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Periodical volume 7. Oktober 1893, No. 54.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Worte drängte sich ein Sensenschmied an ihn heran und schlug 
ihm mit der Faust unter das Kinn. 
„Bei Gott, das sollst Du teuer büßen!" schrie Sigmund, 
that einen furchtbaren Hieb und spaltete dem Verwegenen das 
Haupt, und in steigendem Grimme eines gereizten Löwen traf 
sein Schwert noch zwanzig der Zurückweichenden. Plötzlich 
sauste ein mit furchtbarer Kraft geschleudertes Beil durch die 
Luft, durchschlug ihm den Hals auf der linken Seite und 
endigte, während ein breiter Strahl Blut hervordrang, sein 
edles Leben. Nachdem auch diese entsetzliche That geschehen, 
schien den Wütenden erst die Erkenntnis ihrer Handlungsweise 
gekommen zu sein. Die Waffen entfielen ihren Händen, es 
erschollen Worte der Reue und des gegenseitigen Vorwurfes, 
und zwar am lautesten aus dem Munde derer, die durch 
wilde Reden den Sturm des Aufruhrs entzündet hatten. 
Mehrere dieser Schlechten hoben die beiden Leichen auf, legten 
sie auf Tragbahren und begaben sich mit denselben unter 
heuchlerischen Wehklagen zur Burg, auf welche noch nicht die 
geringste Kunde von dem gräßlichen Vorfall gedrungen war, 
da alle Bewohner der inneren Stadt, entweder aus Neugier 
oder redlichem Elfer der Hilfeleistung, dem Schauplatze des 
Entsetzlichen, zugeeilt waren. 
Burggraf Friedrich befand sich während dieser Vorgänge 
mit seiner Gemahlin und der jungen Gräfin Hedwig von 
Nassau, der Verlobten Johanns, beim Morgenimbis, und be 
mühten sich vergebens, der Gattin die bangen Gedanken über 
den gehabten Traum zu verscheuchen; aber ohne von seinen 
Worten beruhigt zu sein, trat sie an eines der gegen den 
Marktplatz gelegenen Burgfenster, um ihre Thränen zu ver 
bergen. Da sah sie, wie ein ungeheuerer Menschenhaufe sich 
über den Markt zur Burg hindrängte und schrie in maßlosem 
Weh: „Himmel! was sehe ich? Meine Ahnung! Friedrich! 
Hedwig! übt Barmherzigkeit an mir und weckt mich aus 
meinem furchtbaren Traum, oder ich erwache nicht mehr!" 
Bei diesen verzweifelten Worten war Friedrich entsetzt auf 
gesprungen. stürzte an das Fenster und fing die wie leblos 
iliederfinkende Gattin in seinen Armen auf. Aber wie ver 
steinert blieb er, als das Geräusch der unten mit zwei be 
deckten Bahren und Sigmunds Roß still haltenden Menge 
seinen Blick auf sich zog. Niemand vermochte während dieser 
Augenblicke ein Wort hervorzubringen, alle befanden sich wie 
von einem lähmenden Zauber befangen. Endlich machten sich 
in den Vorzimmern Stimmen bemerkbar und jetzt kam der 
Burggraf wieder zu sich. Wankenden Schrittes eilte er den 
Unglücksboten entgegen, ließ die über die Bahre gehängte 
Decke zurückschlagen und erblickte nun die blutigen Leichname 
seiner Söhne, welche er erst vor wenigen Stunden lebensfrisch 
hatte davonziehen sehen. Indessen Friedrich vor seinen toten 
Lieblingen niederkniete und mit zum Himmel erhobenen Augen 
gebrochen rief: „Herr, weshalb prüfft Du mich so schwer, 
was hab' ich denn verschuldet?" trat Elisabeth hinzu, sank 
aber beim Anblick der Toten bewußtlos auf Sigmund, 
während Hedwig mit heißen Thränen Johanns blutige Brust 
benetzte. Eine lange, nur von Schluchzen und jammernden 
Tönen unterbrochene Pause machte jedes fühlende Herz er 
schüttern. — Alsdann trafen Bürger und Dienstleute des 
Burggrafen insgeheim ^Verabredung, den Tod der jungen 
Grafen an den Schuldigen zu rächen, versahen sich mit Waffen 
und eilten der Vorstadt zu. Als Friedrich nach einigen Augen 
blicken ihre Absicht erfuhr, eilte er ihnen, sein eigenes Herze 
leid vergessend, nach, stellte sich ihrem Zuge auf der Pegnitz 
brücke entgegen und bat sie, von der blutigen Ausführung 
ihres Entschluffes Abstand zu nehmen, konnte sie aber nur 
dadurch zurückhalten, daß er selbst die gerechte Bestrafung der 
Mörder zu'übernehmen versprach. 
