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Periodical volume 29. Oktober 1892, No. 5.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Kleine Mitteilungen. 
Gin ipistotcrjctios Arid irrt SchinH ;» ©Ijavldttcn- 
buvg. Das Charlottenburger Schloß birgt in seinen unteren Räumen 
ein kleines unscheinbares Bild; wohl wenige der vielen Besucher werden 
demselben ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben, und doch stellt dasselbe einen 
bedeutenden Moment in der preußischen Geschichte, bezw. der Geschichte 
unseres Herrscherhauses dar. Das Bild stellt eine bäuerische Familie, Mann 
und Frau, aus der Gegend von Magdeburg, der sogenannten Börde, einem 
äußerst gesegneten Landstrich vor, in der charakteristischen Kleidung jener 
Gegend. Der Mann in ledernen Kniehosen mit hohen Kniestiefeln und dem 
langen, mit großen, breiten Knöpfen und rotem Futter gezierten Rock. 
Die Frau mit dem runden, kurzen Faltenrock und dem dreispitzigen Hut, 
von welchem breite Sammetbänder herabhängen. ES sind Landleute aus 
dem Dorfe Altenweddingen bei Magdeburg, welche den König Friedrich 
Wilhelm III. nach der unglücklichen Schlacht bei Jena, als er auf der 
Flucht nach Magdeburg war, bei sich aufnahmen und ihn eine Nacht be- 
yerbergten. Nach der Befreiung deS Vaterlandes ließ der König die 
Familie nach Berlin kommen und dieselbe in ihrer kleidsamen Tracht malen. 
An jedem Besuchstage kann man von der jungen Dame, welche die Besucher 
im Schlosse führt, die Erklärung des Bildes in den eintönigen Worten 
hören: „Landleute auS der Gegend von Magdeburg," ohne jedoch den 
Grund zu erfahren, wie das bäuerislbe Ehepaar zu der großen Ehre ge 
kommen, in einem Königsschlosse verewigt zu werden. Unser unvergeßlicher 
Kaiser Friedrich III. hat als junger Offizier bei Gelegenheit eines in der 
Magdeburger Gegend stattfindenden Manövers Nachforschungen nach der 
betressenden Familie anstellen lassen und zu seiner Freude waren auch noch 
zahlreiche Nachkommen derselben vorhanden. F. W. 
Kaiser Friedrich und die Kachsenhäuser. Das 
Manöver bei Sachsenhausen war beendet. Kaiser Wilhelm I. hatte die zur 
Kritik befohlenen Offiziere entlasten und sprengte, von einer glänzenden 
Suite gefolgt, davon, als der Blick des etwas abseits reitenden Kronprinzen 
Friedrich Wilhelm auf zwei am Wege stehende Männer fiel, die darüber 
laut debattierten, wer wohl dieser und jener der hohen Offiziere, die eben 
an ihnen vorbei geritten waren, sein konnten. „Gelt, Ihr wollt gern 
wissen, wer die Leut all' sein ?" forschte, den Dialekt der beiden nach 
ahmend, der Kronprinz, der alle? gehört hatte, und noch ehe die beiden 
Sachsenhäuser ihm geantwortet hatten, fuhr er, auf die kaiserliche Suite 
zeigend, fort: „Der blaue Dragoner dort ist der König von Sachsen, der 
1870 die Franzosen bei Gravelotte und St. Privat gehörig aus die Hosen 
klopfte. Der Ulanenosfizier, das ist der König von Spanien, der dicke 
Husar, der König von Serbien — und der junge Major da, das ist mein 
Sohn!" Verdutzt staunten die beiden neugierigen Kleinstädter den Sprecher 
an, der aber lachte: „Ja, nun werdet Ihr aber auch wissen wollen, wer . 
ich bin? Na, eigentlich solltet Ihr mich kennen, ich willS Euch aber sagen: 
Ich bin nämlich Euer Kronprinz!" Sprach's, führte seine kurze Pfeife zum 
Munde und ritt schmauchend der Suite nach. Sprachlos blickten die beiden 
Sachsenhäuser dem leutseligen Prinzen nach, bis ein Feldgensdarm die 
vermeintlichen Zudringlinge in die Flucht trieb. Ä. II. 
