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Periodical volume 22. Juli 1893, No. 43.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

Unter Mitwirkung 
von 
Dr. R. görtttßttietr, Dr. K. Krrrrdictrc, ©tjextircur Fontano, Stadtrat G. Friovet, 
Ford. Mörser, Gymnasialdirektor vi>. M. Krtswartz und Grrrst V. Mikdorrdruets, 
herausgegeben von 
XIX. 
Zahraang. 
M 43. 
Friedrich Lilleffcn und Richard George. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 709), Buchhandlung und 
Zeitungssxedition für 2 Ulk. 50 pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
22. Juli 
1883. 
Nevvai un8 Treue. 
Historischer Roman aus der Zeit der 7 jährigen Krieger von E. H. von Dodorrrotlz. 
(29. Fortsetzung.) 
23. Kapitel. 
f obert v. Beriet hatte bei der einsamen nächtlichen Fahrt, 
nachdem er das Gut Rohrs verlassen, Muße genug, 
über seine Erlebnisse und über sich selber nachzudenken. Er 
hatte nicht geglaubt, eine so schlechte Aufnahme zu finden. 
Alle seine Dispositionen waren dadurch über den Haufen 
geworfen worden. Sein Plan war ein ganz anderer gewesen; 
freiwillig hätte er sich nicht persönlich der Gefahr ausgesetzt, 
beim Ueberbringen geheimer Depeschen ertappt werden zu 
können. 
Robert brachte aus Warschau nicht nur Briefe für die 
Königin, sondern auch Instruktionen Brühls für dessen Ver 
traute in Dresden, Mitteilungen über die Dispositionen der 
gegen Preußen verbündeten Mächte für die demnächst beginnende 
Campagne, vertrauliche Korrespondenzen für den General von 
Spörken, welche die Anzeige desselben betrafen, daß der Kanzlist 
Mentzel des Verrats verdächtig sei, und Anspielungen ent 
hielten, was zunächst zu thun sei, wenn dem Könige von 
Preußen ein „plötzliches Unglück" zustoßen sollte. Robert 
hatte mit Fricci eine Zusammenkunft in der Nähe des Rohr- 
schen Gutes verabredet. Er gedachte, den Italiener dann 
von dort mit den Depeschen heimlich nach Dresden zu ent 
senden, wollte selbst aber auf dem Gute verweilen und um 
die Hand der schönen Aurora, für die ihn eine immer heftiger 
werdende Leidenschaft erfaßt hatte, werben. 
Der Empfang von Seiten Rohrs machte diesen Plan 
unmöglich, der überdem nicht den Beifall Fricci's gefunden 
hatte, denn der Italiener machte schon, ehe man das Gut 
erreichte, Vorstellungen dagegen, daß Robert ihn nach Dresden 
schicken wolle. Er deutete geheimnisvoll an, daß ihn ein anderer 
Plan beschäftige, der seine Gegenwart in der Nähe von 
Lockwitz erheische. 
Robert konnte erraten, was Fricci's Gedanken in Anspruch 
nahm, aber er hatte sich nicht der Gefahr aussetzen mögen, 
auch nur verdächtig der Beteiligung an einem Verbrechen zu 
sein. Er warnte Fricci, etwas zu beginnen, was, wenn es 
fehlschlage, sie beide ins Verderben bringen könnte, aber diese 
Bedenken schwanden, als er sich in der Lage sah, auf ein 
Verweilen beim Baron v. Rohr verzichten zu müssen. Er 
entschloß sich, seine Depeschen selber nach Dresden zu bringen 
und Fricci die Ausführung seines Vorhabens zu überlassen. 
Schlug der Plan Fricci's fehl, ward er ergriffen, so 
konnte Robert, wenn er in Dresden war, jede Mitschuld und 
Mitwissenschaft ableugnen — dieser Gedanke hatte ihn be 
wogen, sich von Fricci zu trennen, aber jetzt auf der einsamen 
Fahrt beschlichen ihn doch Bedenken, ob er nicht besser gethan, 
dem Italiener sein Vorhaben zu verbieten. 
Die Furcht rief das Gewissen wach, und wie erbittert 
auch Robert über die Behandlung war, die er von Aurora 
erfahren hatte, so überkani ihn jetzt doch das Gefühl, daß er 
ihrer Liebe nicht wert sei. Es beschlich ihn die Erinnerung 
an Toni, die er zum Verrat gemißbraucht und dann verlaffen 
hatte, es war ihm, als vergelte ihm jetzt Aurora, was er an 
jener verbrochen hatte. 
Es war ein heller Wintertag, als er Blasewitz erreichte' 
Die Pferde waren müde, er selbst war durchfroren und erschöpft 
von der durchwachten Nacht und den Anstrengungen der Reise. 
Er beschloß, eine kurze Rast zu machen, ehe er die letzte Strecke 
des Weges zurücklegte, welche für ihn die gefährlichste war, 
denn er bedurfte aller seiner Geistesgegenwart, um bei einer 
Revision an den Thoren von Dresden etwaigen Argwohn 
durch nlhige Haltung zurückzuweisen. 
In der Nähe von Blasewitz befand sich eine Besitzung 
der Gräfin Hennicke, welche ihr Gemahl, der ehemalige Minister,
        
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