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Periodical volume 21. Oktober 1893, No. 56.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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dazu sein echt Berlinischer Jargon — man mußte immer wieder 
lachen. Nebenbei trieb er einen Kleinhandel mit Honigkuchen. 
Obst u. s. w. An seinem Trödelkram war ein Schild ange- 
brachl, worauf er versicherte, z. B. 9 Pfund Honigkuchen für 
einen Thaler zu geben und 1 Pfund zu. Dies lockte, in Ver 
bindung mit seiner kleinen Menagerie. Sonntags die Landleute 
an, die bei ihm lieber kauften, als bei der Frau auf der 
anderen Seite der Museumstreppe, die zwar 10 Pfund für 
einen Thaler, aber nichts zu gab. Nun ist der Alte mit seiner 
Menagerie und seiner Konkurrentin lange Jahre in besseren 
Gefilden, dort, wo auf Honigkuchen und Wappentiere kein 
Wert gelegt wird! — 
(Schluß folgt.) 
Kleine Mitteilungen. 
Irrgondlicipc Zeitungsausträger in Kortin. Der 
unaufhörliche Zuzug von außerhalb nach Berlin, das Zusammenströmen vieler 
Tausende von Menschen, die in der Reichshauptstadt ein Eldorado erhofft 
haben, als welches sich die große Stadt in den meisten Fällen nicht erweist, 
haben neben vielen anderen wirtschaftlichen Ursachen den Kampf umS 
Dasein dera't verschärft, daß in vielen Familien der arbeitenden Klassen 
jedes Glied die Hände regen muß, um das Soll und Haben des häuslichen 
Budgets einigermaßen in Uebereinstimmung zu bringen. Unser Bild auf 
S. 604 führt uns eine dafür charakteristische Szene aus dem Berliner 
Leben vor, welche C. Koch der Wirklichkeit abgelauscht und durch seinen 
Griffel festgehalten hat, eine Szene, welche uns Berliner Kinder zeigt, die 
im Begriffe sind, Zeitungen auSzutragen. Sie stehen im Dienste der 
Zeitungsspediteure, die ihnen bestimmte Straßen zur Versorgung mit den 
Tageszeitungen anvertrauen, in denen sie treppauf, treppab laufen, um hier 
die „Tante Boß", dort die „Kreuzzeitung" unter die Strohdecke zu legen 
oder in den Briefkasten zu stecken. Namentlich die Expedition der Abend 
zeitungen wirb durch sie bewerkstelligt, während die Morgenzeitungen, die 
der Berliner beim Kaffee liest, gewöhnlich durch die Mütter der kleinen 
Zeitungsträger ausgetragen werden. Nachmittags nehmen die Kleinen 
„Muttern" die Arbeit ab, damit sie daheim in der Wirtschaft thätig sein 
kann. ES ist ein eigenartig anziehendes Bild, diese kleinen „Träger der 
öffentlichen Meinung" nachmittags vor einer Zeitungsspedition zu beobachten, 
wo sie, wie unsere Illustration zeigt, mit ihren Leinwandbeuteln, welche die 
Zeitungen enthalten, ihre Wanderung antreten und sich in alle Richtungen 
der Windrose zerstreuen. Meist sind eS fröhliche, jugendsrische Gestalten, 
denen man es anmerkt, daß sie dieser Beschäftigung mit ebenso viel Freude 
wie Geschick nachgehen und gern ihr Scherflein dazu beitragen, um die im 
Haushalt nötigen Ausgaben zu bestreiten. —e. 
Medaillon der- Kertiner Ehrenbürger I: Bismarck- 
Medaille. Tie rühmlichst bekannte Medaillen-Prägerei von Otto Oertel 
in Berlin, Gollnowstraße 11a, hat im Lause der letzten Jahre Medaillens 
der Berliner Ehrenbürger in vorzüglichster Ausführung geprägt. In 
der heutigen Nummer führen wir unseren Lesern dieBiSmarck-Medaille 
vor. Dieselbe ist zur Feier deS 75jährigen Geburtstages des Alt-ReichS- 
kanzlerS hergestellt worden und hat 60 mm im Durchmesser. Die Vorder 
seite zeigt daS Bildnis des Fürsten mit den Abzeichen eines General- 
Obersten und der Umschrist: Fürst Otto von BiSmarck. Die Rückseite 
zeigt die Germania auf einem schwebenden Adler, den Lorbeerkranz spendend. 
