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Periodical volume 7. Oktober 1893, No. 54.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Fürst bemerkte, daß Prinzessin Anna auch in ihrer Geistes 
richtung seiner verstorbenen Gattin ähnlich war. Gleich einfach 
und häuslich erzogen, wie jene, zeigte sie wenig Sinn für 
Glanz und Aeußerlichkeiten des Lebens. Die Prinzessin war 
eine mädchenhafte Erscheinung, voll Anmut und Liebreiz. 
Durch Wort und Blick gewann sie sich im Sturm aller Herzen, 
da war es nicht zu verwundern, daß sie auch auf den Groß- 
herzog den tiefsten Eindruck machte. Am 10. Dezember 1863 
verlobte sich Großherzog Friedrich Franz mit der Prinzessin 
Anna von Hessen, und, als nach Beendigung ernster Kriegs 
arbeit in Schleswig-Holstein der Frühling wieder ins Land 
zog, fand in Darmstadt am 12. Mai des folgenden Jahres 
die Vermählung statt. Am 18. Mai verließen die Neu 
vermählten die Heimat der Prinzessin, um am 21. ihren feier 
lichen Einzug zu halten in das im herrlichsten Blütenschmuck 
prangende Schwerin. Im märchenhaften Zauber erstrahlte 
das Schloß, um seine neue Herrin würdig zu empfangen. 
Neues, volles Glück erblühte nun dem Großherzoge an 
der Seite seiner liebreizenden Gemahlin. Die ersten Wochen 
verbrachte das neuvermählte Paar in Rabensteinfeld, einem 
ganz in der Nähe von Schwerin in herrlichen Buchenwaldungen 
gelegenen Sommerfitze. Der Großherzog lebte dort als 
Privatmann; er vergnügte sich als Weidmann in den wild- 
reichen Forstrevieren und widmete sich der Landwirlschaft und 
der Pferdezucht. In dem Gestüt, welches er daselbst errichtete, 
wurden die Rennpferde gezogen, die auf mecklenburgischen 
Bahnen liefen. Den ersten Rang unter den Rennplätzen be 
hauptete übrigens stets das als Seebad rühmlichst bekannte 
Doberan, welches zur ständigen Sommerresidenz des fürstlichen 
Hauses ward. Mit Ausnahme des Orientjahres und des 
Kriegsjahres 1870—1871 verging wohl kein Sommer, 
wo der Großherzog dort nicht für sich und die Seinen 
Erfrischung in der Ungezwungenheit des Badelebens gesucht 
hätte. 
Unerforschlich find Gottes Wege! Aller Mund war bald 
des Lobes voll von der neuen Großherzogin, besonders auch 
wegen ihrer Leutseligkeit gegen die Geringen und ihrer Mild 
thätigkeit gegen die Notleidenden. Friedrich Franz II. aber 
genoß das ihm neu beschiedene Glück mit einem von Dank 
überströmendem Herzen. 
Da wurde am 7. April 1865 die Großherzogin von 
einer Prinzessin entbunden. Anfangs verlief alles nach 
Wunsch, bis sich plötzlich schlimme Symptome zeigten. Nichts 
vermochte das junge Leben zn retteu. Bereits am 16. April 
starb die Fürstin. Noch war kein Jahr vergangen, seit die 
Liebe sie ins Land geführt und schon legte man die ersten 
Frühlingsboten auf ihren Sarg. 
Großherzog Friedrich Franz war wie betäubt von diesem 
jähen Schicksalsschlage. Auf den Tod seiner ersten Gemahlin 
war er jahrelang durch deren Hinsiechen vorbereitet; ihr 
Tod bedeutete für sie Erlösung von schwerem, unheilbaren 
Leiden, und sie selbst hatte ihn auf das Unvermeidliche hin 
gewiesen; ihr wundersames Sterben voll Ergebung und 
Glaubenshoffnung hatte ihm geholfen, sich still in Gottes 
Willen zu fügen. Aber dieses plötzliche Abscheiden aus 
heiterem, sonnigen Glück traf ihn mit vernichtender Gewalt. 
