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Periodical volume 3. Juni 1893, No. 36.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

HB 430 fr- 
dieser Zeit bitteren Not machte sie die Bekanntschaft des jungen 
mährischen Grafen Albrecht von Hoditz, des Sohnes und 
einzigen Erben eines sehr reichen oberschlesischen Grundbesitzers. 
Sie muß wunderbare Reize und ein bestrickendes Wesen besessen 
haben, denn trotz ihrer 51 Lebensjahre, (sie war geboren 1683,) 
wußte sie den nur 23 Jahre alten Grasen so zu fesseln, daß 
dieser sie entgegen dem Willen seines Vaters und dem ent 
schiedenen Veto des Markgrafen alsbald zum Altar führte. 
Die Strafe für diesen Eigensinn oder. Ungehorsam blieb nicht 
aus. Zunächst verbot der Markgraf die Auszahlung der 
Witwengelder an die jetzige Gräfin Hoditz, einmal, weil sie 
sich wieder verheiratet hatte, dann aber vornehmlich, weil sie 
diesen Schritt ohne seine bestimmte Erlaubnis gethan; des 
Grafen Vater aber wollte nicht einmal das junge Paar sehen, 
noch weniger besondere Geldopfer für dasselbe bringen. Unter 
solchen Umständen fehlte es dem jungen Hausstand bald an 
Geld. Solche Verlegenheiten trüben am ehesten den Rausch 
jeder jungen Ehe, der hier um so schneller sich verflüchtigte, 
als die Frau doch schon zu weit über die Jahre der Romantik 
und des Zaubers hinaus war, der Graf aber ein Tollkopf 
und Verschwender war, und die Neigungen der beiden Gatten 
wenig oder gar nicht mit einander harmonierten. 
Schon die Jugendjahre des Grafen boten eine Kette von 
Thorheiten und tollen Streichen, welche ihm das Wohlwollen 
seines alten Vaters total verscherzt hatten. Nach seiner 
vollendeten Erziehung in einer Pension, wo er auch mit seinen 
Genossen viele Ungehörigkeiien angestiftet hatte, ging er nach 
damaliger Sitte auf Reisen und erhielt später von Kaiser 
Karl IV. die Kammerherrnwürde. Jetzt setzte Hoditz seiner 
Verschwendung keine Grenzen mehr und überbot sich in der 
Ausführung toller und verwegener Streiche. So hatte er 
seinem Kuischer befohlen, keinem, wer er auch sei, auszuweichen. 
Eines Tages ärgerte er sich über eine alte, schwerfällige 
Karrete, die in einer der Straßen Wiens langsam vor ihm 
herfuhr. Er gab seinem Kutscher einen Wink, und. geübt, wie 
dieser in dergleichen Dingen war, fuhr derselbe nun so hart 
au den alten Kasten an, daß dieser umstürzte. Hoditz, der 
nun neugierig war, zu sehen, welchem Landjunker er einen 
Streich gespielt hatte, erkannte mit Schrecken in dem allen 
Herrn, der mühsam aus dem zerbrochenen Kasten herauskletterte, 
seinen Vater, mit dem er schon seit langer Zeit keine Briefe 
mehr gewechselt, und der jetzt nach Wien gekommen war, um 
sich sowohl nach seinem Sohne zu erkundigen, als auch um 
dem Kaiser seine Ehrfurcht zu beweisen. Vergebens ent 
schuldigte der junge Mann seine Unart; der Vater war so 
empört über diesen abermaligen Beweis seiner Wildheit, daß 
er nichts hören wollte, hoch und teuer schwur, ihn nie wieder 
sehen zu wollen, und ihn zu allen Teufeln wünschte. 
Der junge Hoditz, welcher in Saus und Braus sein 
mütterliches Vermögen in kurzer Zeit verschwendet hatte, glaubte, 
durch die Verheiratung mit der Markgräfin Sophie wieder in 
glänzende Vermögensverhällnisse zu gelangen; allein seine Hoff 
nung erwies sich als eine verfehlte. Der alte Hoditz gab zur 
Unterhaltung des Hausstandes nur das Allernotwendigste her 
und weigerte sich entschieden, ~ofr und Schwiegertochter zu 
empfangen. 
(Fortsetzn,. Ugt.) 
Das Opfer. 
Eine Volkssage aus der Priegnitz. 
Als der Tauwind durch die Lande 
Brausend fuhr, auf Thal und Höh 
Jäh zerschmelzend Eis und Schnee, 
Sprengend strengen Winters Bande, 
Schwoll das Wasser in den Flüssen, 
Schwoll von reichen Regengüssen 
Hoch und immer höher auf. 
Jetzo aus des Stromes Lauf 
War die Flut, die schmutzig gelbe, 
In der Sturmnacht unheilschwer 
Hingeströmt, das Thal der Elbe 
Wandelnd in ein Wogenmeer. 
Durch des Dorfes breite Zeile 
Rennt das Volk in wilder Hast, 
Daß dem ungestümen Gast 
Hemmend es entgegeneile. 
Rüst'ge Männer, schwache Frauen, 
In den Mienen Furcht und Grauen 
Greise selbst und Kinderschar 
Treibt die drohende Gefahr. 
Und auf eines Hügels Hebung 
Rasten sie im Morgengraun, 
Wo sie weit hin die Umgebung, 
Weithin die Verwüstung schaun. 
Wasser rings, ein Meer von Wellen 
Deckt das friedliche Gefild, 
Und man sieht die Wogen wild 
Vorwärts rasen, höher schwellen. 
Zu des Dorfes stillen Hütten 
Drängen sie mit Riesenschritten; 
Sturmgepeitscht treibt Strauch und Baum 
In der Fluten Schlamm und Schaum. 
Ratlos vor den Elementen 
Steht das Volk, starrt machtlos drein; 
Die hier einzig helfen könnten. 
Sind die Götter nur allein. 
Und mit hoch crhobnen Händen 
Betend tritt der Priester Chor 
Aus des Volkes Kreis hervor. 
Und es knieen hin die Wenden, 
Flehn voll Inbrunst zu den Göttern, 
Daß sie ihnen zu Errettern 
Werden möchten in der Not, 
Scheuchend Flut und Wellentod. 
Doch der Heiden heilige Götzen 
Rührt kein Bitten, kein Gebet; 
Höher steigt nur das Entsetzen 
Mit der Flut, die vorwärts geht. 
„Wehe uns! Die Götter grollen," 
Klingt es von des Priesters Mund, 
„Keine Hilfe wird uns kund, 
Glaubt, daß sie ein Opfer wollen. 
Nur ein Opfer, frei gegeben, 
Rettet Heimat uns und Leben. .
        
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