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Periodical volume 12. August 1893, No. 46.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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war wiederholt darauf angewiesen, vom Kaiser direkte Geld- 
hilse zu erbitten; ja, es hatte sich während des holländischen 
Krieges dazu verstehen müssen — was dem Selbstbewußtsein 
der freien Bürger höchst unangenehm war — ihrer Sicherheit 
halber eine kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Jetzt, 1680, 
war ja nun der Krieg vorüber, Handel und Wandel konnten 
wieder aufblühen; aber — auch zum Aufblühen gehört, was 
Montecuculi für den Krieg verlangt hatte: Geld, Geld und 
nochmals Geld. Und das eben war in Stratzburg äußerst 
rar! Daher die sorgenvollen Gesichter des Ammeisters und 
der beiden Ratsherren. 
„Was mich besorgt macht," fuhr Herr Burkhard*) fort, 
„ist noch gar nicht eigentlich die finanzielle Notlage der Stadt. 
während des Krieges aufnahmen, die Stadt wieder verläßt. 
Die Freiheit der Stadt ist gefährdet, meint Ihr. Der Kaiser 
könnte mit diesen 6000 Mann einen Handstreich versuchen 
und die bisher freie Reichsstadt Straßburg kaiserlich-österreichisch 
machen. Ich will Euch etwas sagen, lieber Professor: immer 
noch besser habsburgisch, als das andere — nun. was uns 
über kurz oder lang ganz sicher trifft!" 
„Was meint Ihr?" fragte Obrecht, wartete aber die Ant 
wort gar nicht ab, da er nur zu genau wußte, was der Am 
meister meinte. „Ihr seid Schwarzseher, Herr Burkhard!" 
„Neuntes wie Ihr wollt!" brummte dieser und füllte die 
Gläser. „Kommt, Freund Bieder, wir wollen Euch nicht mit 
diesen verdrießlichen Gesichtern entlassen. Stoßt an! Auf ein 
GrrrpporrUildoo aus dorn Spoerndovgev Fostruge. 
Nach Photographien des Herrn F. Ti8mar. 
8. Vollendung der Stadtbefestigung (1479). 
Im Hintergründe Wagen des Tuchmachergewerkes. 
Darüber werden wir hinaus kommen, wenn uns Gott den 
Frieden wahrt. Aber die Leute, die da drüben in der Regen- 
ecke auf die Gelegenheit lauern, allerlei Elsäsfisches in die 
Tasche zu stecken! Das ist's, was ich mehr fürchte als alle 
Gläubiger! Und gebt acht, ihrer Diplomatie werden die 
wunderbarsten Schachzüge gelingen!" 
„Ach, gelingen!" warf Obrecht hin. 
„Ja wohl, gelingen!" wiederholte der Ammeister mit 
Nachdruck. „Ihr, Herr Obrecht, und Eure Partei habt's ja 
jetzt glücklich durchgesetzt, daß die kaiserliche Besatzung, die wir 
*) Ich weiß natürlich, wie der Ammeister der Jahres 1681 hieß. 
ES kam mir aber darauf an, der allgemeinen Zeitlauheit eine Kerngestalt, 
wie sie unS unser LandSmann Moscherosch darstellte, in der Gestalt deS 
AmmeisterS gegenüberzustellen. Der Verfasier. 
starkes Deutschland und ein freies, gesundes Straßburg! . . 
Und, Ihr Herren, nicht zu vergessen: auch unsere Majestät, 
Kaiser Leopold, hat eine herzhafte Gesundheit nötig! Thäte 
der recht oft in unserem kräftigen elsässer Wein Bescheid — 
weiß Gott, es wär' um die Reichsregiemng ein bischen feuriger 
bestellt!" 
Professor Obrecht stellte bei diesem festen allemannischen 
Trinkspruch das Glas wieder hin. „Laßt mich auch etwas 
sagen, Herr Burkhard! Was uns das Regiment hier in 
Straßburg schwer macht, das. ist allerdings nicht unsere 
finanzielle Misere, wie Ihr mit Recht hervorgehoben habt. 
Jedoch auch nicht die etwaigen Annektionsgelüste Frankreichs. 
Das, Ihr Herren, ist vielmehr einzig und allein das Schaukeln, 
die Halbheit in unserer Politik! Was soll uns ein Trink-
        
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