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Periodical volume 21. Oktober 1893, No. 56.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

« 671 S» 
ragende Künstler. Möge die Firma dem guten Rufe, den sie sich durch 
ihre rastlose Thätigkeit und strenge Reellität geschaffen hat, auch in Zukunft 
Ehre machen! 
Nercirrs-Nachrichten. 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. (Sitzung 
vom 13. September 1893.) Herr Professor Dr. Brecher erstattete Bericht 
über die Thätigkeit der von dem Vereine für Geschichte der Mark Branden 
burg und dem Verein für die Geschichte der Stadt Berlin gemeinschaftlich 
eingesetzten Kommission zur Herstellung von „historisch-statistischen Grund 
karten". ES ist der Kommission gelungen, nach Ueberwindung großer an 
fänglicher Schwierigkeiten die ihr gestellte Ausgabe, genau den von der 
General-Versammlung des GesamtoereinS der Deutschen GeschichtS- und 
Altertumsvereine 1891 in Sigmaringen gefaßten Beschlüßen entsprechend 
zu lösen. Die Kommission vermochte die? nur, da ihr sowohl von seiten 
der Königlichen Landesaufnahme und des Königlichen Finanzministeriums 
als auch durch die thätige Mitwirkung des Herrn Geheimen KriegSrateS 
Dr. Kaupert die erfolgreichste und dankenswerteste Unterstützung gewährt 
wurde. Die dem Unternehmen nötigen Geldmittel stellten der Verein für 
Geschichte der Mark Brandenburg und der Verein für die Geschichte der 
Stadt Berlin bereitwilligst zur Verfügung. — So vermochte die Kommission 
als hoch erfreuliche Ergebnisse ihrer Thätigkeit die „Grundkarten" der 
Sektionen Rathenow-Brandenburg und PotSbam-Spandau dem Verein vor 
zulegen. 
Herr Oberlehrer Dr. Landwehr sprach über Joachims II. Stellung 
zur Concilsfrage. Die Quellen über Joachims II. religiösen Entwickelungs 
gang fließen ungeheuer spärlich, nur weniges besitzt hierüber das Geheime 
Staatsarchiv und das Königliche HauSarchiv in Berlin. Die Tradition 
in den landluufigen Darstellungen hat bis auf Heidemann ungeheuer viel 
über Joachim phantasiert. Gegenwärtig ist nun durch die vom historischen 
Institut herausgegebenen Nuntiaturberichte Band II und IV aus Deutsch 
land ein reiches Material veröffentlicht, an dessen Hand eine neue 
Erörterung dieser Dinge geboten ist. Es ergiebt sich erst hieraus ein klares 
Bild von Joachims Maßnahmen; man wird ihm dar Urteil, ein kluger 
Politiker gewesen zu sein, nicht absprechen dürfen. DaS Endziel seiner 
Bestrebungen ging jedenfalls darauf aus, eine Kirchenpolitik im Sinne 
Kaiser Karls V. zu treiben, um hierdurch dem nach der damaligen Auf 
fassung entlegenen Kurfürstentum eine größere Bedeutung zu geben. Als 
die Protestanten die Teilnahme an dem vom Papst berufenen Konzil ab 
gelehnt hatten, meinte Joachim, man dürfte nicht davon ablassen, sie doch 
zurückzugewinnen. In diesem Sinne verfaßte er eine Denkschrift, die er 
im Mai 1533 zu Bautzen König Ferdinand überreichte. Leider ist dieselbe 
verloren gegangen, doch kann ihr Inhalt aus einem Schreiben des Nuntius 
Morone und einem Briefe Ferdinands an Karl V. rekonstruiert werden. 
Joachim forderte dar Zugeständnis des LaienkelchS und der Priesterehe, 
sowie die Abstellung einzelner Mißbräuche im äußeren Ceremoniell. Zu 
nächst sollte ein Frieden vermittelt werden, während desien Dauer ein 
Religionsgespräch die Gegensätze ausgleichen sollte. Ferdinand sowie 
Karl V. gingen auf diese Pläne gern ein, da sie die Unterstützung der 
Protestanten gegen die Türken dringend bedurften. Unter der Vermittlung 
Brandenburgs und Kurpsalz wurde dann nach einer Vorbesprechung zu 
Eisenach in Frankfurt a. M. im Frühjahr 1539 betreffs eines Anstandes 
verhandelt. Ueber diese Unterhandlungen geben nun im einzelnen die 
Nuntiaturberichte ausführlichste Auskunft. Die dort veröffentlichen Akten 
sind neben dem vatikanischen Archiv dem Geh. Staatsarchiv in Berlin ent 
nommen. Ueberall ist Joachims rastloses Bemühen ersichtlich. Für den 
Frankfurter Tag hatte dann schon die 1887 herausgegebene politische Korre 
spondenz der Stadt Straßburg eingehenden Aufschluß gegeben. Ans diesen 
Aktenstücken ergiebt eS sich denn zur Evidenz, daß dar von Ranke gefällte 
Urteil über den Frankfurter Tag nicht zu Recht bestehen kann. Der dort 
abgeschlossene Anstand war nichts weniger als ein Sieg des Protestantismus. 
