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Periodical volume 30. September 1893, No. 53.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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losen Mädchenantlitz, das sich ihm hastig zuwendete, weder 
Groll noch Zorn. Sein angstvoll spähender Blick klärte sich 
auf. als er nichts als Bestürzung in den lieblichen Zügen gewahrte. 
Jwa bemerkte es und deutete dies in anderer Weise. 
„Es ist nichts Gefahrdrohendes, Mattheus?" 
„Nein, vielliebe Gräfin, der Schutzengel unseres lieben 
kleinen Herrn sei gelobt! Nur eine Ohnmacht, von der Hitze, 
die für einen Spätsommertag ganz ungeheuerlich ist!" 
„Jagjel ist ohn 
mächtig geworden? 
Wo?" 
„Vor dem Ein 
gang zur Hochmeister 
wohnung. — Pater 
Ignaz, welcher sich 
zum Schachspiel zu 
der Starostin begeben 
wollte, hat ihn ge 
sunden und auf seinen 
Armen in das Schloß 
getragen. Darauf ist 
der heilkundige Pater 
Joseph herbeigeholt 
worden. Er hat in 
der Küche eigen 
händig einen küh 
lenden Trank ge 
mischt und dabei 
gemeint, der Jung 
herr sei ein sehr 
schwaches Kind. 
Weiter habe der Un 
fall nichts zu be 
deuten." 
Jwa dankte dem 
Alten für seine Aus 
kunft in ihrer ernsten, 
aber nicht unfreund 
lichen Art. Mattheus 
war glückselig. Er 
schnitt einen Strauß 
der schönsten Rosen 
ab, um dieselben 
in die Gemächer 
feiner Herrin hinauf 
zutragen. Sie sollte 
den duftigen Gruß 
finden, sobald sie in 
ihre Behausung ein 
trat. Für jetzt, das wußte er, begab sie sich in die 
Starostenwohnung, um nach dem Befinden ihres Lieblings 
Umschau zu halten. So war es. Jwa erstieg zwar die 
Steintreppe, welche zu ihren Räumen führte, bog dort aber in 
einen langen Gang ein, dessen Fußboden mit buntfarbig ge 
wirkten Teppichen belegt war. Dieser Weg, der ihre Ge 
mächer mit denjenigen ihrer Anverwandten verband, hatte die 
selbe hohe und schöne Spitzbogenwölbung und dieselben 
schmalen, stuckverzierten Fenster, wie sie sich drüben im Pracht 
geschoß des Hochmeisterschlosses befanden; doch wurde es sofort 
ersichtlich, daß dies keine Vorhalle für Räume war, welche 
man zu Feierlichkeiten benutzte. Die ehrfurchtgebietende Schön 
heit der Architektur, die in dem Hochmeisterschloß, allem Prunk 
zum Trotz, immer wieder siegreich durchdrang, war hier von 
einer gewissen Wohnlichkeit verdrängt worden. Der vor 
waltende persönliche Geschmack war von erlesener Feinheit. 
Um- und Anbauten verletzten nicht das Schönheitsgefühl, und 
die Ausstattung zeigte deutlich Sinn für Anpassung an 
architektonische Ver 
hältnisse. 
Das galt in noch 
höherem Grade von 
den Gemächern, 
welche am Ende des 
Ganges lagen, und 
in die Jwa nun ein 
trat. Diese im Ost 
flügel des Mittel 
schlosses befindlichen 
Räume, an welche 
sich in der Ostecke 
ein schöner Saal 
anschloß, dessen 
Fenster in großen' 
Mauerblenden stan 
den . die mannig 
fach gegliedert waren 
und bis zur Erde 
niederliefen, waren 
in der Ordenszeit 
als Gastkammern 
verwendet worden. 
Neben der Schönheit 
des Stiles trat eine 
gewisse Eleganz in 
dem Bau dieses 
Schloßteiles hervor, 
der sich die kostbare, 
innere Einrichtung 
würdig anschloß. Je 
intimer die Räume 
wurden, welche die 
jnnge Gräfin 
durchschritt, desto 
schwellendere Tep 
piche berührte ihr 
Fuß; über immer 
leuchtendere Farben 
muster schleifte die 
weiße, pelzverbrämte Schleppe. Wohin das Auge blickte, 
gewahrte es üppig gepolsterte Ruheplätze. Auch kost 
bares Spiegelglas in breiter Gold- und Silberfaffung war 
reichlich vertreten. Hier und da befanden sich auf hohem 
Sockel Urnen mit duftenden Räucherschalen, und auf Kredenz 
tischen von kunstvoller Schnitzarbeit funkelten metallene Geräte 
und chinesisches Porzellan in auffallend originellen Formen. 
Als die junge Gräfin die Schwelle des letzten Gemaches 
überschritt, klang ihr ein silberhelles Frauenlachen entgegen. 
Jwa atmete auf.
        
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