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Periodical volume 14. Oktober 1893, No. 55.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

*ä 659 s» 
Kleine Mitteilungen 
Aerxss Alfred von Sachfert-Ksvurg und Gotha, 
der neue Herrscher in dem schönen Thüringer Doppellande, dessen Porträt 
wir auf S. 653 bringen, ist der Neffe Herzogs Ernst II. und der zweite 
Sohn der Königin Viktoria von England und der im Jahre 1861 ver 
storbenen Prinz-Gemahls, des Prinzen Albert von Sachsen-Koburg und 
Gotha. AIS Sohn der Königin Viktoria und des Prinzen Albert ist Herzog 
Alfred ferner ein Bruder des Prinzen von Wales und der Kaiserin Friedrich. 
Da der Prinz von Wales als Thronfolger im britischen Reiche von der 
Erbfolge in den sächsischen Herzogtümern ausgeschlossen war, so war der 
Herzog Alfred der nächste berechtigte Agnat. Herzog Alfred, geboren zu 
Schloß Windsor am 6. August 1844, ist englischer Admiral und Königlich 
preußischer General der Infanterie ä la suite des 6. Thüringischen 
Infanterie-Regiments Nr. 95 und feit dem 23. Januar 1874 mit der 
Großfürstin Maria von Rußland, Schwester des Kaisers Alexander III., 
vermählt. Ihrer Ehe find fünf Kinder entsproflen: der neunzehnjährige 
Prinz Alfred, Prinzessin Maria, vermählt mit dem rumänischen Kronprinzen 
Ferdinand, und die Prinzessinnen Viktoria, Alexandra und Beatrice. 
Herzog Alfred trat bereits mit vierzehn Jahren als Kadett in die englische 
Marine, der er seiner ganzen Erziehung nach angehört. Im Jahre 1862 
wählten ihn die Griechen zu ihrem König, sein Vater lehnte jedoch die 
Krone für den Minderjährigen ab. Als Kommandant des Kriegsschiffes 
„Galatea" machte der zum Herzog von Edinburg ernannte Prinz große 
Seereisen, die sein Wiffen und sein Urteil in gleichem Maße erweiterten 
und den Grund zu seiner seemännischen Erfahrung legten. Eine eigen 
artige Wendung hat den britischen Herzog und Admiral nun auf den 
Thron des thüringischen DoppelherzogtumeS und in die Reihe der deutschen 
BundeSfürsten geführt. 
Der Erbprinz Alfred ist zu London geboren am 15. Oktober 1874 
und gehört zur Zeit dem ersten Garde-Regiment zu Fuß an, bei dem er 
seit dem 9. April d. I. als Eekonde-Leutnant in den Dienst getreten ist. 
Sein Erzieher war der bekannte Hosrat Dr. RohlfS. Nachdem er am 
15. Oktober 1892 für großjährig erklärt worden war, vollendete er auf 
der Hochschule München seine Studien. R. G. 
Die gerölkertmß i3 erlitt® hat sich in den letzten Jahr 
zehnten in fast beispielloser Weise vermehrt. Während dieselbe 1820: 201 900 
Personen (darunter 16 071 Militär) betrug, stieg sie bis 1849 auf 410 726, 
1871: 826 341, 1880: 1 122 330, 1885: 1 315 626. Nach der letzten 
Volkszählung, 1. Dezember 1890, betrug sie 1 578 794 (darunter 19 596 
Mann Militär) und 1. Mai 1893: 1665 800 Personen. Die jährliche 
Zunahme belief sich im Zeitraum 1885—90 auf 3,64 pCt. Nach dem 
Geschlecht entfielen 1890 auf 100 männliche 107,8 weibliche Personen. Der 
Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen in der Zeit vom Januar 1892 
bis 31. Juli d. I. war 9480, der Ueberschuß der Fortgezogenen über die Zu 
gezogenen für die gleiche Zeit 78. Geboren wurden 1891: 27,654 Knaben, 
26 104 Mädchen, worunter 901 männliche und 685 weibliche Totgeborne. 
Unehelich geboren wurden 6946, darunter 342 Totgeborne. 17 647 Ehe 
schließungen fanden statt. Gestorben sind (einschl. Totgeborne) 18 540 
männliche, 16 410 weibliche Personen. Die Zahl sämtlicher im Weichbild l 
Berlins belegcner bebauter Grundstücke belief sich 1892 auf 22 316, wovon 
21 614 bewohnt waren. Der Religion nach hat Berlin eine überwiegend 
evangelische Bevölkerung; die Katholiken nehmen 8,6 pCt., die Juden 5 pCt. 
derselben ein; nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 gab eS; 
1 356 650 Evangelische, 135 029 Römisch-Katholische, 79 286 Juden, dann 
1119 Baptisten, 1791 Jroingianer, 1376 Freireligiöse, 3486 Dissidenten, 
1570 Konfessionslose u. s. w. In der Bevölkerung tritt das Berlinertum 
mehr und mehr zurück; zählte man 1880 unter 1000 Einwohnern noch 
434 geborne Berliner, so 1890 nur noch 407. 1890 gab eS in Berlin 
17 886 Reichsausländer (besonders Oesterreicher, Ruffen, Amerikaner und 
Engländer); ihrer Mutteriprache nach waren 26 402 Personen nichtdeutsch, 
18 245 davon sprachen slavische Sprachen (besonders polnisch). 
