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Periodical volume 24. Juni 1893, No. 39.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Nachdem er in Berlin seine Studien vollendet und 1828 
eine Stellung als Gymnasiallehrer und Kustos an der 
königlichen Bibliothek erlangt, führte er seine Charlotte 
als Gattin heim. Aber geistige Ueberanstrengung hatte seine 
Nerven überreizt, und so trat er, zur Wiederherstellung 
seiner Gesundheit, im Juli mit der Gattin eine Reise durch 
Thüringen nach Heidelberg, Darmstadt und Frankfurt an, 
von der beide erst im September zurückkehrten. 
Heftige Krankheitsfälle nötigten Stieglitz jedoch, seine 
Stellungen niederzulegen, und auch seine schriftstellerische 
Thätigkeit begann zu erlahmen. Er war ein empfindendes Talent, 
dem aber Stärke und Koncentration fehlten, dabei erfüllt von 
der Sehnsucht nach einer höchsten Leistung, die ihn krankhaft 
verzehrte. Die ebenso anmutige wie scharfsinnige Gattin bot alles 
auf, den Verzagenden zu trösten und zu ermuntern. Eine im 
Sommer 1833 mit der Gattin nach Petersburg und Moskau 
unternommene Reise schien einen günstigen Einfluß auf 
Stieglitz geübt zu haben; seine Schaffenslust begann sich 
von neuem zu regen. Damals entstanden die bedeutendsten 
seiner dichterischen Arbeiten: „Bilder des Orients", 4 Bände, 
mit der Tragödie „Sultan Selim IV." Diesen schlossen sich 
ebenbürtig in 2. Auflage an: „Stimmen der Zeit in Liedern." 
(Leipzig, 1834.) 
Bald trat der alte Zustand bei dem Bedauernswerten 
wieder ein, der ihn schließlich einer stillen Melancholie zutrieb. 
Was Charlotte Stieglitz in jenen bangen Tagen gelitten, 
was sie in schlaflosen Nächten beschäftigt, das hat sie mit 
ihrem Herzblut in ihr Tagebuch niedergeschrieben. Der un 
glückselige Gedanke, daß nur ein ungeheurer, das ganze Innere 
erschütternder Schmerz den Gatten, dem sie sich mit voller 
Liebe zu eigen gegeben, neue Kraft und Erhebung zuführen, 
ihn znm ganzen Mann und Dichter reifen würde, bemächtigte 
sich ihrer mit dämonischer Gewalt. Und dieser Gedanke reifte 
zum Entschluß, als der Gatte ihr einen Traum erzählt hatte, 
den wir in seiner Selbstbiographie niedergeschrieben finden. 
Ihm hatte geträumt, seine Charlotte sei drüben in der Spree 
versunken; er hörte ihren Hilferuf und sei hinausgeeilt, um 
sie zu retten: aber, als er seine Arme gegen sie ausgestreckt, 
sei sie in die Tiefe hinabgesunken — und ihr Tod habe ihn 
ruhig und glücklich gemacht . . . 
So war der 29. Dezember des Jahres 1834 herangenaht, 
an welchem Charlotte ihren Mann bewog, mit einem Freunde 
der Einladung zu einem Konzert zu folgen. Nachdem er in 
der siebenten Abendstunde die Wohnung verlassen, vollbrachte 
Charlotte in opferfreudiger Verirrung die grausige Thar. 
Als Stieglitz in seine Wohnung zurückkehrte, bot sich 
ihm ein entsetzlicher Anblick dar. Seine Gattin, das Haupt 
in die Kissen des Bettes zurückgedrückt, lag wie ein bleiches 
Marmorbild vor ihm da; ihre Linke bedeckte das Herz, ein 
Blutstrom hatte sich über das weiße Nachtgewand ergossen, 
der Dolch, den sie mit der Rechten aus der Wunde gezogen, 
lag an ihrer Seite. Es war dieselbe Waffe, die sie einst auf 
ihrer ersten Reise mit dem Gatten, zur Schutzwehr gegen 
einen etwaigen Ueberfall, in Leipzig gekauft hatte. Auf dem 
Schreibtisch lag ein letzter, von Thränen benetzter Gruß nieder 
geschrieben, der mit den Worten schloß: „Wir werden uns 
wiedersehen, freier, gelöster." 
