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Periodical volume 27. Mai 1893, No. 35.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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meistens kein Pflaster, die Bürger mästeten noch behaglich ihre 
Schweine und warfen den Dung auf die Straße; an der 
Langen Brücke, dicht am Schloß, ritten die Knechte die Pferde 
in die Schwemme, und der Unrat belästigte durch seinen Geruch 
die Nasen der Schloßbewohner; endlich setzte man eine Strafe 
von fünfzig Thalern auf die Verunreinigung der Umgebung 
des Schlosses. Wo heutzutage die elektrischen Lampen ihr 
Helles Licht in die Dunkelheit hiuausstrahleu, da herrschte 
damals gefährliche Dunkelheit; erst durch kurfürstliche Ver 
ordnung ward anno 1679 befohlen, daß aus jedem dritten 
Hause eine Laterne mit einem brennenden Licht herausgehängt 
würde, und drei Jahre später setzte man unter großem Wider 
spruch der aufgeklärten Berliner diese Laternen auf Pfähle. 
Wo heute der Lustgarteu mit freundlichen Büschen, Rasenflächen 
und Springbrunnen das Auge des Spaziergängers erfreut, 
da sandte eine sumpfige Wildnis ihre Düfte aus; aber jetzt 
erschienen holländische Gartenkünstler und italienische Grottierer, 
bald erstreckten fich hier Blumen- und Obstgärten; nach der 
Seite hin, wo heute die Musenmsbauten den Lustgarten ab 
schließen, erhob sich die Orangerie, nicht weit davon die Grotte, 
ein zierlicher Bau in holländischer Renaissance; die Stelle des 
jetzigen Doms nahm die Bibliothek ein, der damalige Dom 
oder „Tum" ragte mit seinen spitzen Türmen an der West 
seite des heutigen Schloßplatzes empor. Vergeblich hätte man 
den prächtigen Kuppelbau des Schlosses in jener Zeit gesucht, 
vergeblich die ganze Westfront. Sie wurde gebildet durch 
eine niedrige Galerie, welche fich vom Tilm bis an die Stelle 
hinzog, wo heute die Säule mit dem Adler steht, damals der 
Standpunkt des vielberufenen Münz- oder Wasserturms. 
Diese Westseite also lag zu jener Zeit ganz frei, und der Blick 
von ihr aus war kein besonders freundlicher, standen doch erst 
wenig Gebäude auf dem Friedrichswerder: Dienst-, Jagd- und 
Zeughäuser; statt der heutigen Schloßbrücke sah man eine 
elende hölzerne Brücke mit Aufzugsklappen, Hundebrücke ge 
nannt, weil über sie die Meute zog. wenn der Fürst zur Jagd 
ritt. Wer sie überschritt, befand sich noch in der inneren Be 
festigung, erst weiter hinten begannen die Linden, die damals 
nur bis etwa zur heutigen Schadowstraße führten und in den 
mächtigen Tiergarten überleiteten; sie erinnerten mit ihren 
niedrigen Häusern an eine Dorfstraße. 
Der Kurfürstin behagte diese nächste Umgebung nicht, und 
um die Nachbarschaft zu verschönern, bat sie ihren Gemahl 
um die Erlaubnis, den wüsten Strich zwischen Hunde- imd 
Schleusenbrücke zu Baustellen umwandeln zu dürfen. 
Friedrich Wilhelm ging bereitwilligst auf ihren Plan ein, 
ließ die Baustellen abteilen und beauftragte seinen Ingenieur 
Memhardt mit der Ueberwachung der Ausführung. Die Bau 
stellen hätten eigentlich zu dem am anderen Ufer liegenden 
Städtchen Friedrichswerder gehört, ihre Besitzer setzten aber 
ihren Stolz darin, unter die Verwaltung des kurfürstlichen 
Hausvogts gestellt zu werden, und der Kurfürst gewährte ihnen 
dies Privileg durch eine Urkunde, „geben Cölln an der Spree, 
den 4. Juni 1672". Die „Freiheit" von allen bürgerlichen 
Lasten gab denn auch der Häuserreihe den Namen für alle 
Zeiten. 
