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Periodical volume 6. Mai 1893, No. 32.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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vorgefunden. In der Herzensangst verleugnete er seinen, 
allerhöchsten Ortes nicht sehr geachteten Stand und gab sich 
für einen „Marseillereißer" aus. Der König befragte seinen 
General nach dieser ihm unbekannten Profession, worauf derselbe 
seine Weste aufknöpfte und mit den Worten: „Ew. Majestät 
sehen hier, was Marseille ist," auf sein Brusttuch zeigte. Der 
König wußte aber den Tanzmeister von einem Tuchmacher 
recht wohl zu unterscheiden und verurteilte den Ausreißer, 
vier Wochen hindurch bei den Aufhöhungsarbeiten am Weiden 
damm — Brandschutt zu karren. 
An der „Damm-Straße", wie der „Treckschuten - Damm" 
nunmehr genannt wurde, hatten sich um jene Zeit bereits 
Schiffbauer angesiedelt. Von Interesse dürfte zunächst die 
Mitteilung einiger Bestimmungen sein, die das, den Schiffbauern 
unterm 11. Juli 1735 anstelle des bisherigen allgemeinen 
Handwerker-Privilegiums für die bisher noch geschlossenen 
Zünfte erteilte „General-Privilegium und Gilde-Brief" enthielt. 
Hatte der Geselle als Meisterstück einen „Lichte-" oder 
„Spuhlkahn" angefertigt, so mußte er 4 THIr. in die Gewerbe 
kaffe zahlen; ferner sämtlichen Meistern wegen der zweimaligen 
Zusammenkünfte 1 Thlr. zur „Ergötzlichkeit," dem Beisitzer des 
Magistrats nnd dem Meister, bei welchem er das Meisterstück 
gearbeitet, je 1 Thlr. erlegen. 
Den Soldaten im Dienst, welche das Schiffbauer 
handwerk erlernt hatten, war es erlaubt, bei den Gewerks 
meistern zu arbeiten; die Abgedankten, Blessierten oder In 
validen sollten sich von ihrer erlernten Profession ehrlich er 
nähren, jedoch ohne Gesellen und Jungen. Eines Meisters 
Witwe konnte das Handwerk mit Gesellen fortsetzen; heiratete 
sie aber außer dem Gewerk, so hatte sie sich aller Schiff 
bauerarbeit zu enthalten und nur „von ihres anderen Mannes 
Nahrung zu leben". 
Nach der „Neuen Feuerordnung" vom 31. März 1727 
waren die Schiffbauer verpflichtet, in Gemeinschaft mit den 
Fischern auch die Aufsicht über die beiden am Wasser stehenden 
Prahm-Spritzen zu führen und die Reinigung derselben zu 
überwachen. Mit ihren Gesellen sollten sie im Notfall, wo 
es geschehen könnte, diese Spritzen herbringen, um andere 
Spritzen allenfalls auszufüllen; auch beim Probieren zugegen 
sein und sich dem Befehl der Vorgesetzten gemäß erzeigen. 
Während des Winters lag ihnen die Offenhaltung der Kanäle 
ob. damit die nötigen Feuergerätschaften an Ort und Häuser, 
wo es die Not erfordere, gebracht werden könnten. 
Bei ausbrechendem Feuer waren die Besitzer der Eck 
häuser verpflichtet, eiserne Kiehnpfannen auf Stielen in die 
Erde zu stecken, 'damit die zum Feuer Eilenden oder zum 
Waffer Fahrenden ihren Kiehn anstecken könnten, um nicht in 
Schaden zu kommen. Am Tage deutete eine Fahne, nachts 
eine brennende Laterne auf den Kirchtürmen die Richtung des 
Feuers an. Sobald die Lohe aufging, sollten die „Kunst 
pfeifer" dies durch Blasen der Hörner verkünden. 
(Fortsetzung folgt.) 
Fragment aus Keutingers TopographiaMarchiae. 
Ucbertragung aus dem lateinischen Urtext von Dr. Cctrl Kollo. 
(6. Fortsetzung.) 
Die dritte Mark ist die Neumark, jenseits der Oder, an 
grenzend an das Land der Kassuben und Polen, vierundzwanzig 
Meilen weit. Sie umschließt dreißig Städte. Früher war 
Soldin der Hauptort dieser Provinz, eine Stadt, die traurige 
Belagerungen, Treue gegen ihre Fürsten, Poleneinfälle und 
schlimmes Brandunglück berühmt gemacht haben. JmJahre 1530 
ist es ganz abgebrannt. 
Arnswalde erscheint groß durch Amtsgewalt, durch 
Wohlklang und Harmonie seiner in Intervallen musikalisch zu 
sammenklingenden Glocken, durch bürgerlichen Scharfsinn und 
durch Lebensgenuß. 
Landsberg an der Warthe zeichnet sich aus durch 
Vorrechte seines Rates, durch den Stadtsäckel, eine Roland 
säule, Schulen, Privatvermögen, Ehrbarkeit der Bürger, durch 
einen Hafen, Transithandel, Wollwebereien, einen mühsam er 
bauten Damm, Weinberge, Brauerei, Fischfang, Jahrmärkte, 
Verkehr mit Polen und Schlesien, endlich noch durch eine auf 
Pfählen ruhende Brücke. 
Königsberg, vom Gift innerer Unruhen erfüllt, ist doch 
nicht unglücklich, denn es hat Ackerbau, Werkstätten, Kirchen 
und Schulen. Gelernt hat es, Belagerung durch die Pommern 
mit Geduld zu tragen und sich mitten im Aufruhr die Ein 
griffe seines Landesherrn ruhig gefallen zu lassen. 
Bärwalde, durch Räubereien verrufen, berühmt durch 
den innerhalb seiner Mauern erfolgten Tod der Markgrafen 
Otto IV. und Waldemar, ist häufigen Bränden ausgesetzt ge 
wesen. Es ist eine Gründung Albrechts des Bären, 1150 ge 
schehen. Im Jahre 1540 brannte es ganz ab, und als es 
kaum wieder zu Kräften gekommen war, wiederholte sich der 
gleiche Unfall noch grausamer unter den Auspicien des wütenden 
Vulkans. 
Lippehne ist berüchtigt durch daselbst unter gewissen 
Ceremonien stattfindende Trinkgelage. 
Berlinchen (Berlinum novuin) führt seinen Ursprung 
zweifelsohne auf Albrecht den Bären zurück. 
Friedeberg ist durch diabolische Wunder bekannt ge 
worden. 
Woldenburg liegt an der polnischen Grenze nach Kalisch 
zu. Dies haben, nach den Kreuzrittern geleistetem Lehnseide, 
die Günterberg erworben. 
Neudamm (Thamum) hat sich, vermöge der Gunst 
Elisabeths von Braunschweig, Markgraf Johannes Eheweib, 
zu einem lebhaften Orte entwickelt. 
Mohrin, eine Komturei des Johanniterordens, ist von 
dem Schwedter Markgrafen herzugebracht und als Lehen des 
Ordensmeisters den Knobelsdorf unterthänig geworden. 
Bernstein, den Pommern von Markgraf Albrecht 1290 
mit Waffengewalt entrissen, ging aus Schenkung ebendesselben 
als Lohn tapferer Führung an die Waldow über. 
Falkenberg gehört den Bork. die, durch Markgraf Hans 
vertrieben, einen Prozeß gegen das Haus Brandenburg an 
gestrengt haben. 
Küstrin ist durch Kunst und Natur eine sehr starke und 
wehrhafte Festung. Hier trägt die Oder eine hölzerne Brücke.
        
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