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Periodical volume 10. Juni 1893, No. 37.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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jungen Kavaliere hatte kaum bemerkt, daß sich die Galerien 
mit hübschen Bürgertöchtern füllten, als er auch schon hinauf 
schlich und mit ihnen auf ziemlich derbe Art zu schäkern be 
gann; man wußte erst, nicht wie man sich dergleichen von 
einem solchen vornehmen Herrn verbitten sollte, und schwieg 
still. Als er aber ein frisches Bürgermädchen ungeniert auf 
den Mund küßte, holte die zu einer derben Ohrfeige aus, und 
gleichzeitig ergriffen ein paar kräftige Fäuste den Burschen 
und warfen ihn ohne weiteres die Stufen hinab. Die Fäuste 
aber gehörten niemand anders als Jochen Rasmus, der seine 
Nichte vor den Angriffen des hochfeinen Kavaliers schützen 
wollte. Jetzt gab es gewaltigen Skandal. Der Herabgestürzte 
verlangte die sofortige Arretierung des groben Bürgers, und 
obwohl sich einige Stimmen für diesen erhoben, ward er doch 
von einigen Schweizern ergriffen und dem Büttel übergeben. 
Herr von Besser pries seine Klugheit, die ihn gleich von 
vornherein gegen die Einladung des Volks hatte sprechen 
lassen, verstand aber geschickt die allgemeine Aufregung zu 
beseitigen, indem er das Zeichen zur Fortführung der Vor 
stellung gab. Die Trompeter bliesen vom Orchester herab 
auf den Feldhörnern eine schmetternde Fanfare; bei ihrem 
Klange erschien diesmal aus der Versenkung ein Krieger in 
römischem Gewände, bewehrt mit Schild und Speer; er ver 
neigte sich würdevoll und gab alsdann mit lauter Stimme 
den Inhalt des nächsten Bildes an. 
„Feyerliche Enthüllung der Bildseule des glorwürdigen 
Durchlauchtigsten, Großmächtigsten Fürsten und Herrn, Herrn 
Friedrich Wilhelm des Großen, zu seinem und seiner unsterb 
lichen Heldenthaten ewig währendem Andenken, wie solche 
Se. Königliche Majestät haben setzen und aufrichten lassen und 
bestimmten deroselben Geburtstag dazu, solche mit besonderen 
Ceremonien öffentlich einzuweihen." 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus drm fürstlichen Familienleben des vorigen 
Jahrhunderts. 
Von Herrrrrirh Magner. 
(2. Fortsetzung.) 
Das junge Ehepaar verließ nach einiger Zeit Erlangen 
und siedelte nach Prag über. Hier mußte man, um die 
drängenden Gläubiger zu befriedigen, das Silberzeug teils 
verkaufen, teils verpfänden. In Wien, wohin man sich nun 
wendete, wurden aus demselben Grunde die beiderseitigen 
Schmucksachen veräußert, und schließlich suchte man das kleine, 
billige Städtchen Oedenburg in Ungarn auf. Wiederholte 
Versöhnungsversuche zwischen Vater und Sohn waren an der 
Hartnäckigkeit des ersteren gescheitert, und auf einen Brief der 
Markgräfiii an ihren Schwiegervater, in dem sie den Wunsch 
bezeigte, ihn zu besuchen und mit dem Sohne auszusöhnen, 
antwortete er, daß er zwar die Ehre aufs tiefste erkenne, die 
sie ihm und der ganzen Familie dadurch erwiesen hätte, daß 
sie seinem Sohne ihre Hand gereicht; daß er nichts mehr 
wünsche, als daß sie diesen Schritt nie bereuen möge, und 
daß es ihm einen großen Trost gewähren würde, wenn er so 
glücklich sein könnte, ihr mündlich seine Ehrfurcht und Hoch 
achtung bezeigen zu dürfen: allein was seinen Sohn beträfe, 
so vermöge er sich nicht zu entschließen, jemals einen Menschen 
wieder zu sehen, der ihn stets nur gekränkt und betrübt habe. 
