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Periodical volume 23. September 1893, No. 52.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Friedrich Franz II., 
Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. 
Von A. von Krtimidi. 
Am 15. April 1883 war es, als das Grobherzogtum 
Mecklenburg in tiefste Trauer versetzt wurde durch das plötz 
liche Hinscheiden seines regierenden Großherzogs Friedrich 
Franz II. Derselbe war das Ideal eines deutschen Fürsten 
und eines gerechten Herrschers. Zu ihm blickte sein Volk auf 
in festem Vertrauen und mit unbegrenzter Verehrung. Und 
nun ward er so plötzlich dahingerafft und seinem segensreichen 
Wirken und Schaffen ein unerwartetes Ziel gesetzt. 
Als der Erstgeborene des Erbgroßherzogs Paul Friedrich 
von Mecklenbirrg-Schwerin und dessen Gemahlin Alexandrine, 
geb. Prinzessin von Preußen, erblickte Prinz Friedrich Franz 
Alexander am 28. Februar 1823 in Ludwigslust das Licht 
der Welt. Wie sehr er durch sein Erscheinen das eheliche 
Glück der erlauchten Eltern erhöhte, beweist die von 
Paul Friedrich an seinen durch heftige Gichtanfälle in 
Schwerin festgehaltenen Großvater, Friedrich Franz I., ab 
gesandte Depesche: 
„Ein Sohn, ein Sohn! In diesem Augenblicke ist 
meine liebe Frau glücklich entbunden worden." 
Auch in Berlin erregte die Geburt des Enkels bei dem 
Könige Friedrich Wilhelm Hl. große Freude; sie veranlaßte 
denselben sogar, einen besonderen Gnadenakt zu vollziehen, 
indem er einige in Spandau wegen Schmuggelns inhaftierte 
Mecklenburger freigab. 
Die Taufe des kleinen Prinzen wurde am 11. April 
im goldenen Saale zu Ludwigslust durch den Konfistorialrat 
Passow vollzogen, und zwar zur besonderen Freude der hohen 
Wöchnerin in Gegenwart ihrer Brüder, des Prinzen Friedrich 
Wilhelm, Karl und Wilhelm, unseres nachmaligen großen 
deutschen Kaisers. 
Die ersten Jahre der Entwickelung des Prinzen verliefen 
wie die eines jeden Kindes. Er gedieh geistig und körperlich 
unter der vorzüglichen Pflege der Frau Klockmann, geb. Krafft, 
in deren Händen die fürstlichen Eltern ihren Liebling aufs 
beste aufgehoben wußten; bei seiner vorzüglichen Konstitution 
bot seine leibliche Pflege auch keinerlei Schwierigkeiten. 
Allmählich wurde es reger im Schlöffe, und der kleine 
Prinz fand in seinen Geschwistern. Prinzessin Luise (geb. den 
17. Mai 1824) und Prinz Wilhelm (geb. den 5. März 1827), 
erwünschte Spielgefährten. 
Bewacht von der Liebe der Eltern, die, noch frei von 
Rcgierungssorgen, sich ganz ihren Kindern widmen konnten, 
verliefen die ersten Lebensjahre des Prinzen unter den denkbar 
glücklichsten Familienverhältniffen abwechselnd in Ludwigslust 
und Doberan, wo das fürstliche Elternpaar während der 
Sommermonate Aufenthalt nahm; nach Schwerin kam er 
damals nur selten. 
Seinen ersten Elementarunterricht erhielt der Prinz durch 
Fräulein Garnier; sehr bald nahm auch die Prinzessin Luise 
an diesem Unterricht teil. 
Als der älteste Sohn seiner erlauchten Eltern war Prinz 
Friedrich berufen, dermaleinst den Thron seiner Väter zu be 
steigen; darum bedurfte seine Erziehung besonderer Sorgfalt. 
