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Periodical volume 22. Juli 1893, No. 43.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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hohem Ansehen zu erhalten wußte, so bewährt sich dieser 
Ausspruch bet den Nachkommen der Langobarden dilrch Jahr 
tausende hindurch. Der Zollern Stamm ist seit sieben Jahr 
hunderten dem Grundgedanken des Bardentums treu ge 
blieben. Generation ist auf Generalion gefolgt, mit wechselndem 
Erfolg häuften sie Arbeit auf Arbeit, stets aber haben sie das 
Ziel verfolgt, das lang erstrebte, jetzt erreichte. 
Der Sieger von Wörth.) 
(Mit Abbiloung.) 
In tiefem, scheinbar durchaus befestigtem Frieden begann 
das verhängnisvolle Jahr 1870 und verlief dessen erste Hälfte. 
Alls Rat der Aerzte begab sich der Kronprinz Friedrich zu 
einer Kur nach Karlsbad, von der er im April zurückkehrte; 
einige Monare später, am 14. Juni, ward ihm seine dritte 
Tochter, Sophie, geboren. Der König Wilhelm hatte sich, 
wie jedes Jahr, nach Ems begeben, als sich plötzlich die 
furchtbare Entscheidung nahte. 
Die gebildeten und tonangebenden Kreise des französischen 
Volkes konnten es nicht verschmerzen, daß an der Ostgrenze, 
anstatt des gering geachteten Preußen, ein mächtiges Reich 
entstanden war, und daß die Nation der Träumer und 
Philosophen sich anschickte, eine kräftige politische und mili 
tärische Einheit zu bilden. Sie sahen darin eine Gefahr für 
die Größe und den Einfluß des eigenen Landes. Den Kaiser, 
der solches nicht zu hindern und nicht einmal für Frankreich 
die Genugthuung einer Gebietserweiterung zu erlangen im 
stande gewesen, machren sie dafür verantwortlich. Sie forderten 
von ihm durchaus einen Krieg gegen Preußen, dessen Be 
siegung und Zertrümmerung ihnen dabei als selbstverständlich 
erschien. Die klerikale Partei sah mit besonderem Ingrimm 
das Auskommen der protestantischen Macht und drängte mit 
wachsender Heftigkeit auf deren Bekämpfung. Napoleon III. 
kannte freilich die moralischen und materiellen Kräfte Deutsch 
lands besser als seine Unterthanen und zögerte so lange wie 
möglich, die Wünsche der Kriegsfreunde zu erfüllen. Aber 
als uian ihm vorstellte, daß nur ein Sieg über Preußen 
seinem Hause den Thron erhallen könne, gab er nach und 
ließ geschehen, daß das Ministerium Ollivier-Gramont die 
Erwählung eines Prinzen des fürstlichen Hauses Hohenzollern 
zum spanischen Könige zur Kriegsdrohung gegen Preußen 
ausbeutete. In seiner Friedensliebe ging das Berliner 
Kabinett weiter, als selbst die öffentliche Meinung in Deutsch 
land gut hieß: mit Billigung des Königs zog der Erbprinz 
von Hohenzollern seine Kandidatur für den spanischen Thron 
zurück (12. Juli). Für jeden Vernünftigen war damit der 
Zwischenfall erledigt. Allein eine solche Lösung war nicht 
nach dein Sinne der Kriegspartei am französischen Hofe. 
Unter ihrem Drucke verlangte Kaiser Napoleon, daß der König 
von Preußen nicht allein sich ausdrücklich dem Verzichte des 
*) Das Komitee zur Errichtung der Oberlausitzer Ruhmerhalle zu 
Görlitz hat die Freundlichkeit gehabt, uns den Abdruck obigen Abschnittes 
auS dem Werke: „M. Philippion, Friedrich III. als Kronprinz und 
Kaiser" (Verlag von Grote in Berlin. Preis 6 Mk.) zu gestatten. DaS Bild 
auf S. 513 „Kaiser Friedrich III." ist gleichfalls diesem Werke entnommen. 
Indem wir dem Komitee unseren wärmsten Dank auisprechen, können wir 
nicht unterlassen, aus das genannte vortreffliche Werk ganz besonders empfehlend 
hinzuweisen. Die Schristleilung. 
