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Periodical volume 5. November 1892, No. 6.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Der Altar, in französischem Sand- und Kalkstein un- 
gemein sauber und kunstschön gemeißelt, 11 in hoch, zeigt in 
der Mittelöffnung die Gestalt des Heilands, in den Seiten- 
öffnungen die Standbilder der Apostel Petrus und Paulus. 
Auf dem Altartisch wird ein in Eichenholz geschnitzter ge 
kreuzigter Christus seinen Platz erhalten. — Für die Auswahl 
der in Stein, Erz und Glasmalerei verewigten Reformatoren, 
Fürsten u. s. w. war eine besondere Kommission thätig, der 
auch Kögel (Berlin), Köstlin (Halle) und Höltzscher (Leipzig) 
angehörten. Die Feststellung der Wappen erfolgte durch das 
Heroldsanit unter hervorragender Mitarbeit des Heraldikers, 
Professors Hildebrand. 
Die farbige Behandlung des Innern des Gotteshauses, 
ohnehin eine Eigentümlichkeit des spätgotischen Stils, war 
durch die heraldischen Forderungen der Polychromie der 
Wappen (der „Tingierung") in der Eniporenbrüstung noch be 
sonders bedingt. Sie bewegt sich in maßvollen Grenzen, 
so daß dadurch der schlichte Grundcharakter einer evangelischen 
Kirche nicht verleugnet wird. Das Orgelgehäuse, die Kanzel 
und das Gestühl ist in Eichenholz, wie der fand- und kalk 
steinerne Altar, in spätgotischen Formen gar zierlich und reiz 
voll geschnitzt, doch ohne jede Vergoldung belassen. 
Noch eines bedeutsamen Teiles der Schloßkirche ist — 
dank der Huld Seiner Majestät des Kaisers — zu gedenken. 
Es ist dies ein dem Gotteshause unterhalb der Orgelempore 
im Gruflgeschosse einverleibtes Mausoleum der Askanier, die 
ehedem im Kloster der „Franziskaner" beigesetzt waren. Ge 
legentlich der Aufhebung des Fußbodens der einen auf den 
Grundmauern dieses Klosters errichteten Schloßkaserne waren 
diese Särge, 27 an Zahl aufgefunden. Durch eine mit Kaiser 
licher Widmung versehene Gedenktafel über der Gruft sind sie 
der Vergessenheit pietätvoll entzogen. Auch noch durch eine 
andere Stiftung hat Seine Majestät seine Teilnahme an der 
Erneuerung der Schloßkirche bethätigt: durch einen Kaiserstuhl 
und ein evangelisches Fürstengestühl, das seitlich vor dem 
Altar Aufstellung findet. Das Fürstengestühl enthält auf jeder 
Seite elf Plätze, geziert mit Wappen und kunstvoll geschnitzt. 
Als fernere Stiftungen find zu erwähnen: der vom 
Kultus-Minister gestiftete, in Tirol geschnitzte Christus für den 
Altar; zwei silberne Altarleuchter der Universität Halle- 
Wittenberg; eine Nachbildung der in Jena in der dortigen 
Kirche befindlichen Grabtafel Luthers mit dem lebensgroßen 
Bildnisse des Reformators. Sie ist der Wand rechts von 
Luthers Ruhestätte eingefügt. Die Gräber Luthers und 
Melanchthons sind außerdem durch kleine erhöhte Sandstein- 
sockel mit den eingelassenen, alten Grabtafeln besonders er 
kennbar gemacht. 
Das Gotteshaus, dem auf der Südseite eine kleine 
Sakristei angefügt ist, hat von Mauer zu Mauer eine Spann 
weite von 13 m bei einer lichten Höhe von 38 m bis zum 
Scheitel der Gewölbe, die durch mächtige, aus einem 1,20 ui 
im Gevierte großen Sandsteinblock gemeißelte Hängezapfen 
geschlossen sind. 
Für die Gestaltung des Aeußeren ist nach den gleichen 
Gesichtspunkten, wie für die des Inneren verfahren. Alles, 
was dem alten Bau angehörte, ist erhalten geblieben; das 
Fehlende oder neu Hinzugefügte (wie z. B. die Sakristei) ist 
in stilistisch richtiger, aber einfacher Fassung ersetzt bezw. ge 
staltet. Hierzu gehören die beiden Türme, der über der 
Querachse des Thesenportals errichtete Dachreiter, zugleich der 
Uhrturm und dann der endgiltig für die Kirche erworbene alte 
Schloßturm, der um 22 iu erhöht, jetzt 88 m in die Lüfte 
ragt. gerade so hoch wie der Berliner Rathausturm. Das 
Kirchendach ist als Kroneudach mit Biberschwänzen eingedeckt, 
mit einem Muster von farbigen Glasurziegeln. In die West 
front der Kirche find Fenster gebrochen und darüber ein stil 
gemäßer aber einfach gegliederter Steingiebel mit Maßwerk 
staffeln zwischen Fialen aufgeführt. Mit dem Umbau ist am 
14. Juli 1885 begonnen. Die Erneuerung der alten Schloß 
kirche hat somit über sieben Jahre in Anspruch genommen.
        
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