Es wurde somit am 1. April 1830 der Hauptmann Freiherr von 
Sell laut Allerhöchstem Befehl zum Gouverneur für den der 
männlichen Erziehung bedürftigen Fürstensohn bestimmt. Ihm 
zur Seite stand der in allen Fächern der Wiffenschaft durchaus 
erfahrene Instruktor Willebraudt (später Superintendent in 
Doberan), während der Ober-Hofprediger Walter den Religions 
unterricht übernahm. Die Tageseinteilung war streng ge 
regelt; zwischen dem vierstündigen Unterricht wurde, um des 
Prinzen Gesundheit zu stählen und ihn abzuhärten, ein 
Spaziergang unternommen, und zwar ohne Rücksicht auf Wind 
und Wetter. 
Besonderer Wert wurde, ebenfalls aus Gesundheits- 
rückfichteu, auf den Exerzier-Unterricht gelegt, welchen ein 
Feldwebel Winter erteilte; letzterer hatte 1813 den Kriegszug 
nach Rußland mitgemacht und einen Schuß durch den Hals 
davongetragen. Dies stempelte ihn in den Augen des be 
geisterten kleinen Rekruten zum Helden und machte ihn zu 
seinem gesuchtesten Gesellschafter. Stundenlang wußte er den 
Prinzen bei sich festzuhalten durch die Erzählungen von 
Deutschlands Schmach und Erniedrigung, von dem Schicksal 
der Königin Lnise und von der nachfolgenden Erhebung. 
Diese Schilderungen machten einen so tiefen Eindruck auf das 
empfängliche Gemüt des jungen Prinzen, daß sie bedeutsam 
wurden für sein ganzes Leben. 
Als Prinz Friedrich das vierzehnte Jahr erreicht hatte, 
wurde das fürstliche Haus in die größte Trauer versetzt durch 
den Tod des regierenden Großherzogs Friedrich Franz I. 
Es war der erste Tote in der Familie, den der junge Prinz 
sah, und sein Schmerz um den geliebten Urgroßvater war tief 
und nachhaltend. 
Durch deu Regierungsantritt des Erbgroßherzogs Paul 
Friedrich trat nun eine dnrchgreifende Veränderung in dem 
elterlichen Haushalt ein. Das ungenierte Patrizierleben in 
Ludwigslust hatte ein Ende, die Residenz wurde nach Schwerin 
verlegt. 
Auch auf die Erziehungsverhältnisse der Kinder übten 
diese Veränderungen ihren Einfluß aus. Prinz Friedrich er 
hielt den Titel eines Erbgroßherzogs, und bald sollte sich auch 
der bereits länger gehegte Wunsch des jetzt regierenden Groß- 
herzogs erfüllen, seinen Sohn von der einseitigen Hofmeister- 
Erziehung frei zu machen und an dem Unterricht eines vor 
züglichen Erziehungs-Jnstitutes teilnehmen zu laffen. Nach 
längerer Ueberlegung fiel die Wahl des Fürsten auf das 
Gräflich Vitzthumsche Geschlechts - Gymnasium in Dresden, 
welches sich unter der Leitung des Direktors Blochmann einen 
bedeutenden Ruf erworben und von den Söhnen erster Adels 
familien Deutschlands besucht wurde. 
Am 1. November 1837 begab sich der Erbgroßherzog in 
Begleitung seines Gouverneurs von Sell und des Kandidaten 
der Theologie Kliefoth nach Dresden, wo er in der kleinen 
Villa Carola, in der Nähe des Blochmannschen Institutes, 
Wohnung nahm. Auf Befehl seines Vaters durften mit ihin 
keinerlei Ausnahmen gemacht, ihm keinerlei Vergünstigungen 
gestattet werden. Infolge seiner großen Begabung, seiner 
Pflichttreue und seines eisernen Fleißes aber machte er die 
erfreulichsten Fortschritte. Auch gewann er sich nicht bloß den 
Beifall seiner Lehrer, sondern auch die Liebe seiner Mitschüler 
in hohem Maße. 
Neben den wissenschaftlichen Studien und der Beschäftigung 
mit den gerade in Dresden in so hoher Blüte stehenden 
Künsten wurden natürlich auch ritterliche Leibesübungen, wie
        
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