Die Korliner Arbeiter-Kolonie feiert in diesem Jahre 
ihr zehnjähriges Bestehen. Im Jahre 1883, zufolge der andauernden 
Arbeitslosigkeit und überhandnehmenden Bettelei begründet, hat diese Anstalt, 
aus kleinen Anfängen dem wachsenden Bedürfnis entsprechend, sich dahin 
weiter entwickelt, daß-sie auf ihrem Grundstücke Reinickendorserstraße 36a 
zweihundert und in ihrer beim Tegeler Schießplätze belegenen Filiale sechzig 
Arbeitsuchende beherbergen kann. Sie bietet diesen Leuten, unter welchen 
sich nicht bloß Lohnarbeiter und Handwerker, sondern auch stellenlose Kauf 
leute und Schreiber (erstere in beträchtlicher Zahl), heruntergekommene 
Künstler und Studierte, entlaffene Lehrer und Beamte befinden, Beschäftigung 
und als Entgelt für ihre Arbeitsleistung Unterkunft, Nahrung und einen 
bescheidenen Verdienst: sie entreißt sie dadurch der Bettelei und bewahrt 
sie vor dem völligen Versinken in Elend und Verbrechen. Die Aufnahme 
wird thunlichst jedem durch ein Mitglied der „Vereins für die Berliner 
Arbeiterkolonie" der Anstalt überwiesenen arbeitsfähigen, alleinstehenden 
Manne gewährt, ohne Unterschied der Konfession, und ohne daß 
untersucht wird, ob die Not der einzelnen Hilfesuchenden verschuldet oder 
unverschuldet ist. Unter den bis jetzt aufgenommenen gegen 4000 Kolonisten 
sind manche gewesen, welche durch den erziehlichen Einfluß der Arbeit und 
einer geregelten Lebensweise wie durch die seelsorgerische Einwirkung deS 
Anstaltsgeistlichen die Anregung empfingen, ein neues Leben zu beginnen, 
manche, denen das bei ihrer Entlastung herausgezahlte Guthaben und die 
nachgewiesene, lohnende Arbeit die Möglichkeit verschaffte, wieder in eine 
gesicherte Lebensstellung zu gelangen. 
Da die Arbeiterkolonie in erster Linie eine WohIthätigkeitS-, nicht 
eine Erwerbsanstalt ist, und da in den verschiedenen Betrieben (Tischlerei, 
Bürftenmacherei, Anfertigung von Flaschenhülsen auS Stroh, von Aus 
klopfern aus Rohrgeflecht, Zerkleinerung von Brennholz, Feld- und Forst 
arbeil) durchweg ungejchulte, teilweise entkräftete Leute beschäftigt werden, 
die beständig wechseln, so läßt sich das Unternehmen trotz fachmännischer 
Leitung und bei sparsamster Wirtschaft nicht gewinnbringend im kauf 
männischen Sinne gestalten, sondern eS bedarf eines dauernden ZuschuffeS, 
welcher durch die Mitgliederbeiträge und andere fteiwillige Gaben nicht 
gedeckt wird, so daß beispielsweise der diesjährige Voranschlag mit einem 
Fehlbeträge von 18,000 Mk. abschließt. ES darf dies nicht befremden, 
va auch die übrigen 25 in Deutschland bestehenden Arbeiterkolonien regel 
mäßige, erhebliche Zuschüße nicht entbehren können, die ihnen teilweise auS 
staatlichen, meistens aus kommunalen Mitteln gegeben werden. Eine der 
artige Subvention ist für die Berliner Arbeiterkolonie bisher nicht zu 
erlangen gewesen. 
An unsere Mitbürger sei deshalb die dringende Aufforderung gerichtet, 
die Anstalt, welche an ihrem Teil zur Linderung der Not und zur Be 
kämpfung der sozialen Mißstände beiträgt, durch eine einmalige Gabe zu 
unterstützen oder dem Vereine für die Berliner Arbeiterkolonie beizutreten, 
der — darauf sei hier besonders hingewiesen — seinen Mitgliedern gegen 
Zahlung eines jährlichen Beitrages von mindestens 2 Mk. eine nicht zu 
unterschätzende Berechtigung gewährt. Bei der herrschenden Not kommt 
doch jeder öfters in die Lage, von Hilfsbedürftigen angesprochen zu werden. 
