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Periodical volume 7. Oktober 1893, No. 54.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Zwischen den verschiedenartigen Uniformen blinkten in 
Gruppen aufgestellte Waffen. Dazwischen ertönte das Gewieher 
zahlreicher Pferde. 
Der immerhin wilde Eindruck aber wurde durch manch 
munteres Lachen oder durch ein aus kräftiger Kehle stammendes 
Soldatenlied gemildert. 
Während sich die Rosse ihren reichlich vorgeschütteten 
Hafer schmecken ließen, kreisten Brottasche und Feldflasche 
unter den Reitern. Derbe Scherzworte flogen von Mund zu 
Mund. Aus der zur Schau getragenen Sorglosigkeit war zu 
entnehmen, daß vor der Hand dem Kriegsgewerbe kein ernstes 
Geschäft bevorstand. 
Auch an der auf dem Rasen unter weitschattender Eiche 
hergerichteten Tafelrunde der Offiziere ging es heiter zu. 
Zwanglos gruppiert, nahmen sie ihr Mahl ein. Fröhlich 
klangen die Becher aneinander, und der Inhalt ihrer Unter 
haltung ward nicht mit sorglichem Vorbedacht gewählt. Man 
war eben unter sich. Obgleich die zu den Truppenteilen ge 
hörenden Generäle allgemein beliebt und geschätzt waren, so 
pflegten die jungen Truppenführer sich doch, wenn sie an 
wesend waren, zu zügeln. 
Die beiden Grafen von Waldeck aber hatten sich diesmal 
sogleich nach dem Absitzen tiefer in den Wald begeben. An 
einer Stelle, wo dichtes Buchengrün das lichtere Nadelgezweig 
durchrankte, wandelten sie, abgesondert vom Getümmel des 
Lagerplatzes, Seite an Seite auf und nieder. 
Es waren gleich hohe und kraftvolle Gestalten, mit un- 
verkennbarer Familienähnlichkeit in dem vornehmen Schnitt 
der Züge, nur mit dem Unterschiede, daß auf dem Haupte des 
einen kurzgehaltenes, graues Haar sproßte, während unter 
dem Hute des anderen dichtes, dunkelblondes Gelock hervor 
quoll. Beide trugen einen Vollbart, der sie nicht minder gut 
kleidete, als der Rock und Küraß des vornehmsten Regimentes. 
Die hohen Reiterstiefel, der die Hüften fest umspannende Gurt 
mit dem Pallasch, die von der Schulter wehende branden- 
burgische Feldbinde — alles sah aus wie ans einem Guß. 
Es waren Männer, deren Erscheinung die Signatur stramm 
soldatischer Zucht trug. Nur in den Augen beider stand noch 
mehr. Unendliche Güte, von einem schwermütigen Hauch um 
geben, spiegelte sich im Blicke des Aelteren, kluger Geist und 
tiefes Gemüt in dem des Jüngeren. 
„Die letzte Rast vor unserem Einzüge in die Marienburg, 
Georg!" sprach der Generalleutnant unter schwerem Atemzuge 
zu seinem Vetter. „Du wunderst Dich, daß mich die Unruhe 
hin und wieder treibt. Schilt mich thöricht, lache mir in das 
Antlitz! Ich muß Dir bekennen, daß mein Herz ungestümer 
pocht, als vor einer Entscheidungsschlacht." 
„Ich glaube es Dir, Josias," erwiderte der General- 
Major mit Wärme. Ist mir doch sogar nicht leicht zu Sinne. 
Fürwahr, ein wunderlicher Einzug steht uns bevor. Wir 
kommen, als Verbündete einem Volke unsere Waffen zu 
weihen, deffen Würdigkeit durch nichts verbürgt ist. Pflicht 
und Gewissen zwingen uns, gleich dem obersten Kriegsherrn, 
entgegen besserer Ueberzeugung, denen Hilfe zu bringen, die 
schon durch Naturanlage uns Gegner, zum mindesten Fremde 
sind. — Dazu: Ein Vater sucht die Liebe seines Kindes und 
— ein Brautwerber naht sich obendrein." 