Es verging geraume Zeit, bis der tiefgebeugte Fürst sich in 
sein hartes Geschick gefunden hatte, in dem Bewußtsein, daß 
eine höhere Hand des Menschen Geschicke leitet. „Sie war 
eine Himmelsblume, zu gut für diese Welt," soll er einmal 
wehmutsvoll geäußert haben. 
Einen Trost in diesen schweren Tagen gewährte dem 
Großherzoge die bei diesem traurigen Anlaß wieder deutlich 
hervortretende Liebe und Anhänglichkeit seines Volkes. Mit 
neuer Energie stürzte er sich bald in die Arbeit; auch suchte 
er durch abermalige Reisen den Schmerz seines Innern zu 
betäuben. 
Ein längerer Aufenthalt in Bagusres und Biarritz wirkte 
wohlthätig auf ihn ein. Er besuchte Spanien und Portugal 
und kehrte dann, an Leib und Seele gekräftigt, nach Mecklen 
burg zurück. 
(Schluß folgt.) 
Gin Matt aus der Geschichte der Hchenrollern. 
Erzählung von M. KoeOett. 
(Schluß.) 
Indes die Augen fast aller Umstehenden sichtlich von 
innerer Rührung zeigten, rief ein sich neugierig hervor- 
drängender Bauer, dessen kaum bestellte Wintersaat während 
der gestrigen Jagd zertreten worden: „Sollen wir es dulden, 
daß diese kaum flügge gewordenen Gräflein unsere Fluren 
vernichten und ihrem Vergnügen jetzt sogar unsere Kinder 
opfern? Auf. zur Hetze, solch edles Wild kommt uns selten 
in den Weg gelaufen!" Diesen inhaltschweren Worten folgte 
tiefe Stille, welche aber bald mehr und mehr einem drohenden 
Murren wich, und als schließlich ein Sensenschmied die Worte: 
„Was zögert Ihr, habt Ihr je gehört, daß eines Bürger 
kindes Leben mehr wert sei, als eines Fürsten Jagdfreude?" 
hinwarf, erfüllten laute Verwünschungen gegen die Burggrafen 
die Luft und überall blinkten und drohten die Waffen der 
Erregten Johann entgegen. Da flog ein von hinten ge 
schleuderter Stein auf sein Haupt und machte ihn taumeln, 
jedoch sich emporrichtend, wandte der Jüngling das Antlitz 
gegen die Seite, woher der Wurf gekommen, entblößte seine 
Brust und rief: „Hierher trefft, Ihr feigen Meuchler, aber 
schont meines Bruders!", und als ob es nur dieser Worte 
bedurft hätte, trafen Steine. Hämmer und Aexte den unglück 
lichen Burggrafen und streckten ihn blutend zu Boden. 
Wütend eilte jetzt Sigmund, welcher sich gegen andere An 
griffe zu verteidigen gehabt hatte, herbei und suchte seinen 
Bruder vor den Mördern zu schützen, wurde aber von kräftigen 
Fäusten erfaßt und weit zurückgeschleudert. Hiervon aber noch 
nicht befriedigt, sondern durch das rinnende Blut zu wachsender 
Unmenschlichkeit angeregt, stürzten die Sinnlosen auf den 
bereits mit dem Tode ringenden älteren Burggrafen zu und 
töteten ihn, ohne daß einige zur Besinnung Gelangte es zu 
hindern vermocht hatten, vollends. Eben hatte eine mitleidige 
Hand den halb bewußtlosen Sigmund aufs Pferd gehoben 
und dasselbe zu schleuniger Flucht angefeuert; aber scheu ge 
worden, lief das ungelenkte Tier ziellos umher und erregte 
dadurch weiteres Aufsehen. Mit Pfeilschnelle eilte der wilde 
Haufe dem Burggrafen nach und^umringte ihn. Als Sigmund 
sich von den nach Blut und Mord Brüllenden dicht umstellt 
sah, schien er wie aus tiefem Schlafe zu erwachen. Er sprang 
vom Pferde herab, trat den Drohenden furchtlos entgegen 
und verkündete ihnen schreckliche Vergeltung. Während dieser
        
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