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Periodical volume 5. November 1892, No. 6.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Heute hörte ich, er habe sich bei den Freiwilligen des Grafen 
anwerben lassen." 
„Jetzt hat meine Frau das Aeußerliche übernommen," 
setzte er hinzu, während er die inzwischen fertig gewordenen 
Pillen in eine Schachtel legte und mit einem grünlichen Pulver 
überstreute. 
„Wir können froh darüber sein, daß wir wieder Ruhe 
haben und müssen kleine Unannehmlichkeiten in den Kauf 
nehmen," tröstete Grumbow. „Es hätte schlimmer kommen 
können!" 
Aber die Ruhe sollte nicht von langer Dauer sein. Schon 
in der Mitiagsstunde des anderen Tages rückte das kleine 
Korps des Grafen Götzen in die Stadt. Wenn auch die neue 
Einquartierung neue Lasten brachte, so wurde es den Ein 
wohnern doch leichter, die eigenen Soldaten zu bewirten als 
die des fremden Eroberers. Es waren ja ihre Söhne und 
Brüder darunter. Und als der Graf am Abend seine Schar 
auf dem Markte zur Parade antreten ließ, und an der Spitze 
seines Stabes das todesmutige Häuflein musterte, da traten 
aus dem umstehenden Volke noch achtundfünfzig Männer vor, 
die dem Korps der Freiwilligen eingereiht zu werden wünschten. 
Es waren blutjunge Burschen dabei, der Schule kaum ent 
wachsen, aber auch Männer, denen das Haar schon ergraute, 
und die sich mit Mühe aus den Armen einer besorgten Familie 
losgerissen hatten. Jetzt bahnte sich der alte Hufschmied 
Arnold den Weg durch die Menge. Sein Lehrbube folgte 
ihm mit einem Schubkarren, auf dem drei kleine Fässer lagen. 
Der Alte nahm die Mütze ab und trat an den Grafen heran. 
„Hier bringen wir das Pulver der Schützengilde," sagte er. 
„Ich hörte, daß Ihnen die Munition ausgehe, und dachte, 
dieses hier käme gelegen. Ein Vogelschießen können wir in 
diesem Jahre ja doch nicht halten." 
Der Graf schüttelte dem Wackeren die Hand und banste 
ihm im Namen des Königs. Dann fand die Vereidigung der 
neuen Freiwilligen statt. Alle entblößten das Haupt, als der 
Graf die zerschossene Fahne ergriff und die Formel des Treu 
schwures vorsprach. Die Neuangeworbenen wurden zur Ein 
kleidung auf das Rathaus bestellt und die Mannschaften in 
die Quartiere entlassen. Der Graf selbst begab sich mit 
seinem Stabe nach dem Waldhofe, wo er sein Hauptquartier 
aufzuschlagen gedachte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Wittenberg, die Wiege der Reformation. 
(Mit 8 Abbildungen.) 
Die feierliche Einweihung der im Geiste ihrer ursprüng 
lichen, der spätgotischen Bauart wiederhergestellten Schloß 
kirche zu Wittenberg, welche in Gegenwart Kaiser Wilhelms II., 
des mächtigen Beschützers des Protestantismus, am Refor 
mationstage stattfand, hat die Augen der gesamten protestantischen 
Welt auf die altehrwürdige Lutherstadt gerichtet, und es dürfte 
sehr zeitgemäß sein, die Baudenkmäler jener an geschichtlichen 
Erinnerungen so überreichen Stätte in Wort und Bild vor 
zuführen. 
Im Mittelpunkte des Interesses steht die Schloßkirche, 
dasjenige Gotteshaus, an dessen ThürLuther am 31. Oktober 1517 
die bekannten 95 Thesen schrieb, an welche sich die welt 
bewegende That der Reformation knüpfte. Ueber die Geschichte 
der Schloßkirche und ihren Umbau veröffentlichte der „Reichs- 
Anzeiger" in Nr. 232 einen Aufsatz, der sich auf amtliche 
Quellen stützt, und den wir nachstehend im Wortlaute folgen 
lassen, da er die Geschicke des alten Gotteshauses in authen 
tischer und erschöpfender Weise schildert. 
