Path:
Periodical volume 2. Juli 1893, No. 40.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

■e 479 8- 
hervorragende französische Jesuiten nach Moskau, das ihnen 
völlig verschlossen war, vorgeblich, um als harmlose Missionare 
die Landreise nach China sich zu erbitten, in der That aber, 
um die bei der Regentin Sophie noch immer einflußreiche, 
den Katholiken günstig gesinnte Partei für sich und ihren 
Kampf auf Leben und Tod wider die Hugenotten zu gewinnen. 
Schweres stand auch für Rußland in diesen heißen Tagen 
auf dem Spiel. Eines besonderen Ansehens und auch Ein 
flusses erfreute sich Baron Keller, der holländische Gesandte; 
die Schilderungen Dolgorukis von seinem Volke hatten nicht 
wenig dazu beigetragen, auch den jungen Zaren ihm wohl 
wollend zu stimmen. Engbefreundet mit Keller war General 
Lesart aus Genf, dessen glänzender Stern am Hofe in raschem 
Aufsteigen war. Durch seinen Bruder Ami Lesart, der als 
Abgesandter von Genf in Paris weilte, da der kleine Frei 
staat wegen seiner Aufnahme der durch den Widerruf des 
Ediktes von Nantes heimatlos gewordenen Glaubensgenossen 
den Ausbruch eines Krieges mit Frankreich befürchtete, war 
man in Moskau von den von Paris aus angezettelten Um 
trieben und Plänen in Kenntnis gesetzt. Ihnen zu begegnen 
und wie Keller selbst an seine Regierung berichtet: „die Pläne 
der Jesuiten zu kontrekarieren und die Fortschritte dieser 
schlechten Brut zu hemmen," dahin ging das eifrige Bemühen 
des Gesandten, Leforts und der den Protestanten günstig 
gesinnten, den jesuitischen Plänen feindlich entgegentretenden 
Partei in Moskau. Auch im russischen Klerus regte es sich 
wider die Jesuiten; selbst der Patriarch Joachim erhob seine 
Stimme wider sie. 
Der brandenburgische Gesandte schloß sich alsbald eng 
an Keller an; beide Männer unterstützten sich gegenseitig in 
ihrem schweren Kampfe wider die unterirdischen Umtriebe der 
Jesuiten. Schon nach kurzer Zeit kann Keller nach Hause 
berichten, daß „Reyer auch bei den Großen des Reiches solche 
Auszeichnungen gefunden, wie sie einem fremden Minister noch 
niemals zu teil geworden." Die Beratungen Reyers mit den 
geheimen Bojaren hatten günstigen Verlauf; die Machen 
schaften jener beiden französischen Jesuiten, den Hugenotten 
den freien Zugang in Rußland zu versagen, scheiterten; am 
21. Januar erfolgte der zarische Paß, der den Hugenotten 
die freie Niederlassung in Rußland gewährte. 
Das Schriftstück, dessen hohe Bedeutung erst durch den 
vorangegangenen erbitterten Kampf ermessen wird, ist uns 
noch in seinem Wortlaut erhalten. In deutscher Sprache 
abgefaßt, hat es eine bleibende Stelle in der „vollständigen 
Gesetzessammlung" gefunden. Aeußerlich mutet es uns etwas 
fremdartig an: es beginnt mit der Jahresangabe 7179. Das 
moskowitische Reich zählte damals noch (bis zur Wende des 
Jahrhunderts) wie die Juden bis zum gegenwärtigen Tage 
die Jahre nach Erschaffung der Welt. Der Inhalt rückt diesen 
„Paß" dicht heran an das berühmte Potsdamer Edikt und 
macht ihn in mancher Beziehung ihm ebenbürtig. Es klingt 
wie ein Nachhall auf russischem Boden von einem Ton, der 
uns zur Freude auf Brandenburger Erde zuerst angestimmt 
ward und nun drüben ein schönes, langanhaltendes Echo ge 
funden. Man wittert leicht auch in diesem Paß etwas von 
frischer Morgenluft; in Potsdam und Moskau ein Hahnnis 
in der Frühe, und es sind an beiden Orten Hugenotten, die 
ihn veranlaßt, zu deren Gunsten er angestimmt ward. Als 
ob Peter der Große selber schon das Worr zum ersten Male 
öffentlich ergreife, eine so freie, duldsame Summe verlautet 
hier. Noch ist um die Stunde des Erlasses der siebzehnjährige 
Zar nicht zur Selbstherrschaft gelangt; erst ein halbes Jahr- 
später schüttelt er die Regentschaft ab, wie auch den, mit dem 
er bis dahin die zarische Würde hatte teilen müssen; aber an 
der Schwelle seiner glorreichen Regierung liegt die Urkunde, 
die auch in ihrem Inhalt dem Worte so ähnlich ist, das der 
große Kurfürst fast am Schluffe seiner Regierung geredet. 
In Moskau ist das Wort wie ein weissagender Hinweis auf 
die kommende Größe des, in dessen Namen es geredet wurde, 
in Potsdam Ausdruck und Siegel auf eine lange erprobte 
Größe. Die Geschichte kargt denn doch mit diesem Beinamen. 
Zwischen dem großen Kurfürsten und Friedrich dem Großen 
hat sie nur diesem russischen Kaiser die seltene Auszeichnung 
gewährt. 
Berliner Mümfund. 
(1881.) 
Sei glücklicher als AugusiuS, 
Sei besser noch als Trojan! 
So sprachen Römer beim Wechsel 
Der Thrones den Cäsar an. 
Du edler Kaiser vor allen, 
Die Purpur je eingehüllt, 
Wo haben sie hingebettet 
Dar Goldstück mit deinem Bild? 
Tief lag eS im Schoß der Erde, 
Im Sande beim alten Berlin; 
Von würd-gen Matronen erklangen 
Darüber schrill Litanien. 
Vielleicht daß es trug ein Semnone 
Im Beutel zum Spreeastrom. — 
Man sieht sie abkonterseiet 
Heut noch aus der Säule zu Rom, 
Wild blickend und ungelecket, 
Fast mehr noch a!S jener Bär, 
Der die Tatz- auf Steuerzetteln 
Darbeut ohn- unser Begehr. 
Erst alr man die Spiltellirchc 
Bis zum Fundament abbrach, 
Stieg wieder die Kaisermünze 
Aus Moder empor zum Tag. 
Er ging damit ganz verloren 
Berlins allerlängst vis-ö-vis, 
DaS gereicht von St. Gertrauden 
Zur PotSdamerthor-Pharmacie. 
Verloren wie jene Linde, 
Die am Thor den Stamm einst bog, 
Wahrzeichen dem Wanderburschen, 
Der Deutsch- und Welschland durchzog. 
Die Spittelfrauen da oben 
Und unten Trajanr Gesicht! 
Wer sagt noch, er sei verschwunden 
Humor auS der Weltgeschicht'? 
Der Scharfenbcrger.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.