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Periodical volume 2. Juli 1893, No. 40.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Charakter eines Staatsministers und ohne weitere Unkosten 
erhalten solle, und am folgenden Tage schon wurde ihm die 
Bestallung als oberster Baudireklor in Schlesien ausgefertigt. 
In Potsdam hatte der Gras ein geräumiges, sckönes 
Haus in dem bis zum Stadtkanal reichenden Teile der Jäger 
straße zum Wohnsitz erhalten, und sein königlicher Gönner und 
Freund sorgte außer für die Unterhaltung einer guten Tafel 
auch dafür, ihm durch ein ansehnliches Jahrgehalt die Besoldung 
einer kleiner Kapelle und sogar noch kleine Feste möglich zu 
machen. Hier saß er mit grauem Haar und oft noch hervor 
leuchtendem Humor im Kreise seiner jungen Sängerinnen als 
ein zweiier Anakreon, und wußie selbst als 70 jähriger Greis 
an seinem Krankenbette die Kreise um sich her heiter zu ge 
stalten. — Als ihn der König in seinem neuen Heim besuchte 
und den Grasen in einfacherer Kleidung erblickte, als er sie 
sonst zu tragen gewohnt war, fragte Friedrich: „Wie geht es 
zu, daß Sie jetzt sich so außerordentlich einfach kleiden, während 
Sie sonst, selbst in dem abgelegenen Mähren, den Luxus und 
Glanz eines großen Herrn zeigten?" — „Sire," antwortete 
Hoditz, „die Sterne glänzen zwar hell in der Nacht, aber 
beim Nahen der Sonne erbleicht ihr Licht. Ich kann in 
König Friedrichs Nähe nicht einfach und bescheiden genug 
auftreten." 
Auf dieselbe Art, wie Hoditz seine Reise von Oberschlesien 
nach Potsdam zurückgelegt hatte, pflegte er auch von Potsdam 
aus Berlin zu besuchen. Der erste dieser Besuche dauerte 
zehn bis zwölf Tage, und Dieudonns Thibbault, Professor 
an der Ritterakademie in Berlin, schildert uns in seinem 
„Friedrich der Große, seine Familie, seine Freunde und sein 
Hof, Leipzig bei Hartmann 1828" die Festlichkeit, welche 
Prinz Friedrich von Braunschweig dem Grafen zu Ehren ver 
anstaltete. Zuerst hatte Hoditz gezögert,^ dem Prinzen einen 
Abend zu schenken, da das Haus des Prinzen ziemlich entfernt 
vom Schlosse lag, und der Graf die Fahrt über Steinpflaster 
fürchtete; doch gab er zuletzt nach und versprach, am nächsten 
Abend zu kommen. Der Prinz entwarf jetzt sogleich seinen 
Plan und teilte auch mir (Thisbauli) eine Rolle dabei mit. 
„Durch Frau von Troussel empfing ich noch abends um 
zehn Uhr das Programm zum Feste uud die Bitte von seiten 
des Prinzen, mich bei ihm den nächsten Abend in dem Kostüm 
eines Dorfschulmeisters einzufinden, um den Grafen in dieser 
Rolle zu begrüßen. Ich nahm es an; Frau von Troussel 
holte mich ab, und um sechs Uhr waren wir beim Prinzen." 
(Schluß folgt.) 
König Friedrich I. 
als Fürsprecher der Hugenotten am Zarenhofe 
}u Moskau?) 
Von £) ermann D altern. 
Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung ließ Kurfürst 
Friedrich durch seinen außerordentlichen Gesandten Johann 
Reyer von Czapliez den moskowischen Zaren Meldung der 
*) Der obige Aufsatz ist mit Bewilligung des VerfasierS und der 
Verlagsbuchhandlung der kürzlich erschienenen Schrift: Zur Geschichte 
dar en Kirche in Rußland von Hermann Dalton 
(Leipzig Duncker & Humblot) entnommen. Ueber die Schrift bringt 
unser heutl^r Büchertisch eine überaus anerkennende Besprechung. Wir 
zweifeln mqt daß die Wiedergabe des obigen Abschnitts ihr erst recht 
Freunde erwehr ^ird. 