Aus den ursprünglich niederen Häusern, die wahrscheinlich 
aus rohen Ziegeln in dem bei Hof so sehr beliebten holländischen 
Stil aufgeführt wurden, entstanden schließlich hohe Miets- 
Wo» Nähe man von den Fenstern des allmählich 
hochgestiegenen Schlüterschen Prachtbaues aus bald lästig 
empfand, und wie man diese Häuser ursprünglich als eine 
Verschönerung angesehen hatte, so erblickie mau in neuester 
Zeit in ihnen eine Verunstaltung und Beeinträchtigung. Die 
Zeiten sind längst vorüber, als man sich dort oben über das 
zunehmende werktägliche Treiben mir das Schloß herum und 
die Geschäftshäuser als ein Zeichen wachsenden Wohlstandes 
freute. Und geschäftig ging es auf der schmalen Schloßfreiheit 
zu. Auf dem Damm rollten die Wagen einher, in buntem 
Gedränge eilten auf dem Bürgersteig die Leute entlang, 
namentlich um die Zeit, wo die Geschäfte geschlossen wurden; 
da schritten die kleine Ladenmamsell, der Handlungsdiener und 
andere fleißige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft rasch 
an den Häusern hin, die mit ihren hellen Scheiben die Straße 
erleuchteten und einen kleinen Bazar von allen nur denkbaren 
Sachen beherbergten. Hier gab es Bilder und Juwelen zu 
kaufen, Vogelbauer und Kaffeekuchen, Gipsfiguren und Bücher, 
Taschenuhren, Fünfzigpfennigwaren, und in den Kellerhälsen 
boten die Obsthändler ihre duftende Ware feil. 
Das wird nun alles aufhören, alle die Händler werden 
bald verschwunden sein, aber mit ihnen noch eine ganze Schar 
anderer kleiner Wesen. Das find die kleinen Geisterchen, 
welche über zweihundert Jahre in den Schlupfwinkeln der 
Schloßfreiheit gewohnt haben, in den tiefen Kellern und Ge 
wölben, auf den weiten Treppenfluren, den staubigen Dach 
böden, in den altmodischen Kaminen. Solcher Geister giebt 
es von alters her besonders im Schloß. Soll ich erinnern 
an den unheimlichsten von ihnen, an die weiße Frau? Sie 
wohnt dort oben in einem ganz abgelegenen Gemach, zu dem 
niemand den Schlüssel hat. Leise öffnet sich die Thür, wenn 
sie ihre Behausung verläßt, unhörbar schwebt sie den dämmerigen 
Korridor entlang und erschreckt die wachestehenden Grenadiere. 
Es ist ja noch gar nicht so lange her, daß man sie gesehen 
hat. Damals, in den trüben Märziagen 1888, als der greise 
Kaiser Wilhelm das müde Haupt zum ewigen Schlummer 
legte, und nach neunundneunzig Tagen wieder, als der edle 
Dulder Friedrich von seinem Schmerzenslager erlöst wurde. 
Nun hat sie hoffentlich für lange, lange Zeit Ruhe! 
Aber glücklicherweise giebt es auch viele heitere Geister 
in der alten Königsburg, ein lebenslustiges Völkchen, zu aller 
hand Kurzweil aufgelegt. Zuweilen wird ein nächtlicher Ball 
im Weißen Saal abgehalten, da geht es dann hoch her. Es 
liegt auf der Hand, daß diese kleine Gesellschaft, welche bei 
Hof verkehrt, allmählich etwas vornehm geworden ist und eine 
gewisse Etikette beobachtet; so giebt es wirkliche geheime Hof 
geister. welche mit Excellenz anzureden sind, geheime Hof- und 
Kammerdämchen, und so von oben herab bis auf den niedrigsten 
Alraun, der sich immerhin als königlich betrachtet und mit 
Verachtung auf so einen plebejischen Alraun etwa vom alten 
Mühlendamm oder Krögel herabsieht. 
Mit dem kleinen Geistergestndel der Schloßfreiheit ver 
trugen sich die vom Schloß sehr gut; freilich, so ganz konnte 
man sie nicht zum Schloß gehörig rechnen, aber sie hatten ja 
von vornherein unterm Schloßvogt gestanden, und so be 
trachtete man z. B. eine Verschwägerung nicht unbedingt als 
Mesalliance. Man besuchte fich gegenseitig, lud sich ein und 
tauschte fleißig allen Klatsch zwischen Schloß und Stadt aus, 
und davon gab es ja von jeher eine schwere Menge. Große 
Bestürzung erregte es daher auch im Schloß, als die Kunde
        
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