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Periodical volume 12. August 1893, No. 46.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

jU götrinßtticr, Dr. H. Dvondicko, Theodor Fsntano. Stadtrat E 
Ford. Meyev, Gymnasialdirektor Dr. M. Schwart; und Ernst V. MUdondrurh, 
herausgegeben von 
Friedrich Lilleffen und Nichsrd George. 
XIL. 
Jahrgang. 
M 46. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 709), Buchhandlung und 
Jeitungsspedition für 2 lllk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
12. August 
1883. 
Verrat uns Treue. 
Historischer Roman aus der Zeit des 7 jährigen Krieges von E. A. vorn Dodenratft. 
(Schluß.) 
uf der Stemmerburg, dem Schlosse des alten Herrn 
v. Stemmer, erwartete man dre Ankunft des Baron 
v. Rohr; man setzte zwar auch für alle Fälle Gemächer für die 
Baronessen in Stand, es war jedoch noch zweifelhaft, ob 
dieselben ihren Vater begleiten würden, das Antwortschreiben 
des Barons hatte den alten Stemmer darüber im Unklaren 
gelassen. Der Weg von Dresden nach dem Stammgute 
Rohrs führte bei dem Schlosse Stemmer vorüber. Das Herren 
haus auf der Rohrschen Besitzung war noch nicht von den 
Verwüstungen, die es im Kriege erlitten hatte, wiederhergestellt 
und so wenig in bewohnbarem Zustande, daß die Einladung 
Stemmers, bei ihm abzusteigen, dadurch erklärt war. 
Herr v. Stemmer hatte den Tod seines Sohnes, der bei 
Kollin gefallen, noch nicht verschmerzt, aber da die preußische 
Einquartierung während des Krieges schonender aufgetreten 
war, als die österreichische, und besonders, da er unter den 
preußischen Offizieren viele Männer nach seinem Geschmack 
gefunden hatte, die wacker zu zechen verstanden und beim 
Becher mit ihm Freundschaft schlossen, so freute er sich eher, 
als daß es ihm peinlich gewesen wäre, den Besuch eines 
Preußen zu erhalten, der im Kriege bei ihm einmal in 
Quartier gelegen. Der Graf v. Toll hatte sich schon damals 
mit großem Interesse nach den Verhältnissen der Güter der 
Nachbarschaft erkundigt, und Stemmer war daher nicht über 
rascht, als derselbe jetzt als Kauflustiger kam, besonders da 
Toll mit angesehenen sächsischen Adelsgeschlechtem verwandt war. 
Toll fragte gelegentlich, ob die Töchter des Baron von 
Rohr sich verheiratet hätten. Er lauschte mit Interesse, als 
Stemmer ihm die bedrohliche Lage der Familie schilderte, aber 
er selbst verriet mit keiner Silbe, welches der Name seiner 
Braut sei, er bemerkte eben nur, daß er sich zu verheiraten 
gedenke und dann am liebsten einen alten Stammsitz er 
werben wolle, den er durch eigene Arbeit wieder emporbringen 
könne. 
Einige Tage, nachdem Stemmer an Rohr geschrieben 
hatte, traf ein Kamerad Tolls ein, bei dessen Namen 
Stemmer doch stutzig wurde. Er hatte den Namen Brenkenhof 
zu oft von Rohr gehört, um sich nicht desselben zu erinnern, 
und es kam ihm der Verdacht, Toll habe den Gutskauf nur 
als Vorwand genommen, eine Intrigue im Interesse seines 
Freundes anzuzetteln. Toll sah ganz so aus, als komme es 
ihm bei einem kecken Streiche nicht darauf an, einem Leicht 
gläubigen etwas aufzubinden. Brenkenhof machte freilich 
einen ernsten, gesetzten Eindruck, aber es schien, als lasse er 
sich nur zögernd von Toll zu einem Wagnis verleiten; er 
sagte, daß er nur auf der Durchreise vorspreche, Toll aber 
überredete ihn, ihm bei seinem Gutskaufe zu helfen. 
Der alte Herr brach bei Tische das Eis. 
„Mir ist Ihr Name nicht fremd," sagte er zu Brenkenhof, 
„ich erinnere mich, denselben vom Baron Rohr gehört zu 
haben." 
Leopold antwortete ausweichend und schaute Toll ver 
legen an. als wünsche er, daß dieser weitere Enthüllungen 
mache. 
„Ich sehe schon," lachte Toll, „Brenkenhof verdirbt mir 
meinen ganzen Plan. Herr v. Stemmer, wir find auf einer 
Rekognoscierung, das heißt, ich zerre dabei meinen Kameraden 
fast mit Gewalt neben mir her. Es ist das beste, ich schenke 
Ihnen reinen Wein ein: wir wollen uns in das Nest des 
Barons v. Rohr setzen, so Gott will, und wir hoffen, Sie 
helfen uns dabei." 
Herr v. Stemmer machte große Augen. 
„Ich will nicht hoffen," bmmmte er, „daß Sie mich zum 
Lügner machen und meinen alten Freund narren. Wollen
        
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