Georg von Waldeck lächelte trotz seiner im Augenblick 
vielleicht ernster als je blickenden Augen. Sein mehr kräftig 
als schön geformtes Antlitz erhielt einen überaus anziehenden 
Ausdruck. 
„Das letztere dünkt mich das Wundersamste. Ich fürchte, 
ich werde mich anstellen, wie ein Bär, bevor er das Tanzen 
erlernt. Ich muß Dich im Voraus bitten, Josias, den red 
lichen Willen als That gelten zu lassen." 
„Im Ernst, Georg, Du bist nicht abgeneigt? — Du 
willst versuchen, die Liebe meines Kindes zu gewinnen?" 
Der in der Mitte der dreißiger Jahre stehende General- 
Major nahm seinen Hut vom Haupte und strich das Haar 
aus der hohen Stirn. Die Bewegung kennzeichnete eine 
innere Erregung, die er nicht sichtbar werden lassen wollte. 
„Ja, Josias! Gar lieb hast Du es mir vor Augen ge 
führt, wie groß das Glück ist, ein schönes, edles Weib sein 
eigen nennen zu können. 
Das Kriegshandwerk, das Sinnen und Denken im ge- 
geheimen Rat, ist wohl imstande, befriedigenden Lebensinhalt 
zu gewähren. Bislang meinte ich sogar, mein Dasein sei 
würdig ausgefüllt. Doch seit Du neue Gedanken in mir 
wachgerufen hast — gar manches Mal, wenn ich nach rastlos 
durcharbeitetem Tage in mein ödes Heim trat, wenn Diener 
hände mir das Mahl vorlegten und besoldete Beflissenheit 
meinem Winke Folge leistete, dann fiel mir's wohl wie lichter 
Sternenschein in die Seele: Ein holdes Augenpaar auf Dich 
gerichtet sehen und Liebe auch in Deinen Blick legen zu 
dürfen, es wäre des Lebens Krone, ein Glück, das zu groß 
ist, um es in Worte zu fassen. 
Unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf: Giebt es so 
vollkommenes Glück? Auch Du, verzeih, Josias, hast bis zu 
dieser Stunde nur davon geträumt, und ob Deine Tochter 
geeignet sein wird, ein solches Ideal zu verwirklichen, wissen 
wir beide nicht. Laß mich erst schauen und prüfen: Deine 
Jwa ist ja ebenfalls kein Kind mehr, über das man ohne 
weiteres verfügen dürfte. Wer weiß, ob sie sich mir jemals 
zuneigt!" . 
Der ältere Vetter nickte gedankenvoll vor sich hin. 
„Du hast Recht, Georg. Harren wir geduldig, was die 
Stunde bringt! Ich bin zufrieden, daß Dir meine Wünsche 
bekannt sind, und daß mein Sorgen und Hoffen Deiner Seele 
nicht fern ist." 
Ablenkend setzte er lebhafter hinzu: 
„Dem Capo über die Armee, dem Generalfeldzeugmeister 
von Sparr, find die Starosten von Marienburg, wie mir be 
richtet wurde, etliche Meilen zur Begrüßung entgegengeritten. 
Glaubst Du, daß auch uns diese Ehre zu Teil werden wird?" 
„Das hängt davon ab, für wie bedeutend Jakob von 
Weiher Dich und mich hält, Josias. Ein Starost, der sich 
„Statthalter von Preußen" zu nennen erkühnt, zeigt sich nur 
entgegenkommend, wo größere Macht als die seinige ihm 
gegenübersteht." 
„Ohne Zweifel weiß er, daß Du nach Schwerin die 
maßgebende Stimme im geheimen Rat besitzest. Kommt er 
so geschieht es Deinetwegen, Georg." 
„Du erwartest keine verwandtschaftliche Regung von dem 
Woiwoden?" 
„So wenig, als ich sie selbst empfinde." 
„Armer Josias! Ich vergaß, wie peinvoll Dir eine Be 
gegnung mit jenem Manne, der Dir Dein Lebensglück geraubt 
hat, sein muß."
        
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