Path:
Periodical volume 26. August 1893, No. 48.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

574 
Drrlin in den Tagen vom 20. August dis 
12. September 1813. 
Von Dr. G. ipHeijr. 
Bei den meiner Arbeit „Napoleon und Bernadotte im 
Herdstfeldzuge 1813'") zu Grunde liegenden archivalischen 
Untersuchungen fand ich im hiesigen Königlichen Geheimen 
Staatsarchiv eine Anzahl Rapporte über die Stimmung in 
Berlin, die von einem Bürger an das Militär-Gouvernement 
des Landes zwischen Elbe und Oder (Militär-Gouverneur 
General l'Estocq, Civil-Gouverneur Staatsrat Sack), mit dem 
Sitz in Berlin, gerichtet sind. Wenn solche Stimmungsberichte 
natürlich auch nicht auf allgemeingeschichtliches Interesse An 
spruch machen, so sind sie doch in lokalgeschichtlicher Hinsicht 
nicht ohne Wert. Bei der alle Zeit regen Aufmerksamkeit für 
die Geschichte Berlins dürfte es daher vielleicht manchem nicht 
uninteressant sein, aus dem Munde eines Berliners zu erfahren, 
wie man in jenen schweren Tagen, die über das Schicksal der 
Hauptstadt und zum Teil auch über das der preußischen 
Monarchie entschieden, über die eigene Lage und die des 
Vaterlandes dachte, wie man die Nachrichten vom Heere auf 
nahm. wie man für die Soldaten sorgte — Züge, die uns 
den Berliner in Art uird Unart zeigen. Die für Berlin ent 
scheidende Zeit war die von Groß-Beeren, Hagelberg und 
Dennewitz, die Tage vom 20. August bis zum 12. September, 
und für diese mögen im folgenden die Stimmungsberichte mit 
geteilt werden. 
-si * 
-i- 
Rapport. Berlin, den 20. August 1813. 
Ein Berliner macht den andern durch die Aeußerung 
schüchtern, daß es keine Unmöglichkeit sei, wenn wir morgen 
die Franzosen hier hätten. Das Auffallendste ist dabei, daß. 
wenn man ihnen sagt, daß für diesen Notfall der Defension 
Berlin noch einen 40000 Mann starken Landsturm habe, um 
die vorstehenden Truppen zu unterstützen und Berlin zu ver 
teidigen, Niemand den Eindruck fühlt und niemand zu dieser 
Verteidigung geneigt ist. Dies wird nur vom Militär ver 
langt, nur der Soldat soll uns mit Blut und Leben ver 
teidigen; demohngeachtet wird gemurrt, wenn Aufforderungen 
für Alimentation dieser Soldaten gemacht werden, wie man 
gestern wider Vermuten oft genug hörte. 
Zu der Kenntnis eines Mannes, welcher den Franzosen 
geneigt ist, bedarf es nur wenig attention, wenn man einmal 
eine verdächtige Entdeckung gemacht hat. Dies fand ich gestern 
abermals und zwar bei dem Kaufmann Pudor bewährt, welcher 
sich bei Beyroth befand, und den nicht nur ich allein, sondern 
die ganze Gesellschaft daselbst für einen des Franzosentums 
Beflissenen halten. Denn kaum hatten einige Anwesende den 
Wohlgefallen an dem Uebertritt des französischen Generals, 
von dem ganz Berlin spricht, geäußert, so präsentierte er auch 
i) Napoleon und Bernadotte im Herbstfeldzuge 1813. Von 
vr. Ernst Wiehr. Berlin, Siegfried Cronbach 1893. Pr. 7,50 Mk. — 
Dieser erst kürzlich erschienene Werk ist von der Kritik fast allge 
mein rühmend anerkannt worden. ES wirst auf Grund reichen Akten- 
Materials (dem Verfasser standen das Kriegsarchiv ves Großen General- 
stabeS und zahlreiche andere amtliche Schriftstücke zur Verfügung) ein neues 
Lichttons die Operationen der Nordarmee im Jahre 1813 und weist die 
Unhaltbarkeit der Vorstellungen nach, die man bis dahin von dem man 
gelnden Feldherrntalent und der wenig zuverlässigen Gesinnung der Kron 
prinzen von Schweden hatte. Die Schriftl. 
schon dessen Namen Chomini^) schriftlich, mit dem ebenfalls 
schriftlichen Bemerken, daß es ein gewesener Kaufmanns-Diener 
aus Basel sei — nämlich „er war ja nur Kauf-Diener" —, 
es sei daher wohl nicht soviel an ihm in Frankreich gelegen. 
