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Periodical volume 26. August 1893, No. 48.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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sei von diesem merkwürdigen Vorgehen seiner Regierung nichts 
bekannt. „Und ich selbst bin ja," fuhr er fort, „als einfacher 
Gesandter in diesem ganzen Verhältnis der Stadt zu meiner 
Regierung einfach machtlos." Aber da drehte sich Burkhard 
um. „Herr Frischmann, das seid Ihr nicht!" brauste er los. 
„Ihr habt das alles vorher gewußt! Ich sag' es Euch ins 
Gesicht!" Er mäßigte sich mit Mühe. „Mein Herr Frisch 
mann," keuchte er etwas ruhiger, „wir wollen uns doch einmal 
über Euch und Euere Stellung hier in der Stadt ein wenig 
aussprechen! Euch, Herr Resident, halte ich nämlich für den 
offiziellen königlich französischen Spion hier in Straßburg! 
Um so nichtswürdiger von Euch, als Ihr Euer Amt und die 
Gastfreundschaft dieser Stadt zu den unwürdigsten Ver 
dächtigungen mißbraucht!" — „Laß mich reden, Dietrich!" rief 
er dem ängstlich abwehrenden Dietrich zu, „ich muß einmal 
mit dem Manne da deutsch reden! Es sind mir Briefe von 
ihm an den Minister Louvois in die Hände gekommen — 
wißt Ihr, wie er darin die guten ehrlichen Straßburger Bürger 
nennt? „Kanaille" nennt er sie! Von einer „Straßburger 
Kanaille" spricht er! Und nun kommt der Mann, der so ver 
ächtlich von deutschen Reichsbürgern spricht, und will uns 
Beileid heucheln! . . . Haltet Ihr denn wirklich uns Straß 
burger für so beschränkt, daß wir nicht einsehen sollten, worauf 
Ihr mit Eurer Politik hinauswollt?!" 
Die anderen Herren standen da und hörten mit Entsetzen 
die immer schlimmeren Beleidigungen des Ammeisters. Obrecht 
versuchte wiederholt dazwischen zu reden, Dietrich hatte ein 
über das andere Mal seinen Freund Burkhard am Arm ge 
nommen, und Günzer blätterte, zitternd vor Aufregung, in 
den Papieren, die auf dem Schreibtische lagen. Frischmann 
aber benahm sich wunderbar ruhig. Er nahm seinen Hut und 
sagte im höflichsten Tone von der Welt: „Ich möchte dem 
Herrn Ammeister zu bedenken geben, daß wir beide verant 
wortungsschwere Aemter bekleiden. Ich werde daher —" 
„Was werdet Ihr!?" rief Burkhard. „Wahrscheinlich 
wieder einen Brief nach Paris schreiben, daß man Euch be 
leidigt habe! Thut das, Herr! So hat doch Euer König 
einen einigermaßen triftigen Vorwand, auch Straßburq in die 
Tasche zu stecken!" 
Sehr ruhig, ohne auch nur einen Moment aus der 
Fassung zu kommen, antwortete Frischmann: „Ihr habt mich 
nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: ich werde abwarten, 
bis der Herr Ammeister seine Würde wieder gefunden hat." 
Sprachs, verbeugte sich gemessen und ging. — 
Kaum war Frischmann gegangen, so brach die lange 
zurückgehaltene Erregung von allen Seilen über den takllosen 
Ammeister herein. Das sei nie dagewesen! Das lasse ja 
geradezu an seinem gesunden Verstände zweifeln! „Mein 
Kompliment, Herr Burkhard!" höhnte der aufgebrachte Obrecht. 
„Das war ja ein vorzüglicher politischer Coup! Ihr werdet 
aber dies Auftreten auf Euer Konto nehmen! Ich werde die 
Sache vor den Rat bringen!" 
„Hängt's an die Münsterglocke!" fertigte ihn der Am 
meister ab. Er ging im Zimmer auf und ab und lüftete 
mit dem Finger die Halskrause. Es war ihm warm ge 
worden; aber das Herz war ihm wieder leicht. 