Auf das innigste betrauert von allen, die sie gekannt, 
wurde die schöne und liebenswerte 28 jährige Selbstmörderin 
in der nächtlichen Stunde des letzten Jahrestages auf dem 
Sophien-Kirchhof in der Bergmannstraße bestattet. 
„Wir werden uns wiedersehn, freier, gelöster!" jene 
letzten Abschiedsworte, die sie dem Gatten hinterließ, kündet 
das Kreuz am Grabhügel der Charlotte Stieglitz. 
Das in unseliger Gefühlsüberspannung dargebrachte Opfer 
der Beklagenswerten konnte indessen den gehofften Erfolg nicht 
haben. Stieglitz brach beinahe völlig zusammen. Fern vom 
deutschen Boden, führte er ein freudenloses Dasein bis zu 
seinem am 22. August 1849 zu Venedig erfolgtem Hinscheiden. 
Sein Leichnam wurde hierher gebracht und neben derjenigen 
gebettet, die sich einst für den Lebenden geopfert hatte. 
Von den späteren Leistungen des Dichters find nur die 
„Bergesgrüße" (München 1839) hervorzuheben. — 
Zu den ersten baulichen Verschönerungen des Schiffbauer 
dammes gehörte die Umgestaltung des „Unterbaums", der 
ursprünglich die Spree bei ihrem Ausfluß aus der Stadt schloß 
und später zu einer Zugbrücke umgewandelt wurde. Bis 
hierher zogen sich noch im vorigen Jahrhundert die Pallisaden 
an Stelle der späteren Stadtmauer. 
Im Juni 1877 bewilligte die Stadtverordneten-Versamm- 
lung die zum Neubau der Brücke erforderlichen Mittel, und 
am 21. August 1879 konnte das großartige Bauwerk, deffen 
Herstellungskosten sich auf 744,052 Mark beliefen, als „Kron- 
prinzen-Brücke", dem Verkehr übergeben werden. 
Dann hatte, ebenfalls in den 70 er Jahren, die baufällig 
gewordene Marsch allbrücke zu lebhaften Beschwerden über 
„haarsträubende" Zustände Veranlassung gegeben, deren „gefahr 
loses Ablaufen bei dem regen Verkehr von Wagen, Omnibussen 
und Pferdebahn in der Dorotheen- und Neuen Wilhelm-Straße oft 
als ganz wunderbar zu betrachten war. da auf der Brücke kaum 
zwei Handkarren ohne Anstoß neben einander passieren konnten." 
Endlich sollte auch sie, als unschöne Dekoration der Ausmün 
dung nach den Linden, ohne wehmütige Rückeriunerung von 
der Bildfläche verschwinden. Im September 1880 wurde der 
Rest ihrer Pfeilerzähne, mit denen sie sich ins Spreebett fest 
gebissen hatte, herausgehoben und eine Notbrücke im Betrage 
von 42,500 Mk. errichtet. Sie diente dem Verkehr, bis der 
Prachtbau der neuen Marschallbrücke mit einem Kostenaufwande 
von 610,000 Mk. vollendet war. 
Auch die Weidendammer Brücke war zu jener Zeit in 
Folge des ungeheuren Verkehrs so schadhaft geworden, daß 
„die Zugklappen unter jedem Fuhrwerk sich herunterbogen 
und auf- und niederschaukelten, so daß man jeden Augenblick 
den Zusammenbruch glaubte befürchten zu müssen". Unterm 
24. Juni 1879 bewilligte die Stadtverordneten-Versammlung 
die Summe von 45,000 Mk. für den drei Jahre später zur 
Ausführung gelangten Erweiterungsbau. Bei demselben kam 
zum erstenmal in Berlin die neue Einrichtung fester Gale 
rien neben den Aufzugsklappen, zum Uebergang für das Pub 
likum, in Anwendung. 
Wer den Schiffbauerdamm noch vor einigen Jahrzehnten 
mit seiner kleinstädtisch-architektonischen Physiognomie gekannt 
hat und ihn vergleicht mit seinem jetzigen Zustand, muß aner 
kennen, daß auch hier und in seiner Umgebung eine mächtige 
Wandlung sich vollzogen — würdig der aufgestiegenen deut 
schen Kaiserstadt!
        
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