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Periodical volume 8. Juli 1893, No. 41.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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einer Stelle glücklich erhaltene Wildnis sich der Neuschöpfung 
einer großartigen öffentlichen Anlage einfügen kann und darf. 
Der Kreuzberg im Süden Berlins — einen wüsten 
Sandberg haben einige ihn genannt, das ist er aber nie 
gewesen. Ursprünglich hieß er der Tempelhofer Berg, nach 
dem Dorfe, welches im Mittelalter die Tempelherren nah an 
der Grenze der städtischen Merika erbaut hatten, unsern von 
welchem das Plateau des Teltow in zum Teil steilen Ge 
hängen sich zum Spreethale abwärts senkt. Kein eigentlicher 
Hügel also, sondern ein weitgestreckter Abhang diluvialer 
Bildung, der in seinen Tiefen gewaltige Lehmschichten mit 
Sandablagerungen, von erratischen Blöcken durchsetzt, ab 
wechseln läßt. Hier hatte das alte Berlin seine wohlgepflegten 
Weingärten; hier auch die allmählich immer tiefer werdenden 
Lehm- und Kiesgruben, die dem Ausbau der wachsenden Stadt 
dienen mußten. Später, in der Gegenwart näherer Epoche, 
schuf der Patriotismus einer glücklich wiedererrungenen staat 
lichen Unabhängigkeit auf weit schauendem Gipfel jenes eiserne 
Kriegerdenkmal, das in Gestalt einer riesenhaften Cypress? sich 
schwarz emporreckt und ganz neuerdings durch kunstvolle Hebung 
seines Grundes noch an Wirkung gewonnen hat. Es konnte 
nicht ausbleiben, daß Landhäuser, Vergnügungsorte und 
industrielle Etablissements nach und nach entstanden und sich 
in unregelmäßiger aber gefälliger Weise zwischen vielfachem 
Baumwuchs an den Flanken des Berges entlang gruppierten. 
Auch Gärten fehlten hier nicht, und ein von Lyciumhecken 
wild umkränzter vegetationsleerer Abstieg hat sehr lange der 
Kinderwelt Berlins zum weiten und unbestrittenen Spielplatz 
gedient. 
Dies alles ist anders geworden, seit ein Beschluß der 
städtischen Behörde hier einen großartigen Bergpark entstehen 
ließ, der auf ziemlich weitem Areal alle Vorteile eines stark 
und schön bewegten Terrains zur Geltung bringen will. Es 
ist der Viktoriapark, von dem wir reden, welchem, außer 
genial geplanten und zum Teil schon vollendeten Garten- 
Anlagen, ein grandioser Wassersturz zur Hauptzierde dienen 
soll, dessen Eröffnung man in nächster Zukunft entgegensehen 
darf. Was die Buttes Chaumom für Paris sind, wird 
dieser schöne Berggarten des Südens von Berlin künftig 
unserer Stadt sein. Möge er Luft, Licht und Freude an der 
Natur allen denen unter unseren Mitbürgern darbieten, die 
von der Höhe seiner Terrassen den Blick über das Häuser 
gewühl in der Tiefe jetzt und in Zukunft schweifen lassen! 
Dieser Viktoriapark nun, dessen Grenzen erst gegenwärtig 
sichere Gestaltung annehmen, birgt in seinem noch unvollendeten 
Teile eine wahrhafte Perle immergrüner Vegetation. Die 
selbe hat sich in langjähriger, stiller Entwicklung einer tiefen 
Falte des Bergabhanges bemächtigt, in die man von obenher 
wie in fast schwindelerregende Schlünde hinunterschaut, in 
welche schwer betretbare, bisher fast immer schlüpfrige Pfade 
hinabführen. 