Der Vertreter der Kaiserlichen Sache Johann von Weege, Erzbischof von 
Lund, hatte zäh an seinen Standpunkt festgehalten und in der That in 
nichts darüber nachgegeben. Der Kaiser war trotz aller Bemühungen der 
Vermittler nur so weit gegangen, «IS er von Anfang an gewollt hatte. 
Wenn man deshalb von einem Siege reden will, so kann man ihn nur 
der vermittelnden Richtung, wie sie von Joachim vertreten wurde, zu 
schreiben. Denn gegenüber der Kurie hatte man den Vorteil errungen, 
daß man ohne sie die religiöse Einigung in Deutschland herbeiführen 
wollte. ES war eine Niederlage der päpstlichen Politik, daß in Frankfurt 
ohne den nach Deutschland gesandten Vertreter der Kurie, Aleander, ver 
handelt wurde, und für das spätere ReligionSgcspräch erachtete man eine 
Teilnahme der Kurie nicht für nöthig. 
Amtsrichter Dr. Hoitze handelte von dem „Auszug Kur-Branden- 
burgischer Geschichten, Kurfürst Joachim I., Kurfürst Joachim II und 
Kurfürst Johann Georgen zu Brandenburg. Bei Gelegenheit der Lebens- 
Beschreibung Herrn Lampert DistelmeierS pp. Beschrieben von I. P. von 
Gundling." Dieses Buch, aus dem sich zahlreiche Irrtümer über Lampert 
bis auf die Gegenwart erhalten haben, ist in der Hauptsache nichts weiter 
alS ein sehr geschickter Auszug aus den umfangreichen Kommentarien des 
weitschweifigen märkischen Chronisten Leutinger. Allerdings hat Gundling 
seinen Helden Lampert Distelmeier dabei derart in den Vordergrund ge 
schoben, daß er selbst bei solchen Ereignissen alS treibende Kraft erscheint, 
an denen er ganz unbeteiligt gewesen ist. Auch die von Gundling mit 
geteilte, angeblich von Distelmeier der brandenburgischen Bevollmächtigten 
zu Königsberg und Krakau erteilte Instruktion, aus Grund derer sie über 
die preußische Mitbelehnung verhandeln sollten, und aus der man ge 
schlossen hat, daß er seitdem verschwundenes archivalischeS Material zur 
Benutzung gehabt habe, ist aus einigen Notizen bei Leutinger komponirt. 
Keinesfalls wäre auf dieser Basis eine Verständigung mit Preußen und 
Polen über die Mitbelehnung erzielt worden. 
Der Touristenklub für die Mark Brandenburg unternimmt 
im Winterhalbjahr 1893 folgende Wanderfahrten: 15. Oktober: Biesen 
thal, Grünthal, Tuchen, Nonnenfließ, Spechthausen, EberSwaldc. 22 km. 
— 29. Oktober: Seehausen, Gramzow, Pafsow. 20 km. — 12. Novbr.: 
Müncheberg, Fürstenwalde. 21 km. — 26. November: Falkenhagen, 
Seegefeld, Wustermark Dyrotz, Markau, Markee, Nauen. 25 km. — 
10. Dezember: Treuenbrietzen. — 26. Dezember: Westend - Charlottenburg 
(Mausoleum), Fürstenbrunn, Spandauer Bock, Jungfernheide, Ploetzensee. 
15 km. — 14. Januar: Spandau, Doeberitz, Rohrbeck, Finkenkrug. 
20 km. — 4. Februar. Lehnitz, ZülSdors, U. F. Wensickendorf, Eisenquelle, 
Kolonie Briese, Birkenwerder. 21 km. — 18. Februar: Dahlewitz, RangS- 
dorf, Glienick, Groß-Schulzendorf, Wittstock, Loewenbruch, Genshagen. 
Groß-Beeren. 23 km. — 4. März: Brandenburg a. H. — 18. März: 
Reinickendorf, Rosenlhal, LübarS, Schildow, Forst der Kindel, Herms- 
dorf. 22 km. 
Krichertifch. 
„Die roondifripo Krone". Vaterländisches Schauspiel in 5 Akten 
von Jean Bernard Muschi. Desiau und Leipzig, Verlag von 
Kahle. Preis 1,50 Mk. 
Der Verfasier hat sich den Kampf Albrechts der Bären gegen die 
Wenden zum Gegenstand seiner Dramas erwählt. Herfest von Leltenhoven, 
beschützt durch die Liebe der wendischen Königstochter, steht dem Markgrafen 
im Kampf um die wendische Krone treu zur Seile, trotz deS Konflikts 
zwischen Liebe und Pflicht. Ob daS Drama sich in vorliegender Form 
für die Bühne eignet, bezweifle ich — die einzige frische, lebensvolle Figur 
ist der Wendenführer Jaczko. Die Sprache des Schauspiels ist edel, wenn 
auch nicht ohne störende Fehler. —i. 