„Und Ihr sprecht dann im Rate von Schädigung der 
Stadt!" fuhr Obrecht fort. „Ihr nennt uns „Söldlinge 
Frankreichs!" Wer schädigt denn die Stadt, wenn nicht Ihr 
durch ein solches Auftreten?!" 
„Ihr freilich und Euer kalter Kopf," rief Burkhard zurück, 
„kommt nie zu einem solchen Zusammenstoß, weil Ihr Euer 
Herz in der Tasche tragt — und Euer Gewissen vielleicht auch!" 
„Herr Ammeister!" fuhr der Professor auf. 
„Ich möchte doch als Hausherr," fiel jetzt Günzer ein, 
„um einen etwas anderen Ton bitten. Freilich, der höchste 
Beamte der Stadt ist ja hier," bemerkte er in seiner etwas 
tückischen Weise weiter, „aber, nun, ich sage, nur ganz subjektiv: 
ich pflege meine Hände zu waschen, ehe ich in den Rat 
komme." 
„Da thut Ihr Recht daran," trumpfte ihn der Waffen 
schmied ab, „denn Ihr habt's nötig!" 
„So, Günzer," lachte Obrecht laut, „da habt auch Ihr 
Euer Fett! Die Sache wird ja ganz lustig!" 
Der vornehmere Dietrich hatte bereits, schmerzlich durch 
diesen Auftritt berührt, seinen Hut genommen und wollte sich 
wortlos entfernen, als die Ankunft Binders plötzlichen Frieden 
schloß. Man begrüßte ihn auf das lebhafteste. Burkhard, 
der von Binders Thätigkeit in Wien und Regensburg so viel 
Gutes erwartete, umarmte ihn. „Mein treuer, alter Binder!" 
Dann drangen alle in ihn, seine Akten auszupacken und zu 
berichten. Denn seine letzten Briefe waren verzweifelt wort 
karg gewesen. • 
Als man sich nun gefaßt hatte und den Gesichtsausdruck 
Binders ruhig betrachten konnte, war es dem Ammeister sofort 
klar, daß er umsonst gehofft. „Ich lese Euch von der Stirne 
ab, Binder," sprach er trübe, „was Ihr bringt." Und auf 
seufzend trat er wieder ans Fenster: „Armes Straßburg!" 
„Wir müssen uns selbst helfen," erklärte Binder nach 
einem kurzen Bericht über seine Reise. „Wir müssen dem 
französischen Tribunal nachweisen, daß unsere Dörfer seit ur 
alter Zeit straßburgisch waren und niemals von französischem 
Gebiete abhängig." 
„Und der Kaiser?" fragte Obrecht. 
„Der Kaiser hat keine Zeit für uns." 
„Keine Zeit für uns?" 
„Die Türken sind in Ungarn eingefallen, von Frankreich 
aufgehetzt. Und Ungarn ist näher bei Wien als unser Elsaß." 
„Und der Reichstag?" fragte Dietrich. 
„Der Reichstag?" erwiderte Binder bitter, indem er einige 
Papiere aus der Tasche zog. „Hier, liebe Männer, und hier, 
und hier: Reklamationen, Protestationen, Gutachten und 
Definitionen! Was wollt Ihr mehr? Ganze Aktenstöße 
schreibt nmn in Regensburg zusammen, in schöner Orthographie, 
mit vielen Fremdwörtern und Citaten untermengt. Neuerdings 
will man die Streitigkeiten mit Frankreich auf einem Kongresse 
ordnen. Gut! Für einen gründlichen Deutschen ist nun aber 
noch nicht die Sache selbst, sondern vorerst der Begriff der 
Sache, der uroäris tractandi, in Angriff zu nehmen. Nun, 
und so beratschlagt denn jetzt der deutsche Reichstag in tiefem 
Ernste: ob bei den Gastmählern, die bei diesem beabsichtigten 
Kongresse statifinden werden, die kaiserlichen Kommissarien auf 
rot ausgeschlagenen Stühlen und Teppichen sitzen, von Edel 
leuten bedient werden und mit goldenen Messern und Gabeln 
essen sollen! Für die fürstlichen Abgesandten sind grüne 
Stühle ohne Teppiche, Lakeien und silberne Gabeln in Aus 
sicht genommen. Darüber hat man endlos debatiiert! Sehr
        
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