Die Entstehung der Schloßkirche zu Wittenberg ist auf 
die mit der Hofburg des Askanischen Hauses verbunden ge 
wesene Kapelle zu Beginn des 14. Jahrhunderts zurückzu 
führen. Rudolph I. aus dem Hause Askanien schenkte der 
Kapelle auf Anregung seiner Gemahlin Kunigunde reiche Ein 
künfte und Privilegien. Das kleine Gotteshaus war „Gott 
dem Allmächtigen, der Jungfrau Maria und allen Heiligen" 
geweiht. Der Hauptaltar genoß späterhin durch ein „hochlob- 
wirdiges Hailigthum" — einen blutgetränkten Dorn aus 
Christi Schmerzenskrone, den der Kurprinz vom König 
Philipp VI. von Frankreich für seine Tapferkeit gegen die 
Engländer in der Schlacht bei Crecy erhalten halte — be 
sondere Verehrung. Als Rudolph II. (1356 — 70) erweiterte 
der vormalige tapfere Kurprinz die Befugnisse der inzwischen 
zum eximierten, d. h. dem Papst unmittelbar untergeordneten 
Kollegialstift gewandelten Kapelle und brachte sie zu großem 
Ansehen. Im Jahre 1422 starb der Mannesstamm des 
Askanischen Hauses aus und die Herrschaft über Wittenberg 
ging in die Hände des Wellinischen Hauses über. Kurfürst 
Friedrich der Streitbare, sowie sein Sohn und Enkel, die Kur 
fürsten Friedrich der Sanftmütige und Ernst, vernachlässigten 
Wittenberg, während ihr Nachfolger, Kurfürst Friedrich III., 
der Weise, der alten Hauptstadt der Kurlaude seine be 
sondere Zuneigung zuwandte. Er ließ die inzwischen verödete 
und vetfallene Hofburg samt der Kapelle abbrechen und ein 
neues Schloß mit angeschlossener Kirche erbauen. Die neue 
Schloßkirche war zumteil auf den Grundmauern der ehe 
maligen Stiftskapelle errichtet worden, von 1493—1499, in 
großen Maßen, aber sehr eingeschränkten spätgotischen Formen, 
einschiffig mit dreiseitigem Choranschluß. Sie war hochgewölbt, 
ohne Pfeiler, mit zwei Emporen, fast ganze Holzverwendung 
aus Werkstücken aufgeführt. Ein Dachreiter nach dem östlichen 
Chor zu bildete das Kirch- und zugleich Glockentürmchen; der 
westlich an die Kirche stoßende mächtige Turm gehörte zum 
Schlosse. Zu beiden Seiten des nach Norden gelegenen 
Hanptportals, an dessen Thüren Luther später seine Thesen 
heftete, waren zwei Steinbildnisse, das eines kirchlichen und 
das eines weltlichen Würdenträgers (St. Wenceslaus?) an 
gebracht, darüber in betender Haltung zwei knieende Frauen 
gestalten. Der Hochaltar stand wie heute im Osten. Ein 
Flügelaltar war von Lukas Cranach mit Gemälden geschmückt: 
auf dem Mittelfelde mit der heiligen Dreieinigkeit, auf deu 
Flügeln innen mit den Aposteln Bartholomäus und Jakobus, 
altßen mit dem Heiland uitb der Maria. Vor dem Altar- 
raume standen rechts und links die noch vorhandenen bemalten 
Standbilder der knieenden Herzoge Friedrich und Johann. 
Die Kanzel befand sich an der Südwand, der Hauptpforte 
gegenüber. Zwischen ihr und dem Altar, sowie rings an den 
Wänden waren naturhistorische Merkwürdigkeiten angebracht, 
so eine „Reisetafel" von Palästina, eine Marmortafel mit 
Darstellungen aus der Passionsgeschichte, mehrere Gemälde 
von Albrecht Dürer, darunter die „Anbetung der Weisen aus 
dem Morgenlande". — Eine Bibel war nicht vorhanden.
        
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