Pcrgorrstveiriie. AIs Friedrich der Große einst durch seinen 
Leibpagen von Seydewitz seiner Schwester, Prinzessin Amalie, eine kleine 
Ration der ersten TreibhauSkirschen übersandte, konnte der Junker der 
Versuchung der NaschenS nicht widerstehen, und bald ward das kleine 
Häuflein der köstlichen Früchte so stark decimiert, daß der Page sich scheute, 
den winzigen Rest abzuliefern. Bei der nächsten Zusammenkunft fragte 
der König, wie der Prinzessin die jungen Kirschen gemundet hätten und 
erfuhr, daß die Schwester dieselben garnicht erhalten habe. Den Sach 
verhalt erratend, fertigte der König nun ein Schreiben für den Kom 
mandanten der Hauptwache an, das Junker von Seydewitz überbringen 
sollte. BöseS ahnend, übergab der Page unterwegs das Schreiben einem 
armen Juden zur Bestellung, der sich fteudig bereit erklärte, für eine so 
geringe Mühewaltung einige Groschen zu verdienen. Wie erstaunte aber 
der Sohn Abrahams, als ihm der Wachthabende nach Kenntnisnahme des 
Befehls von den Soldaten auf die Streckbank werfen und durch den 
Korporal 25 Stockschläge aufzählen ließ. — Dem alten Fritz blieb dieser 
neue Streich seines Leibpagen nicht verborgen. Anfangs höchst ergrimmt, 
dann aber durch Prinzeß Amalie besänftigt, erhielt Junker von Seydewitz 
— eine goldene Uhr, dem Juden aber wurde Schmerzensgeld gezahlt. 
21. 21. 
Nach den schweren Tagen von Kolli« gab Friedrich der Große den 
Befehl zur Grrirtitrrrrg prorttzisctior Acrrrdrrrilircrt, der Vor 
gänger unserer Landwehr. ' Sie hatten zunächst nur den Zweck, die von 
Truppen säst ganz entblößten Stammlande, besonders die Mark Branden 
burg. einigermaßen zu schützen, wurden aber dann bei der Not des Landes 
beibehalten. Im Garnison- und Etappendienst, sowie namentlich in der 
Eigenschaft als Ersatztruppenteile haben sie während der ganzen Dauer des 
Krieges eine nicht unwichtige, von den meisten Geschichtsschreibern nicht 
hinreichend gewürdigte Rolle gespielt. Die Mittel zur Erhaltung der 
Milizen wurden durch Einführung besonderer direkter, später auch indirekter 
Steuern aufgebracht. Mit großen Schwierigkeiten hatte man zu kämpfen, 
um ein einigermaßen brauchbares OsfizierkorpS für diese Truppen zu er 
halten; charakteristisch gestaltete sich dies in der Neumark. Zuerst beteiligte 
sich mit patriotischer Hingabe der angesessene Adel, selbst Männer in den 
höchsten Lebensjahren; später kamen dann Offiziere dazu, die im Felde 
invalide geschossen worden waren, zugleich trat auch hier der gebildete 
Bürgerstand sehr bemerklich hervor. Zahlreiche Studenten von der Universität 
zu Frankfurt a. O. traten freiwillig in die Landmiliz, avancierten hier zu 
Fähnrichen und fanden dann entweder in der Miliz selbst als Offiziere 
Verwendung oder traten vielsach, unter Beibehaltung der erworbenen Charge, 
in die Feldregimenter über. P. B. 
Vereins - Nachrichten 
Touristen-Klub für die Mark Brandenburg Sonntag, den 
30. Oktober 1892, findet ein Ausflug nach Bahnhof Straußberg, Eggers 
dorf, Neuer Krug, Spitz-Mühle, Gielsdorf, Wilkendorf, Stadt Straußberg 
(Besichtigung) statt. Abfahrt vom Schlesischen Bahnhof morgens 7 Uhr 
12 Minuten. — Mittwoch, den 2. November er., geschäftliche Sitzung im 
Klublokal (Leipzigerstraße 132). Gäste in den Sitzungen, wie auf den 
Wanderfahrten willkommen. 
