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Periodical volume 30. September 1893, No. 53.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

-s 627 & 
willen ich so Großes vollbracht? Wirst Du Wort halten? 
Werde ich Dein Herz zum Einzuge geöffnet finden?" 
Jwa blicke den Starosten erschreckt staunend an: 
„Nur deswegen wolltet Ihr die Erlösung des Vaterlandes 
aus schmachvoller Knechtschaft erstreben? 
Nicht um Euretwillen? Nicht des Sehnens halber, welches 
jeder treue Unterthan empfinden muß: sein Volk emporheben 
zu helfen aus Schande und Not? 
Nicht das begeistert Euch zur That, Ludwig von Weiher?" 
Er gewahrte den bleichen Argwohn in ihrem Antlitz und 
lenkte schnell ein: 
„Doch, doch — wie kannst Du zweifeln! Beurteile 
meine Empfindungen nach den Deinigen! Auch Dir fließt ja 
Polenblut in den Adern. — Den letzten Tropfen für das 
Wohl unseres bisher so ruhmreichen Volkes zu verspritzen, sind 
wir bereit, nur — Mädchen" — 
Ludwig von Weiher kniete plötzlich vor der geängstigt 
emporzuckenden Jwa. 
„Du ahnst nicht die Gewalt meiner Liebe zu Dir! Du 
weißt nicht, was es mich gekostet hat, jahrelang vergebens um 
Deine Gunst werben zu müssen. Nun aber, da sich mir die be 
seligende Aussicht eröffnet, eines Tages Deiner Neigung gewiß 
zu sein — da droht mir von anderer Seite wahrscheinlicher Tod! 
Meine nicht, daß ich ihn fürchte — süß soll er mir sein 
auf dem Schlachtfelde, wie ich es stets erträumt — nur einmal 
vorher, Jwa, möchte ich ein Liebeswort von Deinen Lippen 
hören, einmal, Geliebte, einen Kuß auf Deine reine Stirn 
drücken!" 
Mit flehendem Ausdruck im Auge blickte der Pole zu 
dem bleichen Mädchen empor, das sichtlich zwischen Mitleid, 
instinktivem Widerwillen und dessen gewaltsamer Beherrschung 
hin und her schwankte. 
Schweratmend sprach sie leise: „Ludwig, hier in diesem 
heiligen Raume, angesichts des Bildes unseres gekreuzigten 
Heilandes, gelobe ich die Eure zu werden. Zum Wahrzeichen 
dessen dürft Ihr mich einmal an Euer Herz schließen. Die 
Heiligen werden uns nicht zürnen, sondern segnend auf uns 
herabschauen. Sie werden Fürsprache bei dem Herrn halten, 
daß Ihr nach glorreichem Siege unversehrt auf die Marien 
burg zurückkehren möget. Vorerst aber, hier auf dem Tabernakel, 
welches das Heiligste umschließt, schwört mir. was ich von 
Euch gefordert" — 
Jwa gelangte nicht weiter im Sprechen. Vom Boden 
emporspringend, hatte Ludwig sie an sich gerissen, um ihr 
Antlitz mit glühenden Küssen zu bedecken. 
Die junge Gräfin fand sich aller Kraft beraubt, ihm zu 
wehren. Sie meinte ersticken zu müssen in seiner wilden 
Umarmung. Zugleich übermannte Entrüstung, Widerwille und 
mädchenhafte Scham sie derartig, daß sie minutenlang regungslos 
in seinen Armen lag. 
Dann aber raffte sie sich gewaltsam auf, um den 
Starosten von sich zu stoßen. Ihre Augen flammten, und 
das sonst so bleiche Antlitz war mit glühender Röte bedeckt, 
als sie zornbebend ausrief: 
„Mein Inneres hat keinen Anteil an dem. was Ihr Euch 
soeben erkühnt, Ludwig von Weiher! Ich fühle mich rein; 
aber Ihr habt Schaden genommen! Ich stehe Euch ferner 
denn je, denn ich kann nur Liebe geben und empfangen, wo 
ich Achtung empfinde!" 
