die damals die Breite Straße 
hieß; dasselbe gehörte den Ahnen des jetzigen Besitzers, des 
Kaufmanns Theodor Kerkow. Leider sind die historischen 
Erinnerungszeichen an diesen Aufenthalt des großen Königs, 
zwei goldene Stenie auf den Enden des Dachfirsts, vor einigen 
Jahren von dem Hause entfernt worden. Man besitzt aus 
dieser Zeit drei Briefe aus dem Jahre 1732, welche der 
Kronprinz von Nauen aus an Grumbkow in Berlin ge 
schrieben hat; dieselben sind u. a. in Carlyles Geschichte 
Friedrichs II. (Band II) abgedruckt und zeigen uns an dem 
fürstlichen Oberst und Regiments-Kommandeur sehr interessante 
Seiten. 
Im siebenjährigen Kriege gehörte Nauen zu den wenigen 
glücklichen Städten, die keine feindlichen Truppen in ihren 
Mauern sahen; auch in den übrigen Kriegen des 18. Jahr 
hunderts blieb Nauen völlig von diesen verschont. In den 
Jahren 1759/60 hatte der Magistrat einen Streit wegen Neu 
besetzung des Bürgermeister- und Stadtrichteramtes, der für 
die mangelnde kommunale Selbstständigung der damaligen Zeit 
überaus charakteristisch ist. Der Kriegs- und Domänenrat von 
Below zu Lindow bestätigte den von den Nauenern gewählten 
Kandidaten nicht, nannte das Vorgehen des Magistrates „Ab- 
surda" und octroyierte der Stadt den Bürgermeister Stengel. 
Dieses Verfahren, ein heftiger Schlag gegen die Städtefreiheit 
und die Selbstverwaltung, wurde, wie Or. Bardey mit Recht 
in seinem Buche betont, die Ursache, daß die Teilnahme an 
den öffentlichen Angelegenheiten aufhörte und der Gemeinsinn 
erschlaffte. Derartige Uebergriffe der königlichen Kommissarien, 
dieses Bevormundungssystem rächte sich nach dem Heimgang 
des großen Königs bitter und führte zu den Niederlagen bei 
Jena und Auerstädt. 
Als die Zeit der schweren Not, das Jahr 1806, nahte, 
zeigten sich die Früchte dieser verkehrten Regierungsweisheit: 
Auch Nauen zeigte jenen bedenklichen Mangel an Vaterlands 
liebe, der uns aus jener Epoche so befremdend anmutet. Der 
Landrat von Bredow auf Senzke befahl zur Mobilmachung 
Lieferungen; doch die Stadt weigerte sich zu gehorchen und 
legte am 16. Januar Beschwerde ein beim Kriegs- und 
Steuerrat von Lindenau zu Lindow. „Weil", heißt es in 
dem Schreiben, „sich inmiltelst der politische Himmel aufzu 
klären und der Friede nahe zu sein schien, und überhaupt, 
weil wir uns leicht vorstellen konnten, die höchsten Landes 
kollegia würden ohne Anregung der Städte von selbst schon 
geneigt gewesen sein, die so sehr gesunkenen kleinen Städte 
durch solche exhaurierende Leistungen nicht vollends zu erschöpfen 
und nie irgend eine Verfügung wegen einer Lieferungsleistung 
von Ew. p. erging, so erachteten wir die Sache vor beigelegt." 
Ebenso merkwürdig wie diese unpatriotische Beschwerde 
Nauens ist die freundliche Antwort, die von Lindenau darauf 
erteilte. Er wies in seinem Schreiben vom 18. Januar dar 
auf hin, daß „jeder Acker- und Wiesengrundbefitzer, er sei, 
wer er wolle, von Adel, Geistlicher, Domänen- oder anderer 
Pächter, Bürger und Bauer ohne Rücksicht auf irgend ein 
Priviligium liefern solle", und „so werde Ein Edler Magistrat 
wohl selbst einsehen, daß die Stadt Nauen sich der Lieferung 
nicht entziehen könne." 
Auf diese Weise wurde durch langwierige Verhandlungen 
die Zeit vertrödelt, während in dem Heere des gewaltigen 
Korsen, dessen Kriegsvölker sich bereits drohend zusammenzogen, 
nur ein Wille herrschte. Nauen stand leider in seinem Un 
patriotismus nicht vereinzelt da; zahlreiche Gemeinden machten 
sich vielmehr derselben Sünde schuldig. Die Strafe folgte jedoch 
der letzteren auf dem Fuße, und wie im 30 jährigen Kriege 
wurde Nauen auch zur napoleonischen Zeit schwer heimgesucht. 
Bereits am 25. Oktober 1806, nachdem die Katastrophe über 
Preußen hereingebrochen war, erschien Marschall Bernadotte 
mit 7000 Mann in Nauen, während 15000 vor den Thoren 
biwakierten. Im ganzen hatte Nauen bis Ende 1806 270 
Offiziere, 23828 Mann und 6103 Pferde in Einquartierung, 
was eine Ausgabe von 47000 Thlr. verursachte. Die Ver 
luste durch Plünderung. Brandschatzung werden auf 11000 Thlr. 
berechnet, der Durchmarsch oer französischen Truppen am 
25. und 26. Oktober kostete 24750 Thlr. Weitere Zahlen 
angaben liegen auch aus den Jahren 1807/1808 vor. Nauen 
hatte vom 24. August 1807 bis 15. Juni 1808 im ganzen 
3296 Offiziere, 6287 Unteroffiziere. 71869 Gemeine und 
2928 Pferde einquartiert. Diese Zahlen sprechen in beredter 
Weise dafür, wie schwer auch Nauen von Napoleon, „der 
Zuchtrute Gottes", geschlagen wurde. 
Die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung bahnte die Wieder 
geburt des preußischen Staates an, und auch Nauen nahm 
teil an dem nationalen Aufschwünge. Die neue Städteordnung 
wurde am 3. August 1809, dem Geburtstage Friedrich 
Wilhelms III., eingeführt. Als 1813 der Kampf gegen den 
Erbfeind begann, war in Nauen nichts mehr von der Laschheit 
des Jahres 1806 zu verspüren, und in der altehrwürdigen 
Kirche meldet eine Tafel, daß auch 25 Nauener den Helden 
tod für das Vaterland gestorben sind in jenem ruhmreichen 
Befreiungskriege; 81 andere Männer erhielten die Denkmünze. 
Aus dieser drangvollen Zeit behielt Nauen eine Schuldenlast,
        
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