Erbprinzen anschließe, sondern auch Bürgschaften gebe, daß 
in Zukunft desseli Kandidatur nie wieder aufgestellt werde. 
Eine so entehrende, unter Drohungen vorgebrachte Forderung 
wies der König selbstverständlich ab. Damit war für die 
Franzosen der Krieg entschieden, damit aber auch gerade das 
bewirkt, was man in Paris hatte verhindern wollen: die 
Herstellung der deutschen Einheit. Ganz Deutschland empfand 
mit tiefem Ingrimm die Schmach, die die französischen Macht 
haber dem greisen Heldenkönige angethan hatten, ganz Deutsch 
land sah in deren Auftreten eine kecke Herausforderung, auf 
die es nur eine Antwort gab vom Bodensee bis zum Niemen: 
Zu den Waffen! Vergessen war der Bruderkrieg von 1866, 
weggewischt alles, was Nord und Süd bisher in gegenseitigem 
Mißtrauen trennte. Es galt den gemeinsamen Kampf wider 
den schlimmen Nachbarn, der seit so vielen Jahrhunderten 
immer wieder das friedliche Deutschland mit Krieg überzogen 
und ihm seine schönsten Greuzprovinzen geraubt hatte. 
Am 15. Juli reiste König Wilhelm vom Rhein nach 
Berlin zurück, auf jedem Bahiihofe vom begeisterten Jubel 
einer Nation begrüßt, die ihm gelobte, mit dem letzten Bluts 
tropfen ihm in dem Kampfe für Deutschlands höchste Güter 
beizustehen. Bis Brandenburg fuhr ihm der Kronprinz ent 
gegen, begleitet von Bismarck, Roon und Moltke. Der 
Monarch, von den letzten Vorgängen in Paris nicht unter 
richtet, hoffte noch auf Erhaltung des Friedens; aber die 
Darlegungen des Prinzen und des ersten Ministers über 
zeugten ihn bald von dem vollen Ernste der Sachlage. Bei 
der Ankunft in Berlin brachte der Unterstaatssekretär v. Thile 
die letzten entscheidenden Nachrichten aus Paris. Und nun 
erfolgte „in dem unscheinbaren Raume, welchen der provi 
sorische Potsdamer Bahnhof als königliches Wartezimmer dar 
bot, und zwar in der Mitte desselben, unter dem historischen 
Kronleuchter (der sich jetzt im Berliner Hohenzollernmuseum 
befindet), eine kurze Beratung. Der Kronprinz, halb seit 
wärts neben dem Könige, stand da wie ein flammender Kriegs 
gott, das Urbild des teutonischen Zornes, mit zurückgeworfenem 
Haupte und drohend erhobener Rechten." Also erzählt ein 
Augenzeuge dieser Scene. Das Ergebnis der kurzen Be 
sprechung war, daß Wilhelm I. die sofortige Mobilmachung 
des ganzen norddeutschen Heeres und der Flotte befahl. 
Sogleich verkündete dies der Kronprinz den auf dem Bahnhöfe 
anwesenden Offizieren mit den kurzen Worten: „Krieg und 
mobil," und die schicksalschwere Nachricht entsprach so sehr dem 
allgemeinen Gefühl, daß sie unter der Volksmenge, die ihren 
König erwartete, begeisterten Jubel hervorrief. Der greise 
Held umarmte in tiefer Bewegung den Sohn, und beide 
fuhren durch die dicht gedrängten Mafien in das Palais unter 
den Linden. Um sie erbrauste die feierliche Weise der „Wacht 
am Rhein": nicht um Preußen wurde gekämpft, sondern um 
Deutschland, das fühlte mit freudiger Zuversicht Friedrich 
Wilhelm in jenem großen Augenblicke. 
Und das verstand man auch in Süddeutschland. So 
wenig die Könige von Bayern und Württemberg geneigt 
waren, sich dauernd der Fühmng des Hohenzollernschen Hauses 
unterzuordnen, dem sie sich mindestens ebenbürtig dünkten: sie 
begriffen doch, nicht weniger als ihre Minister, daß die 
nationale Begeisterung sie wie Spreu hinwegfegen würde, 
wenn sie nicht die ganze Kraft ihrer Staaten an den großen 
Krieg gegen Frankreich setzten. Noch am 16. und 17. Juli
        
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