Selbst ein plötzlicher Ueberfall von seiten des Ehepaares 
in Roßwaldau, dem Sitze des Vaters, mißlang; denn der 
alte Graf, von dem Anzuge seines Sohnes mit der gesamten 
Dienerschaft rechtzeitig benachrichtigt, ließ alle Zugänge zu 
seinem Schlosse verrammeln und entbot seine Nachbarn, ihm 
im Falle eines gewaltsamen Angriffes Hilfe zu leisten. 
Soweit kam es nun freilich nicht, denn der junge Hoditz wußte 
sich durch eine einsame Parkthür, die nach dem Acker hinaus 
führte, Eingang in das Besitztum seines Vaters zu verschaffen, 
der nun sofort nach den oberen Zimmern des Schlosses flüchtete 
und die hinaufführenden Treppen verbarrikadieren ließ. Auf 
die Meldung von der Ankunft der Markgräsin, ließ er ihr 
von neuem seine unbegrenzte Ehrfurcht versichern, blieb aber, 
den Sohn anlangend, dabei, ihn zu allen Teufeln zu wünschen. 
Dieses außergewöhnliche Verhältnis dauerte ziemlich zwei 
Monate, während welcher Zeit die Botschaften täglich er 
neuert wurden, aber auch immer wieder dieselbe Antwort von 
dem alten Herrn zurückkam. Um diesem Zustande ein Ende 
zu machen, ersann der junge Graf eine neue List. Er ließ 
seinem Vater sagen, er hätte sich entschlossen, mit seiner Ge 
mahlin innerhalb drei Tagen Roßwaldau zu verlassen, da er 
zu der Ueberzeugung gelangt sei, nie so glücklich sein zu 
können, seinen Unwillen zu besänftigen. Da es jedoch sehr 
auffallend sein würde, wenn die Fürstin Roßwaldau wieder 
verlassen würde, ohne ihn gesehen und gesprochen zu haben, 
so wolle er, um diese notwendige und schickliche Zusammenkunft 
zu erleichtern, den ganzen folgenden Tag sich entfernt halten 
und dieserhalb eine Jagdpartie unternehmen. — In der That 
ritt Hoditz am nächsten Morgen mit Jägern und Hunden, 
laut lärmend, von dannen, und als nun gegen Mittag der 
alte Graf sich überzeugt hatte, daß die Fürstin allein war, 
sandte er zu ihr, um sich die Ehre auszubitten, ihr seinen 
Besuch machen zu dürfen, worauf er dann, nachdem er ihre 
Antwort erhalten hatte, sich in seinem Lehnstuhl in ihr Zimmer 
tragen ließ. 
Die Unterhaltung knüpfte sich hier bald und zu beider 
seitiger Zufriedenheit an, so daß der alte Graf immer mehr 
und mehr von der Liebenswürdigkeit seiner fürstlichen Schwieger 
tochter ergriffen wurde, als sich plötzlich Pferdegetrappel auf 
dem Hofe vernehmen ließ. Der alte Graf, sofort ahnend, daß 
sein Sohn zurückgekehrt sei und ihn überfallen wolle, vergaß 
seine Gicht, sprang auf und erhielt wirklich vor Schreck und 
Aufregung für kurze Zeit den jahrelang verlorenen Gebrauch 
seiner Glieder wieder. Uebrigens hatte er sich nicht getäuscht; 
es war wirklich sein Sohn, der unvermutet zurückgekehrt war, 
nun aber nichts als den leeren Tragsessel seines Vaters vor 
fand. Nun schien alle Hoffnung verloren zu sein; der Sohn 
sagte in einem Billet an seinen Vater diesem auf ewig Lebe 
wohl und äußerte dabei: „daß, wenn er auch nicht den höchsten 
Wunsch seines Herzens hätte erreichen können, Verzeihung von 
seinem ehrwürdigen Vater zu erhalten, er doch wenigstens den 
Trost mit fort nehme, ihn von seinem vieljährigen Uebel ge 
heilt zu haben." Dieser Scherz brachte den Vater zum Lachen 
und entwaffnete endlich dessen Zorn. „Ich sehe wohl," sprach 
er, „daß ihn nichts in der Welt ändern wird, und daß ich ihm 
seine tollen Streiche wohl werde vergeben müssen. Geht und 
sagt ihm, er könne zu mir kommen." So bewirkte also eine 
ziemlich leichtfertige Phrase, was langes Bitten nicht hatte zu 
stände bringen können.
        
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