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Periodical volume 17. Juni 1893, No. 38.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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„Ich möchte keinen Verdacht aussprechen," antwortete 
Robert, „ehe wir nicht in der Lage find, eine Untersuchung 
einzuleiten, welche den Argwohn aufhebt oder bestätigt. Die 
Königin kann fich nicht verstellen; erweckt man in ihr Zweifel 
an der Treue einer Person ihrer Umgebung, so würde fie fich 
verraten, und der Schuldige würde fich der Vergeltung dadurch 
entziehen, daß er offen in den Schutz des Brandenburgers 
flüchtet." 
„Sehr richtig, und der Brandenburger gebietet in Dresden. 
Aber mir können Sie Ihren Argwohn anvertrauen, ich kann 
schweigen." 
„Herr General, mir fehlen noch die Beweise. Aber ich 
erlaube mir, Sie daran zu erinnern, daß im Sommer, als 
wir noch Frieden hatten, ein brandenburgischer Offizier es 
wagte, heimlich ins Schloß zu dringen, um einer Dame der 
Königin zu nahen." 
„Ich weiß es, aber Ihr Herr Bruder verbürgte fich für 
die Dame, und ich hoffe. Sie sprechen nicht von ihr. wenn 
Sie an Verrat denken. Eine Rohr verrät die Königin und ihr 
Vaterland nicht, das glaube ich nimmermehr." 
„Das Fräulein Anna v. Rohr ist zur Beerdigung des 
Obersten v. Milliz gefahren. Das Erscheinen einer Dame 
der Königin bei der Beisetzung eines Mannes, der fich die 
königliche Ungnade zugezogen hat, ist. man mag über die 
Handlungsweise des Obersten denken, wie man will, eine 
Demonstration, welche unter den obwaltenden Verhältnissen 
einen peinlichen Eindruck auf die Anhänger der Regierung 
machen muß. Fräulein v. Rohr nahm freilich zum Vorwand, 
daß fie mit der Tochter des Obersten aus alter Zeit be 
freundet sei." 
„Dann ist fie gerechtfertigt." 
„Sie wäre es, Herr General, wenn diese Freundschaft 
wirklich noch existierte, wenn fich dieselbe auch dann noch dar- 
gethan hätte, als der Oberst in Ungnade gefallen war. Ich 
habe aber davon nichts bemerkt, obwohl ich im Hause des 
Obersten verkehrte." 
„War das nicht auch eine Demonstration?" ftagte der 
General lächelnd. „Sie find Kavalier der Königin." 
„Herr General," erwiderte Robert leicht errötend, „ich 
handelte mit Einwilligung meines Oheims, des Ministers, 
der eine Härte gut zu machen hatte und den davon Betroffenen 
versöhnt zu sehen wünschte. Mein Onkel war fich dessen be 
wußt, daß er ein Unrecht begangen hatte, aber seine Autorität 
forderte es. einen derartigen Angriff, der ihn mit Umgehung 
der vorgeschriebenen Beschwerdeformalitäten direkt beim Könige 
zu verdächtigen suchte, nicht unbestraft zu lassen. Ich bin 
übrigens nie als Kavalier der Königin, sondern immer als 
Privatmann in der Familie gewesen." 
„Schon gut!" lächelte der General, „ich kann erraten, 
was Sie dort fesselte. Fahren Sie fort!" 
„In dem Hause des Obersten," so kam Robert der Auf 
forderung nach, „steigt der brandenburgische Offizier, welcher 
in intimen Beziehungen zu Fräulein v. Rohr steht, jedesmal 
ab, wenn er nach Dresden kommt. Er ist auch jetzt wieder 
hier, und Fräulein v. Rohr fühlt fich plötzlich bewogen, fich 
ihrer Freundschaft mit dem Fräulein v. Mltiz zu erinnern. 
Ist das nicht auffällig?" 
Der General wurde nachdenklich. 
„Herr v. Beriet," ftagte er plötzlich, „sollte der Arg 
wohn, daß Fräulein v. Miltiz Verrat geübt habe, nicht näher 
liegen, wenn hier überhaupt die Spur zu suchen ist?" 
