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Periodical volume 9. September 1893, No. 50.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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„Teure, vielliebe Gräfin! Polosce war der Mädchen 
name Eurer verewigten Frau Mutter. Nach ihrem Wunsch 
und weil Ihr Euch weigertet, den Namen Eures Stiefvaters, 
des Starosten, zu führen, nennt Ihr Euch nach demselben." 
„Auch das noch!? Und ich erfahre dies jetzt erst!? — 
Mich dünkt, den Namen mindestens hätte man mir früher 
sagen können! — Wes Stammes ist denn der Graf — mein 
— Vater?" 
„Vergebung, Gnade, Gräfin Jwa!" rief der Alte. „Ich 
habe schweres Unrecht begangcu, Euch bis zum heutigen Tage 
die Wahrheit zu verhehlen. Geht gelinde mit mir greisem 
Knechte ins Gericht! Nicht mir allein, auch Pater Ignaz 
mangelte der Mut" — 
„Wer ist mein Vater, Matlheus?" 
„Der brandenburgische Generallieutenant Graf Jofias von 
Waldeck, mein Herr und Gebieter, der einzige, dem ich je 
gedient habe!" 
Kein Laut entwich dem Munde der jungen Dame; aber 
wie von unsichtbarem Schlage getroffen, bebte ihre Gestalt 
zurück. Sie sank mit geschlossenen Augen auf die Bank in 
der Fensternische nieder, von welcher sie sich vorher erhoben 
hatte. 
Jwa war nicht ohnmächtig. Das bewiesen die zuckenden 
Lider, der bebende Mund und die sich krampfhaft ineinander 
windenden Hände, wenn auch der Körper so regungslos ver 
harrte, daß der Alte sich hastig vom Boden emporraffte, um 
ihr zu Hülfe zu eilen. 
Bei seiner Annäherung schlug Jwa die Augen auf. 
Mattheus prallte zurück. Glühend und dunkel blickte sie ihn 
an. Langsam strich sie das Haar aus der Stirn. 
„Kein Pole — kein Pole! — Ich das Kind eines — 
Wodurch willst Du das Ungeheure beweisen?" herrschte 
sie plötzlich mit veränderter Stimme den Alten an. 
Zitternd langte dieser das Schreiben seines Herrn hervor, 
um es in die Hand der jungen Dame zu legen. 
Mit sichtlichem Widerwillen nahm Jwa den Brief entgegen. 
AIs sie dessen Aufschrift las, ließ sie ihn, als ob er in ihren 
Fingern brenne, zu Boden fallen. 
Der Alte bückte sich, ihn aufzuheben; aber Jwa nahm 
ihn nicht, sondern winkte gebieterisch, das Schreiben auf die 
Bank zu legen. 
„Erzähle! Ich will alles wissen. Verschweige nichts! 
Ich befehle es Dir. Wie geschah es, daß meine Mutter sich 
mit — dem Brandenburger vermählte?" 
„Euer Vater, Graf Waldeck, wurde im Juli 1635, vor 
nunmehr zwanzig Jahren, vom Kurfürsten Georg Wilhelm 
nach der Marienburg entsandt, um gleich den Abgeordneten 
vieler anderen Höfe eine Erneuerung des Waffenstillstandes 
zwischen Polen und Schweden, dessen die Reichsverweser für 
den Krieg dringend bedurften, zu bewirken. 
Während der Vertrag in Stuhmsdorf zum Abschluß ge 
langte, fanden auf der Marienburg Zusammenkünfte statt. 
Auf einem Feste des Woiwoden, dem Vorgänger Eures Stief 
vaters. sah mein Herr Eure Mutter zum ersten Male. Sie 
war die Tochter eines verarmten Starosten, aber von blendender 
Schönheit. Sie kam meinem Grafen, welcher der stattlichste 
aller Gesandten war, mit großer Gunst entgegen. Es währte 
nicht lange, bis beide in Liebe zu einander entbrannten, und 
der Vertrag, welcher den Frieden zwischen Polen und Schweden 
verbürgen sollte, war noch nicht abgeschlossen, als sie bereits 
vor den Traualtar traten. 
