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Periodical volume 14. Oktober 1893, No. 55.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Aufmerksam entgegenkommend, hatten die Polen für aus 
reichende Fähren gesorgt, um die Brandenburger an das jen 
seitige User der Weichsel zu befördern. 
Mit unverhülltem Staunen blickte Georg von Waldeck 
auf die ungeheueren Dämme, die sowohl hier das Bett des 
Stromes einzwängten, als auch in der Ferne au der Nogat 
sichtbar wurden. 
„War es nicht ein Ouerfurter Landmeister, der den groß 
artigen Gedanken zur Ausführung brachte, die Wildheit dieser 
Gewässer durch Menschenwerk zu bändigen?" wandte er sich 
lebhaft an den Starosten. „Wißt Ihr, um welche Zeit die 
ebenso nutzbringende wie gewaltige Arbeit gethan wurde?" 
„Im Jahre 1288 heißt es," erwiderte Weiher, spöttisch 
lächelnd. „Ich schätze das Verdienst jenes Grafen Meinhard 
nicht allzuhoch. Die Fruchtbarkeit war ehemals, als die Ströme 
ungehindert das Land überfluten konnten, sicher eine größere." 
„Aber die Verwilderung und 
jährliche Verwüstung der Felder 
ließ dieselbe nicht nutzbringend 
werden!" 
Ludwig von Weiher zuckte, mit 
demselben unangenehmen Lächeln 
die Achseln. 
Schweigend ritten sie eine Zeit 
lang neben einander her. Der Weg 
führte jetzt über die Nogathöhen. 
Der Strom wurde überschritten. 
Nicht ohne Absicht schien der Starost 
diese Straße, welche ersichtlich nicht 
am schnellsten zum Ziele führte, zu 
wählen. Von jeder Anhöhe bot sich 
ein herrlicher Ausblick über die 
prächtigen Fluren, und, vom Abend 
rot beleuchtet, trat das hohe rechte 
Nogatufer mit der Marienburg den 
Brandenburgern vor das Auge. 
„Wie plötzlich der Strom unter 
dem Schlosse seinen Lauf von Süden 
nach Osten lenkt!" rief Georg, in 
dem er staunend den Blick auf das 
selten schöne Bild heftete. „Die 
deutschen Ordensherren müssen einen 
wahren Feldherrenblick besessen haben, als sie dort ihre Haupt 
burg gründeten. Weiß man vielleicht hier in der Gegend, ob 
sich bereits vorher ein Ort an Marienburgs Stelle befunden, 
Herr von Weiher?" 
„Wohl!" lächelte der Starost. „Inmitten eines aus 
gedehnten heiligen Waldes hat hier das als Wallfahrtsort 
wohlbekannte Dorf Alyem gelegen. Ihr seht, werter Graf, 
den Ruhm, die günstige Lage zur Anfiedlung entdeckt zu 
haben, dürfen wir den Dentschrittern nicht zumessen." 
Georgs offener Blick fühlte sich abgestoßen durch den 
neidischen und gehässigen Ausdruck, welcher bei diesen Worten 
sich über das gelbliche Antlitz des Polen legte. 
Der Generalleutnant hatte seit längerer Zeit geschwiegen. 
Sobald die von dem Abendsonnenlicht umflutete Burg seinem 
Auge sichtbar geworden war, hatte er den Blick nicht mehr 
von ihr abgeivendet. Kein Wunder, daß derselbe mehr und 
mehr feucht zu schimmern begann. Als der alte Gras be 
merkte. daß des Starosten hämisches Auge sich beobachtend ihm 
zuwandte, zwang er sich zu einer Aeußerung; aber die Worte 
klangen gepreßt aus seinem Munde, als er meinte: 
„Die Marienburg wird ein kriegerisches Aussehen er 
halten. Wie viele von unseren Truppen meint Ihr daselbst 
unterbringen zu können, Herr von Weiher?" 
„Wir haben selbst zweihundert Haiducken und doppelt so 
viel Dragoner im Schlosse. Dennoch hoffe ich, genügend 
Raum für Eure Soldaten zu schaffen. So viele ihrer keine 
Unterkunft in den Burggebäuden finden, denen steht gute Auf 
nahme in der Umgegend bereit," antwortete der Gefragte in 
äußerst zuvorkommender Weise. 
Jetzt ritt der Starost mit seinen Gästen in die niedrig 
gelegenen Straßen von Marienburg ein. Nur wenige Be 
wohner waren auf den Gassen und an den Fenstern der un 
scheinbaren Häuser zu erblicken. Georg wollte es scheinen, als 
ob auch diese wenigen Neugierigen 
nicht eben freudig und vertrauens 
voll dreinschauten. Die Grüße, 
welche sie zu dem Starosten herüber 
sandten, ließen an Unterwürfigkeit 
und aufrichtigerHochachtung manches 
zu wünschen übrig. 
Georg stellte seine Betrachtungen 
hierüber an, während der Zug an 
der Johanniskirche abbog, um von 
dort über den Mühlengraben zur 
Burg zu gelangen. 
Sobald sein Roß den Huf auf 
den Boden des berühmten alten 
Ordenhochsitzes niederließ, wurde 
der Sinn des General - Majors 
von dem erhabenen Eindruck hin 
genommen, welchen der wunderbar 
großartige Bau auf jedermann aus 
übte, dem er zum ersten Male vor 
Augen trat. 
Der Generalleutnant aber meinte 
kopfschüttelnd: 
„Für einen bevorstehenden Krieg 
dünken mich die Verschanzungen der 
Marienburg sehr mangelhaft. Die 
äußeren Werke scheinen völlig verfallen zu sein, was bei ihrem 
Umfange doppelt gefährlich sein dürfte. Die größte Besatzung 
ist da machtlos." 
„Seit einigen Wochen befindet sich ein Kriegsbaumeister 
am Orte, unter dessen Leitung die Schäden ausgebesiert 
werden," beeilte Ludwig sich geschmeidig zu versichern. 
„Seit einigen Wochen?" fuhr Georg heftig herum. „Die 
polnische Regierung hätte meines Erachtens eher daran denken 
sollen, diesen wichtigen Platz in jeder Beziehung zu be 
festigen!" 
Arrogant und herausfordernd funkelten die Augen des 
Polen den ehrlich Zürnenden an; aber die Lippen unter dem 
schwarzen Schnurrbart verzogen sich zu beleidigendem Lächeln. 
„Es ist kein Grund zu Befürchtungen vorhanden; glaubt 
meinem Worte, werter Graf!" sprach er so verbindlich, als 
wünsche er dem Gaste einen angenehmen Aufenthalt, nichts 
anderes, zu verbürgen. 
Herzog Ernst II. 
uon Sachsen-Koburg und -Gotha 
inr 70♦ Kevenssahr.
        
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