Diesen ohne Prüfung ein Almosen zu reichen, ist in den allermeisten 
Fällen nicht nur unklug, sondern auch unrecht. Der wirklichen Not hilft 
eS nicht ab, dagegen befördert eS die Faulheit, die Trunksucht und die 
Schwindelei arbeitsscheuer Menschen. Andererseits ist er für den fühlenden 
Menschen, besonders für die Frauen schwer, jeden Bettelnden ohne weiteres 
abzuweisen, weil ja wirklich unter ihnen auch bedürftige und arbeitwillige 
Leute vorhanden sind. AuS diesem Konflikt befreit der Verein für die 
Berliner Arbeilerkolonie seine Mitglieder, indem er ihnen dar Recht giebt, 
die Hilfesuchenden der Anstalt zu überweisen, wo ihnen nicht nur unter 
allen Umständen eine Mahlzeit und vorläufiges Obdach geboten wird, so 
weit dazu die Möglichkeit vorhanden ist, sondern wo sie in den meisten 
Fällen auf längere Zeit Beschäftigung, für ihre Arbeit den notwendigen 
Lebensunterhalt und vielleicht dauernde Rettung finden. Die Bettler, 
welche diese Hilfe nicht annehmen, zeigen damit, daß sie nicht arbeiten 
wollen, sondern sich darauf legen, auf Kosten anderer dem Müßiggang und 
anderen Lastern zu fröhnen. Jeder Pfennig, den man ihnen giebt, ist 
weggeworfenes Geld. 
Anmeldungen zur Mitgliedschaft der Vereins und Zusendungen für 
die Kolonie werden nach dem Büreau der Anstalt Reinickendorserstraße 36a 
zu Händen deS Direktors Schlunk oder des Anstaltsgeistlichen, Pastor 
Haase, erbeten. Von dort erfolgt ebenfalls die Versendung der Mitglieder 
karten, Drucksachen und UeberweisungSzettel. Sehr erwünscht ist auch ein 
Besuch der Anstalt und eine Besichtigung ihrer von vielen Seiten als 
mustergiltig anerkannten Einrichtungen. 
Girre Zeitung in frattzöstrher Sprache erscheint seit 
dem 26. September in Berlin unter dem Titel „Journal de Berlin national, 
politique et litteraire“ im Verlage von Max Schildberger und unter 
Redaktion von Dr. H. Schacht. Wir können uns nicht vorstellen, daß diese 
ueueste Erscheinung der Berliner Journalistik mit „vive satisfaction 1- 
begrüßt werden wird, wie Verleger und Redakteur hoffen, und befürchten, 
daß hier eine Eintagsfliege das Licht der Welt erblickt hat. Die Zeitung 
ist in deutsch nationalem Sinne gehalten, wie ihr Motto: „Pro rege et 
patria“ anzeigt, und bezweckt, in einem guten Französich die TageS- 
Ereigniffe zu besprechen. Lag hierfür wirklich ein Bedürfnis vor? Wir 
glauben, dies verneinen zu müffen. R. G. 
Vereins Nachrichten 
Die „Brandenburgia", Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz 
Brandenburg, hielt am 27. September die erste öffentliche Sitzung der Winter 
halbjahres im Ständehause, Matthäikirchstraße 20/21 ab. Herr Stadtrat 
Friedelbesprach zunächst das Liebenowsche Kartenwerk von Mittel- 
Europa, (1:100000), von dem Verfasser der Gesellschaft ein Exemplar verehrt 
halte (Ladenpreis 145 Mk., einzelne Blätter 1 Mk.). Dieser Kartenwerk, daS 
einer Anregung MoltkeS seine Entstehung verdankt, erforderte eine Arbeit von 
18 Jahren. Der Stich desselben kostete gegen 100 000 Mk. Erwähnung ver 
dient die Thatsache, daß dar Liebenowsche Kartenwerk zur Grundlage der Grenz 
regulierung beim Frieden zu Frankfurt gemacht wurde. — Sodann hielt 
Herr Maurer einen Vortrag über den Wendischen Burgwall bei 
Blankenburg im Norden von Berlin, den derselbe am 13. August d. I. 
einer eingehenden Untersuchung unterzogen hatte. ES sind von dem 
Burgwall, der 180 ni Umfang und 51 in Durchmesser hat, leider nur 
noch geringe Ueberbleibsel vorhanden, da der jetzige Besitzer (wegen des 
vorzüglichen Moorbodens) allein über 800 Fuhren Erde hat abfahren lasien. 
Der Burgwall bildet einen ziemlich regelmäßigen Kreis, die gefundenen 
Kulturreste sind nur gering. Die Fundstücke sind dem Märkischen Provinzial- 
Museum übergeben worden und zirkulierten in der Versammlung. Herr 
Stadtrat Friedei verlegte diese wendische Anlage in die späteste Zeit 
(11. Jahrhundert) und machte daraus aufmerksam, daß dieser Burgwall 
der der Stadt Berlin am nächsten liegende ist, da man die geringen 
Spuren eines solchen im Treptower Park nicht weiter in Betracht ziehen 
kann. — Ueber die Sechellen-Nuß, welche ebenfalls zirkulierte, haben
        
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