Darüber steht daS Datum: 1. April 1890. Die Umschrift auf mattiertem 
Rande enthält daS schöne Goethesche Wort: „ES kann die Spur von 
deinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehen." Die Medaille 
bildet in ihrer tadellosen Prägung und schönen Komposition eine Freude 
jedes KanzlerfreundeS und Numismatikers; sie ist aber gleichzeitig auch ein 
erfreulicher Beweis für die Höhe, auf welcher sich die Prägekunst der 
Berliner Anstalt von Otto Oertel befindet. DieBiSmarck-Medaille kostet 
in massivem Silber 30 Mark, in Goldbronce 15 Mark und in Aluminium 
oder englischer Bronce 10 Mark. Außer dieser Medaille sind BiSmarck- 
Medaillen in Fünfmark st ück-Größe geprägt worden, welche 7,50 Mark 
(in Silber), 4,50 Mark (in Goldbronce) und 3 Mark (in Aluminium oder 
englischer Bronce) kosten. Diese Medaillen zeigen auf der Rückseite das von 
zwei Adlern als Schildhalten flankierte Bismarcksche Wappen mit dem drei 
blätterigen Kleeblatt, zwischen dessen einzelnen Blättern je ein Eichenblatt 
hervorschaut, und aiS Devise das darauf Bezug habende „In trinitate 
rolmr.“ ' — e. 
Hofrat Friedrich Adarni, der am 5. August dieses JahreS 
Heimgegangene langjährige Redakteur der „Kreuz-Zeitung", dessen Porträt 
wir auf S. 670 bringen, war ein Mann, welcher ein warmeS Herz für 
Kaiser und Reich, für Heimat und Vaterland besaß und welcher in einer 
langen und erfolgreichen litterarischen Thätigkeit für die Ideale eingetreten 
ist, die auch der „Bär" auf sein Banner geschrieben hat. Die Redaktion 
der „Kreuz-Zeitung" charakterisiert den Dahingeschiedenen mit den Worten: 
„Ein Mann. in guten wie in bösen Tagen stets treu bewährt gefunden, 
ein Mann von wahrhaft vornehmer, christlich-konservativer Gesinnung, treu 
seinem Gott, seinem König und der von ihm für wahr und recht erkannten 
Sache, der er mit dem ihm eigenen Pflichtbewußtsein bis zum letzten Augen 
blicke diente!" Geboren am 18. Oktober 1816 zu Suhl, widmete sich 
Adami ursprünglich der Medizin im Friedrich-Wilhelms-Institut (der sog. 
Pepiniöre) in Berlin. Eine früh erwachte Neigung führte ihn jedoch der 
Litteratur zu. In schwerer, trüber Zeit, als die Stürme der Revolution 
in Preußen Thron und Altar umtosten, stand Adami, der mit Ludwig 
Schneider eng befreundet war, im Bordertresfen derjenigen, die treu zu 
König und Vaterland hielten. In jener Zeit vertrat er mit kühnem, 
offenem ManneSmut seine Ansichten in dem von ihm redigierten Wochen 
blatt „Der schwarze Adler", wurde Mitarbeiter der „Kreuz-Zeitung" und 
am 1. Mai 1849 Redakteur derselben. In dieselbe Zeit fällt auch die 
Bearbeitung der in den weitesten Kreisen rühmlichst bekannten „Buches 
von der Königin Luise", welches unzweifelhaft AdamiS hervorragendstes 
Werk ist und bereits 13 Auflagen erlebt hat, während die kleine Volksausgabe 
sogar noch eine größere Zahl von Auflagen zu verzeichnen hat. In diesem 
Buche, dessen ersten bis zur Thronbesteigung reichenden Teil Ludwig 
Schneider noch König Friedrich Wilhelm IV. vorlegte, der die Arbeit 
einiger Berichtigungen und Ergänzungen würdigte, hat Adami ein Meister 
werk populärer Geschichtsschreibung geliefert. Er hat durch dieses Werk 
ein gut Teil dazu beigetragen, daß das Andenken an die Mutter Wilhelms I. 
in allen deutschen Herzen lebt. Neben diesem Werke ist Adami namentlich 
durch sein „Buch vom Kaiser Wilhelm", dar er im Verein mit 
HanS von Spielberg verfaßte, bekannt geworden. Die sonstigen litte 
rarischen Produktionen AdamiS, zahlreiche historische Novellen, Romane, 
Schauspiele, von denen einige auch im Königlichen Schauspielhause aufge 
führt worden sind, haben durchschlagende Erfolge nicht aufzuweisen. Für 
die „Kreuz-Zeitung" war Adami mehr als drei Jahrzehnte hindurch als 
Theater. Kritiker thätig und lieferte speziell die Besprechungen der Auf 
führungen der Königlichen Schauspielhauses, die sich durch strenge Sach 
lichkeit und feines Kunstverständnis auszeichneten. Ein besonderes Interesse 
brachte der Dahingeschiedene der Geschichte der ReichShauptstadt entgege i: 
er gehörte dem Verein sür die Geschichte Berlins seit dem Jahre 1865 an, 
der in ihm einer seiner ältesten Mitglieder scheiden sah. II. 6-. 