„Herr General, der Oberst v. Miltiz war ein alter Soldat, 
der die Ehre des Vaterlandes hochhielt, und seine Tochter ist 
in derselben Denkungsweise erzogen. Sie hat Ursache, meinen 
Onkel zu hassen, aber fie glaubt in ihm einen Mann zu 
sehen, der nicht genug für die Armee und also für die Sicher 
heit des Landes gesorgt hat. Ich will die Möglichkeit nicht 
bestreiten, daß fie unwissentlich oder verleitet eine Helferin 
beim Verrate geworden ist, aber wahrscheinlich ist das nicht, 
denn ich glaube, fie überschätzt mein Interesse für ihre Person, 
und schon deshalb hätte fie. abgesehen von ihrem Patriotismus, 
gewiß nichts gethan, was ihr meine Verachtung zuziehen 
müßte. Ich will mich jedoch nicht für fie verbürgen, und 
wären die Preußen nicht im Lande, könnte eine Untersuchung 
eingeleitet werden, so würde ich dieselbe heute noch beantragen. 
Sie haben jetzt die Erklärung dafür, daß ich zögerte, meinen 
Argwohn überhaupt auszusprechen." 
Der General nickte beistimmend. Sein Antlitz schaute 
düster vor fich hin; man sah es ihm an, wie ihn das Gefühl 
der Ohnmacht erbitterte. 
„Ich traue es auch der Tochter des alten Miltiz nicht 
zu, daß sie zu einem Landesverräte die Hand gereicht haben 
sollte," sagte er, „ebenso wenig aber auch dem Fräulein von 
Rohr, obschon ich zugeben muß, daß ihre Neigung für einen 
Offizier des Feindes Ursache zum Argwohn geben kann, wenn 
Sie fich darin nicht täuschen! — — — Aber bei allen 
Heiligen, die Schande ist nicht zu ertragen, daß die Königin 
im eigenen Lande nicht wagen darf, Verrat zu untersuchen! 
Der Brandenburger Kurfürst ist als Feind des Reiches erklärt; 
er hat fich rebellisch aufgelehnt gegen seinen Lehnsherren; er 
spielt, trotzend auf rohe Gewalt, hier in Sachsen den Gebieter, 
nachdem er durch heimtückischen Ueberfall das Land mitten im 
Frieden überrumpelt hat; er raubt die Archive, nachdem be 
zahlte Verräter ihm Kenntnis voit diplomatischen Verhand 
lungen gegeben; er spricht den heiligsten Rechten Hohn, und 
wir bulden das, wir find Männer, und lassen uns verhöhnen 
und knechten! Beriet, wenn der Mann die Augen schlöffe, 
wäre viel Blutvergießen erspart; in ftüheren Zeilen machte 
die Reichsacht auch Fürsten vogelfrei. — Ich wollte, es fände 
fich ein kecker Gesell, der für eine Hand voll Gold die Welt 
von diesem Friedensstörer befreite!" 
„Es wäre das ein S.gen für Europa, aber wir leben 
nicht in Italien, wo man Banditen findet, die etwas wagen 
und schweigen, wenn die That mißlingt." 
„Wenn es gerade Italiener sein müßten, die man braucht, 
so dächte ich, wären solche auch in Dresden zu haben," ver 
setzte der General mit eigentümlicher Betonung, als glaube 
er, Robert könne das brauchbare Subjekt finden. 
Berlet schaute betroffen auf. Er hatte die Worte des 
Generals wie einen in Groll und Bitterkeit hingeworfenen 
Gedanken aufgefaßt, über den man sprechen kann, ohne die 
Ausführung zu erwägen. Es ist etwas anderes, die Vorteile 
zu erwägen, die der plötzliche Tod eines Feindes bringen 
könnte, als sich dem Gedanken hinzugeben, einen Mord, einen 
Königsmord zu planen. 
Der General lächelte düster, als er den Blick Roberts 
bemerkte. 
„Sie erschrecken vor meiner Idee," sagte er, „ich aber
        
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