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Periodical volume 13. Mai 1893, No. 33.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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„Unmöglich!" ruft Brühl und starrt den Offizier an. 
„Das wäre Landfriedensbruch — das wäre Verrat!" 
„Was giebt's?" fragt der König abermals. 
„Majestät!" meldet der Offizier, „die Preußen haben am 
29. August unsere Grenze überschritten. Sie sind schon in 
Leipzig, auch das Schloß Stolpe ist genommen." 
„Was heißt das — die Preußen im Lande, und Sie 
wußten das nicht, Brühl?" 
„Majestät!" meldet der Offizier, „die Preußen sind mit 
drei Kolonnen ins Land eingebrochen, Seine Excellenz er 
hielten schon die Meldung, daß sie Torgau und Wittenberg 
genommen haben." 
Die Königin ward totenbleich, ihr Blick schien Brühl 
zermalmen zu wollen. Der König hatte einen Ruf des 
Schreckens ausgestoßen und saß da. die Augen auf den Boden 
geheftet, wie ratlos und vernichtet. Graf Brühl zerknitterte 
die Depeschen in seinen Händen, er sprach kein Wort. 
„Was ist zu thun?" fragte der König endlich. „Maltzahn 
sprach von Neutralität, von einem Durchzuge der Preußen 
durch Sachsen." 
„Es giebt keine andere Antwort," rief die Königin, sich 
erhebend, „als die Kriegserklärung an den Mann, der den 
Reichsfrieden gebrochen, ihm gebührt die Acht. Rufen Sie 
die Armee zu den Waffen, mein Gemahl!" 
Der König erhob sich. Jetzt dachte auch er nicht mehr 
daran, das Fest fortgesetzt zu sehen, jetzt waren die Geschäfte 
doch wichtiger als die Zerstreuung. Gras Brühl geleitete den 
König zum Wagen. 
Die Königin warf einen Blick um sich, als sie den Saal 
verließ, als wolle ihr Auge es aus den Mienen der Gäste 
lesen, wer in der Not zum Throne stehen werde. Sie sah 
überall die Zeichen der Bestürzung und der Mutlosigkeit. Es 
war ja einem jeden bekannt, daß Graf Brühl die Präsenzzahl 
der Truppen vermindert hatte, daß nichts zu einem Kriege vor 
bereitet sei, die gedrückte Stimmung aller war erklärlich. Da 
begegnete ihr Blick dem Auge Auroras; das junge Mädchen 
schaute auf die Königin mit einer Begeisterung, die um so 
glühender war. je ekelhafter und widerlicher ihr die Nieder 
geschlagenheit der Stützen des Thrones erschien. Die Königin 
verstand, was ihr der Blick Auroras sagte, sie fühlte, daß 
dieses Mädchen mutvoller als mancher Mann ihr in diesem 
Augenblicke Treue geschworen. Ihr Auge winkte Aurora heran. 
„Die Zeiten find nicht dazu angethan." sagte sie, „daß 
ich meinen Hofstaat vermehre, und es ist kaum eine Gunst, 
wenn ich heute jemanden in meinen Dienst berufe. Es stehen 
uns schwere Stunden, trübe Tage bevor. Sie sind noch 
völlig frei —" 
Die Königin unterbrach sich, sie fühlte, daß sie Aurora 
verletze. 
„Majestät," rief das junge Mädchen, „ich erflehe es als 
eine Gnade, in Ihren Dienst treten zu dürfen, und ich wollte, 
ich könnte Gut und Blut Ihrem Dienste weihen." 
Maria Josephe drückte die Hand Auroras. welche die 
ihrige ergriffen, unr sie zu küssen. 
„Was halten Sie vom Grafen Brühl?" flüsterte sie. 
„Wird er uns vor größerer Demütigung schützen?" 
„Er ist feige, Majestät," lautete die Antwort Auroras, 
obwohl die Gräfin Ogilvy in der Nähe war und die Worte 
hörte, „er zitterte, wo sein Blut hätte wallen sollen in Zorn 
und Empömng." 