So pflegen dergleichen Leute alles, was zum Schaden 
der Franzosen gereicht, unbedeutend zu machen, wenn es auch 
groß wäre, hingegen was zu unserm Nutzen gereicht, wenn es 
auch groß wäre, klein zu machen. 
Rapport, Berlin, den 21. August 1813. 
Auf der Straße ward mir von einigen Leuten gesagt, daß 
heute früh seit 3 Uhr sich eine starke Kanonade hinter Potsdam 
hören lassen, und daß wahrscheinlich daselbst, und zwar auf 
sächsischem Gebiet, eine Schlacht geliefert werde. 
Bei Beyroth versicherte gestern Abend der Friseur Rohr- 
stock, daß Napoleon die Armee an gedachter sächsischer Grenze 
persönlich kommandiere, mithin dem Kronprinzen von Schweden 
entgegenstehe. 
Das Publikum klagt und bedauert das Verfahren der 
Truppen im Biwak und im Lager, wodurch ganze Saatfelder, 
Kartoffeln, Gerste rc. ohne Schonung ruiniert würden, welches 
nicht geschehen könnte, wenn die Herren Offiziere das herren 
lose Ausschweifen zu verhindern suchten. 
Ich habe heute die Aufforderung des Herrn Generals 
von Bülow in der Zeitung gelesen, daß diejenigen, welche 
wegen der Verteilung der an sein Korps von den Berlinern 
gesandten Alimenten etwas von Unrichtigkeit zu sagen hätten, 
ihm schnelle Anzeige machen sollen. Allein es wird dies wohl 
keiner thun, obgleich noch immer, wenn von dieser Sache die 
Rede in Gesellschaft ist, das üble Gerücht wiederholt wird, 
daß Fleisch und dergleichen verfault, das Brot verschimmelt, 
und verschiedenes verkauft werden müsse, um es dem Ver 
derben zu entreißen. 
Es ist übrigens sehr natürlich, daß man die Redner nicht 
immer kennt, um sie zu bezeichnen, sowie es ebenso natürlich 
ist, daß in Berlin einer etwas hört und zehnfach verschlimmert 
weiter zur Mitteilung giebt. 
Ebenso wird noch von der Verwüstung der Alimente ge 
sprochen. welche vor einigen Tagen in das Lager geschickt 
worden. Ich habe heute selbst bei dem Destelateur Herrlemann 
auf dem Molkenmarkt ein Seitenstück davon gesehen. Auf 
dessen Gasse lag geschlachtetes Fleisch für eine Kompagnie 
Landwehr, welches ohne Zeit zur Verzehrung umher geschleppt 
worden und äußerst übel roch, auch ganz schwarz von der 
Witterung und mit einem Worte in Verwesung überging. Alle 
Bürger, die dies sahen, schalten. — Aber diese Leute können 
nicht einsehen, wie oft solche üble Umstände eintraten, die 
nicht erwartet wurden, und dann solche Ereigniffe herbeiführen. 
Rapport, Berlin, 22. August 1813. 
Heute Vormittag cirkulierte wieder die Sage, daß die 
Franzosen an einem Orte durchgebrochen wären, wo es nie 
mand erwartet habe, und bereits auf preußischem Grund, bei 
Mmenwalde, Trebbin und noch näher an Berlin ständen. 
Indessen wird von andem wieder gesagt, daß der Kronprinz 
von Schweden seit heute Nacht 1 Uhr mit der Armee thätig 
sei, um den Feind zu werfen. Man ist in Erwartung des 
Erfolgs. 
0 Jomini, der ehemalige Generalstabschef im HI. Korps, beim 
Marschall Ney.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.