Hundertjähriges Kvstehen der gujflrjfdjim Kon 
ditorei. Am 10. Oktober d. I feierte die Konditorei von I Josty u. Co. 
ihr hundertjähriges Bestehen. Mannigfach sind die Wandlungen, welche 
die Firma in diesem langen Zeitraum durchgemacht hat, und die Geschichte 
derselben entbehrt nicht deS allgemeinen Interesses. Vor hundert Jahren 
verließen zwei Schweizer, die Vettern Josth und Podotth, ihre herrliche 
Heimat, das nalurschöne Engadin, um in Berlin eine Kuchen- und Zucker- 
bäckerei zu. errichten. Sie ließen sich in der Stechbahn, an der Stelle, wo 
sich jetzt daS sogenannte rote Schloß erhebt, nieder. Während der eine der 
Vettern da§ Ladengeschäft versah, suchte der andere mit einem großen 
Korbe voll Süßigkeiten die Berliner Stamm- und Vergnügungslokale auf 
und fand daselbst reißenden Absatz sür seine leckere Ware. Das Geschäft 
blühte bald durch den Fleiß und die Intelligenz ihrer Besitzer auf und 
bildete einen beliebten Anziehungspunkt für die Berliner. Später erwarben 
die Vettern das HauS, und dieser wie die Konditorei gingen nach ihrem 
Tode auf ihre Erben über. Nach dem GesellschaftSvertrage muß stets 
einer aus der Familie die Leitung des Geschäfts selbst übernehmen. Bis 
zum Jahre 1864 blieb die Konditorei in der Stechbahn und wurde dann, 
da das Jostysche HauS dem Verkehr weichen mußte, nach der Schloßfrei 
heit Nr. 7 verlegt. Den Abbruch derselben wartete die Firma nicht ab, 
sondern siedelte im Frühjahr.1880 nach dem Potsdamer Platz, Ecke der 
Bellevuestraße, über, indem sie zugleich, den modernen Bedürfniffen 
Rechnung tragend, ihren Geschäftsbetrieb durch Verabreichung von Bier 
und belegten Brötchen erweiterte. Da der Besuch der Konditorei sich von 
Jahr zu Jahr steigerte und die unteren Räume die Gäste nicht mehr zu 
fassen vermochten, wurde im Jahre 1890 daS erste Stockwerk von den In 
habern hinzugemietet. Es wurven mehrere Billard- und Spielfäle ein- 
gerichtet, die sich besonders seitens der höheren Vertreter unseres Heeres 
einer regen Benutzung erfreuen, denn unter allen CafsS Berlins ist das 
jenige von I. Josty u. Co. vielleicht das einzige, in dem Offiziere in 
Uniform Billard spielen. Trotz der vielen Wandlungen, die daS Geschäft 
im Lause eines JahrhunderS durchgemacht hat, hat es nicht den über 
triebenen Prunk und Luxus der modernen Wiener CafbS angenommen, 
sondern sich seine gediegene und vornehme Einfachheit bewahrt und ver 
dankt neben der Vorzüglichkeit seiner verabreichten Waren — wer kennt 
nicht Josty-Doktor und Josty-Fleischpasteten? — nicht zum wenigsten diesem 
Umstande die dauernde Beliebtheit bei den Berlinern. Hierzu tritt noch 
die außerordentlich günstige Lage. An einem der verkehrsreichsten Punkte 
gelegen, entrollt sich, besonders am Abend, wenn die Leipzigerstraße im 
vollsten Lichterglanz strahlt, vor den Augen der Besucher ein entzückendes 
Bild großstädtischen Lebens und Treibens, daS auf jeden, zumal auf den 
Fremden, einen geradezu überwältigenden Eindruck macht. — Dem wahr 
haft vornehmen Geschmack, der über dem Ganzen waltet, entspricht er 
übrigens auch, daß die Konditorei ein Sammelpunkt der besten Gesellschaft, 
besonders der Vertreter der GeburtS- und Geistesaristokratie ist. Neben 
den Gesandten ftemder Mächte erblicken wir hohe Staatsbeamte und hervor
        
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