Er wollte sich ihr aufs neue zu Füßen werfen; aber sie 
wandte ihm kalt den Rücken. Ihre Empörung trug den 
Stempel der Wahrhaftigkeit. Weiher verfärbte sich. 
„Ich bereue, Jwa! Ich flehe um Vergebung! Nie 
wieder werde ich mich Euch gegen Euren Willen mit meinem 
heißen Gefühl nähern. Seht mich nicht so strenge an! Bei 
Polens Heil, sprecht nicht, daß Euer Entschluß Euch gereut! 
Ihr werdet mein, Jwa, wenn ich mich Eurer Neigung würdig 
erweise? Ich darf es hoffen?" 
„Nur, wenn Ihr am Altar des Herrn schwört, was ich 
von Euch verlange!" 
„Ich schwöre" — 
Mit vor unterdrückter Leidenschaft bebender Stimme sprach 
er die Worte nach, welche ihm Jwas blasser Mund vorsagte. 
Die Spitze seines krummen Säbels gegen das eigene 
Herz gerichtet, drei Finger auf der goldschimmernden Hülle, 
welche die Monstranz verbarg, stand er vor Jwa, aber sein 
rastloser Blick verschlang deren liebreizende Erscheinung. Nur 
flüchtig verweilte derselbe auf dem Christusbilde, welches die 
Gräfin ihm entgegenhielt. 
„Wann — wann, Jwa, darf Pater Ignaz unsere Hände 
ineinander legen?" 
„Ich werde mit ihm und Eugenie Rücksprache nehmen." 
„Vor Jakob halten wir unser Bündnis geheim, bis er 
das Geschehene nicht mehr anfechten kann?" 
„Ja. — Jakob von Weiher stehtauf seilen der Brandenburger. 
Verlaßt mich jetzt, Ludwig!" 
Der Starost gehorchte unverzüglich. Mil ehrerbietigem 
Handkuß nahm er Abschied von der Verlobten. 
Wenig später folgte ihm Jwa. . 
Der sonnenbeschienene Schloßhos war leer, als die junge 
Dame gesenkten Hauptes darüber hinwegschriit, um nach ihrer 
eigenen Wohnung zu gelangen. 
Zwischen dem Gebüsch des kleinen Vorgartens jenes 
Schloßflügels hantierte der alte Mattheirs. Barhältptig irrte 
er in den Gängen umher, hier und da eine Rose, ohne daß 
dies nötig erschienen wäre, aufbindend. Hin und wieder 
pflückten seine zitternden Finger in Ennangelung eines gelben 
Blattes sogar ein srischgrünes ab, um seine Geschäftigkeit nicht 
allzu erkünstelt erscheinen zu lassen. 
Als er die junge Herrin erblickte, atmete er auf. Endlich 
erschien sie. Von ferne, als sie einmal das Haupt erhob, 
mußte sie ihn bemerkt haben. Würde sie, wie sonst wohl, 
einige freundliche Worte sprechen, wenn sie vorüberging? 
Mit klopfendem Herzen harrte der Alte. Ohne auf 
zublicken, schritt Jwa dem Portale zu. 
Tiefinnerer Jammer prägte sich auf dem Antlitz des 
Greises aus. 
„Det is zu viel. Nu hab ick och noch die Liebe von 
det Engelskind injebüßt!" 
Mit unsicheren Schritten hinkte er seinem Schützling nach: 
„Man bloß die Stimme will ick hören!" 
Die polnische Sprache floß dem alten Brandenburger 
nicht geläufiger, aber richtiger als seine eigene Muttersprache 
über die Lippen. 
„Vieledle Gräfin, vergebt — erschrecket nicht — der Jung 
herr ist plötzlich krank geworden!" 
„Jagjel?" 
Zu seiner Erleichtemng gewahrte Mattheus in dem färb-
        
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