Die Münder auf Schloff Gottorp. Ein Gedächtnisblatt 
aus dem vorigen Jahrhundert von Wilhelm Jensen. Berlin, 
Verlag von Emil Felder. Preis 4,50 Mk. 
Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die beiden geheimnisvollen 
„Grafen" von St. Germain und Cagliostro, die größten Betrüger, welche 
je die Sonne beschienen. Freilich wollte die Welt, damals mehr denn je, 
betrogen sein; die Zeit war voll von seltsamen Dingen und von Menschen 
mit wunderbaren Kräften. Dar Mystische, Ueberfinnliche erfüllte alle 
Gemüter, und die Habsucht suchte die Kunst des GoldmachenS zu ergründen 
und den Stein der Weisen zu finden; Jlluminaten und Rosenkreuzer 
verdrehten die Köpfe noch vollends. Landgraf Karl v. Hessen, Statthalter 
von Schleswig-Holstein, gehörte auch zu jenen Bethörten. Jensen schildert 
in seiner bekannten fesselnden Art, wie eS dem Grafen St. Germain gelang, 
mit allerlei Taschenspielerkünsten den Statthalter zu umgarnen, bis plötzlich 
der Tod das Netz zerriß. Nebenher läuft der Roman der lieblichen Friesin 
Dorret und des Leutnants Kay Sehestedte geschildert, in den zartsinnlichen 
Tönen, wie sie nur Wilhelm Jensen eigen sind. — i. 
„Mir drei". Drama in 5 Akten von Ernst RoSmcr. München. 
Verlag von E. Albert u. Co. Preis 1,50 Mk. 
„Die häusliche Frau". Lustspiel von Hermann Bahr. Berlin. 
Verlag von Fischer. Preis 1,50 Mk. 
Störungen, wie sie in jungen Ehen vorzukommen pflegen, bevor die 
verschiedenen Charaktere sich ganz in einander gefunden haben, bilden dar 
Thema beider Stücke. Im ersten wird das Verhältnis zwischen den Gatten 
durch die allzuhäufige Auwesenheit einer dritten Person getrübt; diese ist 
eine glänzend begabte, sehr emanizipierte Schriftstellerin, die den gleichfalls 
dichtenden Mann blendet und gegen ihren Willen der bescheidenen Frau 
abwendig macht, so daß er auf Scheidung der Ehe dringt. Die Geburt 
des ersten Kindes und die gemeinsame Trauer um seinen Verlust erst führen 
die schmerzgebrochenen Menschen wieder zusammen, vielleicht zu einem 
glücklicheren Leben. 
Daß Hermann Bahr aus ähnlichem Stoff ein Lustspiel schasst, ist 
ebenso wie die Handlungen der Personen, die Sprache, welche sie sprechen, 
die Gefühle, die sie äußern, eine große Geschmacklosigkeit. Die Art, wie 
die aus Langeweile sündigende Frau dem Fall nur durch ihr Dienstmädchen 
entgeht, wie der Galan dem Gatten selbst der eigenen Bequemlichkeit 
zuliebe verrät, was vorgegangen ist, wie endlich die Gatten sich wieder 
finden und versöhnen, ist geradezu widerwärtig, und daS Ganze wird eS 
noch mehr durch Witze (wie der S. 9 verbrochene), die recht ungeschickt aus 
französischen Stücken entnommen sind. Auch Bahr spricht soviel von ernstem 
Studium und wahrer Wiedergabe des Lebens — und heraus kommt eine 
Posie niedersten Grades, die aus gewiffen Bühnen sich wohl mancher 
Wiederholungen erfreut, von wahrhaft Menschlichem aber nicht die Spur 
ausweist. — I 
Kinder des Dorfs. Roman von M. Temmel. 2 Bände. 
Chemnitz. B. Richters Verlag, 1893. Preis 6 Mk. 
Die „Kinder des Dorfs" sind der letzte Sproß eines herabgekommenen 
AdelSgeschlechteS, ferner der Sohn des „DorsapothekerS" und die Tochter 
des Lehrers. Jene beiden lieben das Mädchen, welches dem künftigen 
Baron von SleinfelS den Vorzug giebt. Der aber verläßt sie schnöde und 
heiratet die Tochter der reichen Bankiers Stern; die Strafe ereilt ihn bald 
genug, da auch diese ihm die Treue bricht. DaS Mädchen vom Dorfe 
wird schließlich glücklich als Gattin der ApolhekersohneS, der Pfarrer in 
seinem HeimatSorte geworden ist. DaS ist, mit mancherlei Beiwerk ver 
sehen, der Verlaus der Erzählung. Die Schreibweise läßt vermuten, daß
        
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