So schnell der Bund geknüpft war, so schnell begann er 
sich zu lockern. Während des ersten Ehejahres erlangte mein 
Herr vom Kurfürsten Erlaubnis, auf der Marienburg zu ver 
bleiben. Eure Mutter weigerte sich, dem Gemahl in dessen 
Heimat zu folgen. Mein Graf gab sich zufrieden, solange 
Ihr nicht geboren wäret. Dann aber drang er mit Bestimmtheit 
darauf, daß Weib und Kind ihn bei seiner Rückkehr nach der 
Mark begleiten sollten. Die Gräfin wollte jedoch weder dem 
Gebote des Kurfürsten noch dem des Gatten gehorchen. Sie 
ließ sich nicht durch Güte, nicht durch Strenge bewegen, die 
Marienburg zu verlassen. Es gab böse Auftritte zwischen den 
Ehegatten, bevor sich der Graf zähneknirschend entschloß, allein 
dem Befehl des Kurfürsten zu folgen. — 
Während er ein arbeitshartes, entsagungsvolles Leben 
im Felde führte, blieb ich auf seinen Wunsch hier, um Euch 
unter meine Obhut zu nehmen. Ich that es gern, da Ihr 
mir zugeneigt wäret. Gräfin Jwa, wenn ihr mir jauchzend 
die kleinen Arme entgegenstrecktet, vergaß ich alles Böse, was 
Eure Frau Mutter, der ich ein Dorn im Auge war, mir zu 
fügte. Sie nannte mich einen Spion, weil ich mir die Freiheit 
nahm, im Jammer um meinen Herrn, sie auf das Ungebühr 
liche in dem Leben, welches sie während der Abwesenheit des 
Grafen führte, hinzuweisen. Ich war kein Spion. Nie habe 
ich meinem armen Herrn berichtet, was ich in Schmerz und 
Groll mit ansehen mußte. Der Bruch vollzog sich ohne mein 
Zuthun. Eure Mutter hatte zum bevorzugten Verehrer einen 
Franzosen, der als politischer Unterhändler für den Kardinal 
Richelieu auf der Marienburg weilte. Dieser, ein Graf Avaux, 
geriet mit meinem Herrn, als derselbe einmal seine Gemahlin 
besuchte, in Streit, der mit Zweikampf endigte. Monsieur 
wurde mit blutigem Kopfe heimgesandt. - Seit jener 
Zeit haßte Gräfin Jagella ihren Gemahl und bereitete ihm 
förmlich die Hölle. Als bald darauf der jetzige Woiwode, 
Jakob von Weiher, sich um ihre Gunst bewarb, beantragte 
sie die Ehescheidung. Euer Vater sträubte sich nicht gegen die 
Lösung eines so unglückseligen Bundes. Weniger leicht willigte 
er in die Trennung von Euch. Hättet Ihr Euch nicht in allzu 
zartem Alter befunden, und wäre mein Graf nicht ausschließlich 
für den Kriegsdienst verpflichtet gewesen, so hätte Euer Vater 
Euch nimmer von sich gelassen. Ihr aber bedurftet mütterlicher 
Pflege und eines gesicherten Bodens zum Aufblühen. Blutenden 
Herzens überließ Graf Waldeck seiner geschiedenen Gemahlin 
die Tochter. Kurze Zeit, nachdem mein Herr für immer ab 
gereist war, heiratete Eure Mutter den Starosten und verblieb 
als Herrin auf der Marienburg. Hier wurdet Ihr erzogen. 
Das übrige ist Euch bekannt!" — 
„Ja! daß Graf Jofias von Waldeck seine Tochter 
vergaß, sich niemals mehr bis zum heutigen Tage um sie 
kümmerte! Vielleicht würde er es auch heute noch nicht thun, 
wenn ihn der Befehl seines Fürsten nicht nach der Marien 
burg führte!" rief Jwa, die während der Erzählung des 
Alten die größten Qualen gelitten hatte, mit leidenschaftlicher 
Bitterkeit aus. 
„Ihr ahnt nicht, was Eure Mutter ihm angethan! Sollte 
er, der Gekränkte, aufs neue ihre Nähe suchen? Zudem hatte 
sich Euer Vater, um der Verzweiflung über sein gescheitertes 
Lebensglück zu entgehen, in wilden Kriegestaumel gestürzt.
        
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