„Aber, nicht wahr, edler Burggraf, noch heute?" sprach 
einer der Anführer, „sonst halten wir noch in der Nacht 
Gericht!" 
Friedrich sagte dieses zu und gab sofort Befehl, daß aus 
den benachbarten Orten des Burggrafentums 500 Reisige in 
Eilmärschen zu ihm kommen sollten. Absichtlich sprach aber 
der trotz des herben Verlustes noch menschenfreundlich gesinnte 
Burggraf diesen Befehl laut aus, denn die strafbaren Be 
wohner der Vorstadt, sämtlich aus Sensenschmieden bestehend, 
nahmen nun schleunigst die Flucht nach Donauwörth und über 
hoben somit den gebeugten Fürsten der traurigen Notwendig 
keit, das Blut seiner Söhne mit dem Blute zahlreicher Väter 
zu sühnen. Er drang auch nicht auf Einziehung ihrer Häuser, 
sondern begnügte sich damit, auf jedes derselben eine jährliche 
Strafsteuer von sieben Hellem zu legen, welches Blutgeld der 
Burggraf Friedrich V. im Jahre 1386 der Stadt Nürnberg 
wieder zu lösen gab. 
Johanns und Sigmunds Gebeine ruhen in der Jakobs 
kirche unter dem Altar in der Kapelle zur rechten Seite. In 
einem dem Thatorte nahe gelegenen Hause befand oder be 
findet sich noch ein uraltes dreifaches Bild, welches die er 
zählte Begebenheit darstellt. Das Gemälde des mittleren 
Teiles zeigt die beiden burggräflichen Jünglinge, wie sie mit 
Gefolge auf die Jagd reiten; rechts erblickt man einen Hund, 
welcher des Sensenschmieds Kind zerreißt und links sieht man 
die Ermordung des einen Prinzen. — Schwer lag die 
Erinnerung des unglücklichen Todes ihrer Söhne auf den 
Herzen des burggräslichen Paares und der liebenswürdigen 
Hedwig, welche, unfähig einer zweiten Liebe, sich bald darauf 
in einem Kloster der Stadt zur Nonne hatte weihen lassen. 
Der Tod der Gattin im Jahre 1272 umdüsterte Friedrichs 
Haupt noch mehr, b'.s die im nächsten Jahre erfolgte Wahl 
Rudolphs von Habsburg zum deutschen Könige, seines Oheims, 
ihn in den Strudel der großen Weltbegebenheiten riß, und die 
Angelegenheiten des Vaterlandes die Oede in seinem Herzen 
ausfüllten. 
Generalversammlung des Gesamtvereins 
der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 
in Stuttgart 
vom 21. bis 25. September 1893. 
Die diesjährige Generalversammlung des Gesamtvereins 
der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine zu Stuttgart 
stand in engster Verbindiliig mit der Feier des fünfzigjährigen 
Jubiläums des Württembergischen Altertumsvereins. 
Am Donnerstag den 21. September fand von 8 Uhr 
abends ab im kleinen Saale des Obern Museums der schwäbischen 
Residenz die Begrüßung und erste gesellige Vereinigung der 
Teilnehmer an der Generalversammlung des Gesamtvereins 
durch den Ortsausschuß statt. Unter den anwesenden Gästen 
waren u. a. der Geheime Archivrat Reuter aus Berlin zu be-
        
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