Ist es eine ungeheure Regenschlucht, durch die Nieder 
schläge von Jahrhunderten ausgewaschen, von späteren Erd 
ablagerungen gegen die Tiefe hin abgedämmt? Oder ist es 
ein Konglomerat weit in die Vergangenheit zurückreichender 
Lehmkuten, die der nahen Stadt zu hundert Zwecken ihr 
Material geliefert haben? Wer will es entscheiden? Wie die 
Caldera irgend eines vulkanisierten Gebirges, gräbt sich diese 
Kluft in die Eingeweide der Erde ein. Sie ist lange ver 
schlossenes Privateigentum, heimlich gehegtes Gartenland ge 
wesen, und der verschwiegene Zauber der Romantik waltete 
über ihr. Die wenigen, die von ihr wußten, die noch 
wenigeren, die sie betreten durften, nannten sie die Wolfs 
schlucht. Es war eine wahrhafte That der Entdeckung, als 
dies paradiesische Fleckchen Erde, nach thränenreicher Ent 
eignung durch die Obrigkeit, für weitere Kreise an das Licht 
der Oeffentlichkeit trat. 
Ich erinnere mich noch mit vieler Freude des Sommer 
tags, an dem ich, auf einer Rundfahrt mit der Parkdeputation 
begriffen, zum erstenmale diese Wolfsschlucht erblickte und be 
trat, von deren Dornröschendasein hinter uralten und undurch 
dringlichen Lyciumhecken bisher nur geringe Kunde zu mir ge 
drungen war. 
Man hätte sich in die sempervirente Region des tiefen 
Südens oder in ein Thal des grünen Erin versetzt glauben 
mögen, so gewaltig schlossen sich die Epheumassen über Höhen 
und Tiefen zusammen, so zauberhaft schmückten sich die alten 
Baumstämme der Schlucht mit smaragdnen Guirlanden der 
schönen Schlingpflanze, die vermöge ihrer Luftwurzeln alle 
Ritzen und Spalten erfüllte, nur wenig anderen Gewächsen 
neben sich Raum gönnend. 
Das war die Verwirklichung eines traumhaft als kaum 
möglich gedachten Planes unseres Meyer, der, als er den 
Humboldtshain schuf und bei dieser wahrhaft genialen That 
sich manchmal mit mir an Ort und Stelle über seine Ideen 
aussprach, eines Tages plötzlich zu mir äußerte: „Helfen Sie 
mir einen Barranco Teneriffas schaffen und in unsere märkische 
Landschaft einfügen!" 
Was damals an der Ungunst flacher Erdbildung, an der 
baren Unmöglichkeit, die unter wärmerer Sonne entsprossenen 
Vegetationstypen nordwärts zu verpflanzen, scheitern mußte, 
hier hatte ein günstiges Geschick, allerdings in bescheidener 
Beschränkung, die Möglichkeit zu seiner Realisierung geboten, 
wenn es auch, anstatt überwältigenden Reichtums seltsamer 
Pflanzengebilde, statt Lorbeern und baumartiger Eriken oder 
farnumbuschter Felswände, aus denen der Drachenbaum auf 
schießt und an welchen die schuppig tellerförmigen Rosetten der 
Semperviven kleben, nur eine einzige Spezies ist, die dem 
Orte den Charakter einer sonst unserem Klima fremdartigen 
Sempervirenz verleiht. 
Noch an weiteres ist man versucht zu denken: an jene 
von Gregorovius so anschaulich geschilderten Städteruinen 
Italiens, über welche, sie gänzlich verhüllend, ein Gewog von 
Epheu sein Nankengewirr ausbreitet und seit einem Jahr 
tausend geschloffen hält. So ist Nimfa in Latium, am An 
sang der pontinischen Sümpfe, in seinem reizenden Grabe von 
Epheu und Blumen versunken, so Castell Galera im römischen 
Tuscien im eigentlichen Sinne des Wortes von Epheuranken 
zugedeckt. 
Ich möchte den Leser hinabführen auf bis heute noch 
nicht ganz sicherem Wege zu der überwältigenden Fülle von 
Immergrün, das den Grund der Schlucht und, so weit das 
Auge reicht, deren terassenförmige Abhänge verschleiert. Ein 
alter, schräggeneigter, jetzt sorgsam gestützter Akazienbaum ist 
es, der gleichfalls grün umwachsen, gewissermaßen den Mittel 
punkt des Ganzen bildet. Die überall vorwaltende, an sich 
so einfache Uebergrünung ist es ferner, die eine überwältigende 
Wirkung ausübt und immer und immer wieder das Auge
        
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