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Periodical volume 13. Mai 1893, No. 33.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

XIX. 
Jahrgang. 
M 33. 
herausgegeben von 
Friedrich Wlleffen und Richard George. 
13. Mai 
1893. 
Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanstalt (No. 70y), Buchhandlung und 
Zeitungsspedition für 2 Nlk. 50 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
levvai und Treue. 
Historischer Roman auS der Zeit des 7 jährigen Krieges von G. A. von glcircmrcrtij. 
(19. Fortsetzung.) 
P ie Gewitterschwüle lastete es auf allen Anwesenden, 
als sie diese Nachricht von unberechenbarer Tragweite 
vernahmen; so ungeheuerlich klang die Botschaft, so unerwartet 
kam fie, daß man die drohende Gefahr noch gar nicht begriff. 
Die Königin allein beherrschte das in ihr tobende Gefühl so 
sehr, daß fie mit ihrer Schwiegertochter ein gleichgiltiges Ge 
spräch begann, als würde fie, wenn es nach ihrem Willen 
ginge, den Gesandten und seine Botschaft völlig ignorieren. 
Graf Brühl hatte völlig die Faffung verloren und schien nur 
daran zu denken, wie er den König entfernen, den Eindruck 
dieser Scene bei ihm verwischen könne, als sei die Antwort 
an Maltzahn Nebensache, als sei nicht das Wohl des Landes, 
sondern nur die gute Laune des Königs bedroht. 
„Ich werde Se. Majestät, Ihren König, meine Antwort 
wiffen lassen," sagte August HL, „ich habe jetzt keine Zeit 
zu Geschäften." 
Der Gesandte verneigte sich und verließ den Saal, wie 
er gekommen war. 
Das Wort des Königs zeigte Brühl, was er zu thun 
habe. Auf seinen Wink öffneten sich die Thüren zu den 
Speisesälen, Fanfaren ertönten und luden zur Tafel. Der 
Zug des Hofes ordnete sich, als habe man nicht den Glockenton 
vernommen, der das Beginnen einer ernsten Periode der 
Weltgeschichte verkündete, als müffe der eherne Gang der 
Weltereigniffe warten, bis Se. Majestät „Zeit zu Geschäften" 
habe. 
Das goldene Tafelgeschirr blitzte, die Gläser funkelten, 
es duftete verlockend aus dampfenden Schüsseln, die Musik 
spielte auf, als wolle fie die Gedanken an den Spuk ver 
scheuchen, mit dem das Auftreten des Gesandten dreist und 
eigenmächttg das Fest gestört. 
Der König hob das Glas, welches ihm der Oberhof 
meister gefüllt. 
„Auf das Wohl unserer guten Freunde und ihr Glück!" 
rief der König. „Ich trinke auf das Wohl Ihrer Majestäten 
der Kaiserin aller Reussen, auf das Wohl der Könige von 
Frankreich und von Schweden, der erhabenen Alliierten der 
erlauchtesten Kaiserin Maria Theresia. Möge das gute Recht 
siegen, das die Fürsten Europas mit uns verbindet!" 
Die Staatsräte schauten einander ftagend und bedenklich 
an; für fie war es eine Neuigkeit unglaublicher Art, von 
diesem Bündnis zu hören, das Maria Theresia mit Frankreich 
vereinen sollte. Es erschien ihnen zu gewagt, daß der König- 
Kurfürst so offen seine Parteistellung gegen Preußen bekundete, 
aber die Säbel der Offiziere klirrten zum hellen Klange der 
Gläser, jubelnd scholl der Hochruf durch die Säle, und die 
Augen Maria Josephes strahlten befriedigt. 
Da naht ein Page deni Grafen Brühl und überreicht 
ihm eine Depesche. Graf Brühl zuckt erschrocken zusammen; 
es mahnt ihn diese Depesche an die noch unerbrochenen Briefe, 
welche ihm Kuriere gebracht hatten, und er vergißt nicht nur, 
dem Pagen die Ungehörigkeit zu verweisen, er verletzt selbst 
die Etikette, er erbricht das Schreiben. 
„Was giebt's?" fragt der König, als er seinen Minister 
erbleichen sieht. 
„Majestät," stottert der Graf, und seine Hände, welche 
die Depesche halten, zittern, seine Stimme bebt — „die 
Preußen —" 
Er vermag nicht weiter zu sprechen. Ein Offizier stürzt 
herein, bestäubt, wie er aus dem Sattel kommt, in Schweiß 
gebadet, atemlos eilt er auf den Minister zu und flüstert 
einige Worte.
        
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