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Periodical volume 29. Juli 1893, No. 44.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

HB 518 E* 
ordination veranlaßt habe, und begnügte sich, demselben eine 
Arreststrafe zu erteilen, dann befahl er, daß man den Baron 
v. Rohr vorführe. 
Der König war, wie gewöhnlich, in seiner blauen 
Uniform mit roten Aufschlägen und dem Siern des Schwarzen 
Adlerordens. Er heftete den Blick seines großen Auges auf 
den Mann, der da wähnle, ihm gegenüber den Trotz eines 
Reichsbarons zeigen zu können, von dem er schon ge 
hört hatte, daß er ein Tyrann seiner Gutsangehörigen sei, 
und dem er es ansah, welche Stimmung ihn beherrschte. 
„Er ist der Baron v. Rohr?" fragte der König mit 
seiner scharfen Stimme, und Rohr senkte vor dem Feuerblick 
des Monarchen wider Willen das Auge. „Er plagt auf 
Seinen Gütern die Leute mit Frohndiensten und hat durch 
Seine conduite Anlaß dazu gegeben, daß man Ihm selber 
schlechte Dinge zutraut, die eines Edelmannes unwürdig sind." 
„Majestät —" 
„Raisonniere Er nicht! Ich bekümmere mich nicht darum, 
ob Er mir nach dem Leben trachtet oder nicht, aber Er giebt 
ein schlechtes Beispiel, wenn Er als Gutsherr schlechtes Ge 
sindel bei sich aufnimmt. Ich habe dem Rittmeister v. Senden 
einen Verweis gegeben, daß er Ihn und auch noch Seine 
Weibsleute hergebracht, da Er aber hier ist, wollte ich Ihm 
das sagen, daß ich in Zukunft nicht spasse. Sorge Er lieber 
für Seine Aecker und für den Wohlstand Seiner Bauern! Er 
kanns nicht ändern, daß Krieg ist, aber Er kann sich durch 
gute conduite die Lasten des Krieges erleichtern." 
Der Baron traute seinen Ohren nicht; er starrte den 
König an, als könne er nicht glauben, was er höre. 
„Majestät." stotterte er, „Sie geben mich frei?" 
„Ich sage Ihm, daß es mir nicht recht ist, wenn man 
Ihn behelligt hat. Mache Er, was Er gethan, mit Seinem 
Gewissen aus, wenn Er eins hat!" 
„Majestät," rief der Baron, „ich habe Ehre und Ge 
wissen, und darauf gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich von 
dcm Anschlage gegen Ihre Person nichts gewußt habe und 
auch keinen Verrat geduldet haben würde." 
Der Blick des Königs war durchdringend auf Rohr ge 
heftet. 
„Das ist mir lieb zu hören," sagte Friedrich nach einer 
Pause, von dem Examen, wie es schien, befriedigt; „dann 
rede Er nicht weiter über die Sache, und mache Er Seinen 
Töchtern von mir ein Kompliment! Ich hab's nicht befohlen, 
daß man sie hergeschleppt und molestiert hat. Aber sie sollen 
meinen Offiziers nicht die Köpfe verdrehen; sage Er ihnen das!" 
Hiermit war der Baron entlassen. Er verließ das Gemach 
des Königs wie ein Trunkener,j^wie ein Betäubter. Er hatte 
sein Schicksal trotzig hinnehmen wollen, und der Monarch hatte 
fast mit Wohlwollen zu ihm gesprochen; er hatte zum mindesten 
Kerkerhaft und strenge Untersuchung erwartet, und der König 
hielt es kaum der Mühe weit, ihn um die näheren Umstände 
Al befragen! — 
Der Eindruck, welchen es auf die Töchter des Barons 
machte, ihren Vater in einen Bewunderer des großen Königs 
venvandelt zu sehen, war ein sehr verschiedener. Waren auch 
beide Schwestern von drückender Angst und Besorgnis befreit, 
so mochte Aurora doch nicht aufjauchzen wie Anna. Ihre 
stolze Natur, welche mehr unter der Demütigung, als durch 
die Angst gelitten, fühlte eine tiefe Beschämung, denn ihr 
Gewissen war nicht frei von dein Vorwurfe, den Verrat 
gebilligt zu haben, als sie noch am Hofe der Königin weilte. 