Thronbesteigung überbringen. Noch zwei weitere Aufträge 
hatte der brandenburgische Botschafter in Moskau auszurichten: 
einen Handelsvertrag brandenburgischer Kaufleute mit der Stadt 
Archangel abzuschließen und den Hugenotten eine Zufluchts 
stätte in Rußland zu erwirken. Es ist wohl das erste Mal, 
daß ein Gesuch an Rußland gestellt wurde, welches duldsame 
Aufnahme für um ihres Glaubens willen Verfolgte erbat, das 
erste Mal auch, daß es alsbaldige volle Gutheißung erhielt, 
ein hoffnungweckender Ruf, daß ein neuer Tag für dieses 
Reich heraufkomme. Der Wendepunkt in der Geschichte Rußlands 
ist so fesselnd, die gewährte Aufnahme der Hugenotten spielt 
dabei eine so bedeutsame Rolle, daß es gerechtfertigt ist, ihn 
etwas eingehender ins Auge zu fassen. 
Die Regierung in Rußland hatten in jenen Tagen noch 
zwei Zaren inne, die beiden Stiefbrüder des 1662 verstorbenen 
Zaren Feodor Alexejewitsch. Der ältere Bruder Iwan war 
schwachsinnig, zur Regierung unfähig; der jüngere, Peter, noch 
nicht mündig; die Regentschaft lag in der Hand der Stief 
schwester Peters, Sophie. Seit 1684 läßt sich eine erneute, 
starke Minierarbeit der Jesuiten, Fuß in Rußland zu fassen, 
verspüren. Durch das siegreiche Auftreten Cromwells waren 
hervorragende katholische Schotten nach Moskau gekommen 
und hatten als Offiziere bald hohe Stellungen erlangt; wir 
erinnern an die Generale Meneses, besonders an Patrick-Gordon, 
der das Vertrauen des jugendlichen Zaren gewonnen. Die 
Regentin hatte mit Oesterreich und Polen einen Dreibund zum 
Schutz und Trutz wider die Tataren geschlossen; mit den nach 
Moskau entsandten Botschaften dieser beiden Länder waren 
römische Geistliche, alles Jesuiten, nach Moskau gekommen, 
die dann für die katholischen Kaufleute daselbst zu bleiben uud 
eine Kirche zu bauen gedachten. Zumal Polen stand völlig 
unter dem Regiment Roms; es galt in jenen Tagen als ein 
großes Seminar der Jesuiten; von hier aus hofften sie, gegen 
die russische Kirche angehen zu können. Sie fühlten sich in 
jenen Tagen besonders stark und dementsprechend anmaßend. 
War doch 1686 von China die Nachricht in alle Welt von 
Jesuiten ausgesprengt worden, als ob die dortige Kaiserin 
römisch geworden und einen Drohbrief an den russischen Zaren 
gerichtet habe. Dazu kam ein weiteres Aergernis. 1687 war 
der hochbegabte Fürst Dolgoruki nach Paris gesandt worden, 
Unterhandlungen wegen eines Bündnisses mit Frankreich gegen 
den Sultan anzuknüpfen. Ludwig XIV. war in rücksichtslos 
beleidigender Weise gegen den Fürsten vorgegangen, der sich 
erbittert und grollend nach Amsterdam begab, wo er die 
glänzendste Aufnahme fand. Zu spät erkannte Frankreich den 
argen Fehler, den es durch seine brüske Geringschätzung des 
zarischen Gesandten begangen. Heimgekehrt berichtete Dolgoruki 
dem 16 jährigen Zaren die erlittene, schnöde Behandlung; 
Peter vergaß nicht die Beleuchtung, in der ihm zuerst Licht 
auf das katholische Frankreich fiel, auch nicht die andre, in 
welcher ihm durch die glänzende Schilderung seines Gesandten 
das reformierte Holland erschien. 
Grade um diese Zeit der jesuitischen Wühlereien kam 
der brandenburgische Gesandte nach Moskau. In Paris hatte 
man alsbald auch Kenntnis von den Sonderaufträgen erhalten, 
die Kurfürst Friedrich seinem Botschafter mitgegeben. Die 
Aufnahme der Hugenotten zu hintertreiben, wurden von 
Frankreich aus alle Hebel in Bewegung gesetzt. Mit einer 
polnischen Gesandtschaft und unter ihrem Schutze schlichen zwei
        
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