Verein für Geschichte der Mark Brandenburg. Sitzung vom 
12. Oktober 1892. Herr Pros. Br. Naudö sprach über die Schlacht bei 
Prag, speziell über die ausfallende Thatsache, daß König Friedrich nur mit 
zwei Dritteln seiner Armee die Oesterreicher' rechts der Moldau angriff, 
während 30 000 Preußen unter dem Prinzen Moritz von Destau und dem 
Feldmarschall Keith auf dem linken Moldauufer zurückblieben. Ueber diese 
Maßregel des Königs ist von alters her lebhaft gestritten worden; auch 
Clausewitz hat sich mit der Frage beschäftigt; neuerdings haben Theodor 
von Bernhard!, Delbrück und Ammann diese Frage, die für die Beurteilung 
der fridericianischen Strategie von Bedeutung ist, in verschiedener Art zu 
entscheiden versucht. Sonderbarer Weise sind gerade die Archivalien, welche 
am ersten über die Bestimmung des Prinzen Moritz Auskunft geben 
konnten, bisher nicht zu Rate gezogen worden. Unter den Papieren des 
Prinzen im Zerbster Staatsarchiv fand Prof. Nauds ein vertrautes 
Schreiben, in welchem der Prinz — es ist des Alten DestauerS jüngster 
Sohn — die ihm und Feldmarschall Keith während der Prager Schlacht 
erteilte Aufgabe klar dargelegt hat. Die beiden Generale sollten Prag im 
Westen fest umschlosten halten, damit nicht Browne, wie der König be 
fürchtete, auf das andere Ufer überging und der Schlacht auswich; der 
Prinz sollte ferner, im Fall eines Sieges, auf den Höhen an der Moldau 
zwischen Prag und Königsaal Batterien errichten, und den Rückzug der 
Oesterreicher, wenn auch nicht abschneiden, so doch nach Möglichkeit er 
schweren. Von einem beabsichtigten Ueberschreiten der Moldau ist nichts 
gesagt. Das Resultat, welches sich ergiebt, schließt sich keiner der biS- 
> herigen Ansichten völlig an, nähert sich aber mehr den von Ammann und 
von Bernhard! als den von Delbrück gegebenen Erklärungen. 
Herr Professor Br. Brecher handelte von dem Anteil des württem- 
bergischcn Generalmajors Grasen von Normann an dem „Ueberfall" bei 
Kitzen (17. Juni 1813), bei welchem Theodor Körner schwer verwundet 
und viele Lützower getötet oder gefangen wurden. Gewöhnlich wird ihm 
die Schuld an diesem Mißgeschick aufgebürdet, und gerade in der Zeit der 
nationalen Erhebung (1813) liebte man eL in Süddeuischland kaum weniger 
als in Norddeutschland den Grafen von Nonnann de? Verrates an seinen 
deutschen Landsleuten zu zeihen. Damit hat man ihm grobes Unrecht ge 
than. Graf von Normann hat, wie aus einem an den König von 
■ Württemberg am 23. Juni 1813 erstatteten Berichte und auS einem an 
seinen Vater am 7. Dezember d. I. abgesandten Briefe (beide Schriftstücke 
find erst neuerdings bekannt geworden) den Angriff auf die Lützower allein 
im Aufträge seiner französischen militärischen Vorgesetzten, der Herzogs von 
Padua und des Divisionsgenerals Fournier, ausgeführt. Von einem 
„Ueberfall" kann nicht die Rede sein, denn die Lützower waren durch die 
Bewegungen NormannS, welcher sich zuletzt, fertig zum Kampfe, 30 Schritt 
weit von ihnen aufstellte, und durch die darauf folgenden Verhandlungen 
Fourniers mit Lützow hinlänglich auf daS Kommando vorbereitet, wenn sie 
überhaupt sehen wollten. Weder Haß noch eine besondere kriegerische Er 
regung gegen die Preußen war bei Graf Normann vorhanden. Er ent 
stammte einer norddeutschen Familie, die noch viele Verbindungen in 
Pommern, Mecklenburg und Preußen unterhielt; sein Großvater war 
preußischer Major gewesen und hatte ruhmreich in allen schlesischen Kriegen 
gekämpft; den Franzosen folgte er nur mit demjenigen Bedauern, mit 
welchem die damalige Waffenbrüderschaft von vielen edlen Rheinländlern 
ertragen wurde. In der Schlacht bei Leipzig entzog er sich derselben aus 
eigenem Entschluste; er büßte diesen Schritt durch Verbannung auS der 
Heimat. Verachtet und verfolgt, erhielt er nirgends wieder eine militärische 
Anstellung. In Armut, Gram und Verbitterung brachte er die letzten 
Lebensjahre zu, bis er in dem griechischen FreiheitSkampfe von neueni die 
Gelegenheit fand zu kriegerischen Kämpfen. Er starb für die Besreiung der 
Hellenen. 
Herr Realgymnasiallehrer Br. Tschirch auS Brandenburg a. d. H- 
entwickelte einem Angriffe Sellos gegenüber die Gründe, welche ihn ver 
anlassen, die Identität deS-Polensürsten Jaczo in der ältesten Branden 
burgischen Chronik (dem Traktate Heinrichs von Antwerpen) mit dem aus 
Münzen erscheinenden Jaczo von Köpenick wahrscheinlich zu halten.
        
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