Hatte sich vorher, als die Schande sie bedrohte, ihr Gefühl 
dagegen empört, daß man sie für eine Mitschuldige Roberts 
hallen könne, so war sie jetzt strenge genug gegen sich selbst, 
um zu fühlen, daß sie es doch selbst verschuldet habe, wenn 
Robert in dem Glauben gelebt, sie könne seine Mitschilldige 
werden wollen. 
Cie fühlte sich niedergeschlagen, gedemütigt durch eine 
unerbetene Schonung, und es regte sich in ihr das trotzige 
Gefühl, gegen die Gnade des Königs zu protestieren. 
„Es ist nur gerecht," sagte sie. „wenn er uns keilte Mit 
schuld an einem infamen Verbrechen zutraut, aber das darf 
uns nicht bestechen, heilige Gefühle aufzugeben, und diese 
fordern von uns Treue gegen unseren Landesherrn und Haß 
gegen den Feind des Vaterlandes." 
Die Warnung Friedrichs, die Töchter des Barons sollten 
seinen Offizieren nicht die Köpfe verdrehen, verletzte Aurora 
aufs tiefste, vielleicht um so mehr, als das Austreten Tolls 
ihr denselben sympathisch gemacht hatte. Es war der Kampf 
ihres Stolzes mit leise erwachenden Gefühlen, der sie jetzt 
veranlaßte, das Auftreten des Grafen anders zu beurteilen. 
„Der Brutalität des Rittmeisters gegenüber", sagte sie, 
„war es nur Pflicht eines Kavaliers, uns seinen Schutz anzu 
bieten. Bildet er sich ein, dadurch mein Herz erobert zu haben, 
hat er vielleicht gar damit geprahlt, so bedauere ich, ihn ent 
täuschen zu müssen." 
Es war, als seien solche Worte Auroras besonders gegen 
Anna gemünzt, und diese fühlte sich tief schmerzlich berührt; 
sie sah, daß das Herz der Schwester sich ihr wieder entfremde. 
Aurora schien ihren Vater daran mahnen zu wollen, daß er 
geschworen habe, seine Töchter nur einem Manne zu geben, 
der das Unglück der sächsischen Armee an den Preußen räche. 
25. Kapitel. 
Der Plan des Königs Friedrich für den Feldzug war 
einfach, kühn und wohl durchdacht. Die englischen Hilfstruppen 
unter dem Herzog v. Cumberland standen im westlichen 
Deutschland und hielten die Franzosen in Schach; die Russen 
waren fürs erste noch nicht zu fürchten; es kam daher alles 
darauf an, sich gegen die Oesterreicher zu wenden, ehe diese 
sich mit ihren Alliierten vereüien konnten. General Browne 
hatte seine Macht in vier Korps geteilt, um Böhmen zu decken, 
und während alle Welt glaubte, Friedrich sähe das Ungewitter 
nicht, das sich über ihm zusammenzog, erschien er Ende 
April 1757 plötzlich in Böhmen und marschierte, nachdem er 
bei Reichenberg gesiegt hatte, auf Prag. 
Browne verlor durch den kühnen, genialen Angriff 
Friedrichs den Kopf. Anstalt die Vereinigung der Kolonnen 
zu hindern, welche in Böhmen einbrachen, blieb Prinz Karl 
von Lothringen in seiner festen Stellung vor Prag. Er hatte 
die „terribles defilees“ mit Panduren gespickt, aber gleich 
dem geschickten Jäger, der ohne Geräusch das Wild mit Netzen 
umstellt, zog der König von allen Seiten mit seinen Truppen 
heran. Die preußischen Regimenter'nahmen die Defilsen mit 
Sturm, ob auch das Herzblut des Grafen Schwerin die Seide 
der königlichen Fahne tränkte. 
Die österreichische Armee mußte sich nach tapferstem 
Widerstande und ungeheueren Verlusten hinter die Mauern
        
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