Aurora sprach es aus, was alle im Saale gefühlt hatten. 
Das Regiment Brühls schien mit einem Schlage gebrochen, 
denn ihm allein dankte Sachsen, daß es verraten, gedemütigt 
und wehrlos war. 
Die 18 000 Mann starke sächsische Armee erhielt noch an 
demselben Abend Befehl, sich in das feste Lager bei Pirna 
zurückzuziehen. Graf Brühl führte den König nach dem 
Königstein, damit er dort inmitten seiner Truppen sei, wenn 
die österreichische Hilfe gestatten werde, Friedrich anzugreifen. 
Maria Josephe jedoch weigerte sich, zu fliehen, sie blieb mit 
ihrem Hofstaate in Dresden und erklärte, es abwarten zu 
wollen, ob der „Marquis von Brandenburg" es wagen werde, 
sie anzutasten. 
14. Kapitel. 
Der Einmarsch Friedrich II. in Sachsen sollte den sieben 
jährigen Krieg eröffnen, einen Krieg, der aus dem. kleinen 
Preußen eine Großmacht, der Friedrich zum Lenker der Ge 
schicke Europas, ihn aber auch zum alten Manne machen sollte. 
Das Bündnis Oesterreichs mit Frankreich war ein unerwartetes 
Ereignis, das nur durch den Haß gegen Friedrich zu erklären 
war. Das Hinzutreten Rußlands zu diesem Bündnis aber 
sollte die bisherige Freundschaft zwischen England und Ruß 
land brechen, welche auf gemeinsamen Handelsinteressen be 
ruhte. Außer England standen nur Hannover, Hessen, Braun 
schweig, Sachsen-Gotha und Lippe-Bückeburg zu Preußen. 
Gegen Friedrich erhob sich fast das gesamte übrige Europa 
in Waffen, aber mit unerschütterlichem Mute entfaltete der 
große König seine Fahnen, um denen zuvorzukommen, die ihn 
überfallen wollten. Am 29. August 1756 brach er mit 
60 000 Mann in Sachsen ein, Herzog Ferdinand von Braun 
schweig marschierte über Halle, Leipzig, Freiberg, Dippoldis 
walde, Herzog von Braunschweig-Bevern ging durch die Lausitz, 
der König selbst und Marschall Keith rückten über Torgau auf 
Dresden. 
Am 9. September besetzte der König Dresden und nahm 
sein Hauptquartier im Palais der Gräfin Moszinska, er ließ 
der Königin-Kurfürstin durch Keith sein Kompliment machen. 
Die sächsische Armee unter dem Grafen Rutowski, der es au 
Munition und Lebensmitteln gebrach, hatte sich ins Lager bei 
Pirna gezogen, Brühl folgte dem Könige August nach dem 
Königstein. 
Friedrich II. ließ dem Könige mit ironischer Höflichkeit 
melden, daß er befohlen habe, Vorspannpferde bereit zu halten, 
wenn August HL für gut befinde, nach Polen zu gehen, 
wozu jetzt Zeit sei, da sich dort der Reichstag versammle. 
Er versprach der königlichen Familie und den Behörden seinen 
Schutz, nur nahm er den Mann aus, der „zu tief unter ihm 
stehe, um ihn zu nennen, den Minister, dessen Ränke den 
Krieg verschuldet." 
Als die Kunde durch Dresden lief, die Preußen seien in 
Sachsen eingerückt und der Hof flüchte, kam Mentzel in das 
Haus des Obersten v. Miltiz, denselben zu bitten, daß er sich 
während seiner Abwesenheit seiner Familie annehme, er werde 
mit der Kanzlei dem Minister Grafen Brühl folgen müssen. 
Toni starrte den Kanzlisten betroffen an. Ihr Antlitz glühte 
noch in der Erregung über die Nachrichten, welche das Zu-
        
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