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Periodical volume 6. Mai 1893, No. 32.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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Der Graf beeilte sich, in der Zeit, die ihm frei blieb, 
die Arrangements zu einem glänzenden Feste zu treffen, Be 
fehle an die Accisebeamten zur Abführung der Barbestände 
an die königliche Privatkaffe und Einladungen für das Fest 
zu erlassen, zu dem er vor allem den Baron v. Rohr mit 
seiner Tochter Aurora beorderte, als erfolge die Einladung auf 
besonderen Wunsch des Königs. 
Einige Stunden später stand ein Trompeterchor hinter 
den Böllern auf der Terrasse vor dem Palais des Ministers. 
Kanonenschüsse und Fanfaren sollten den eintreffenden Hof 
begrüßen. Eine lange Doppelreihe von Hausoffizieren, Be 
amten und Pagen in weißen, silbergestickten Uniformen war 
zum Empfange der Gäste aufgestellt. Tausende von Kerzen 
strahlten ihr Licht, Düfte tropischer Pflanzen wehten aus den 
prächtigen Sälen und Hallen den Gästen entgegen. Der Hof 
erschien, nachdem sich die glänzende Schar der hohen Würden 
träger in ihren prächtigen, reichen Uniformen versammelt hatte. 
Unzählige Brillanten funkelten von den kostbaren Toiletten 
der Damen. Eine solche Pracht hatte Aurora noch nie ge 
sehen, nicht einmal im Traume sich ausmalen können. Und 
als alle diese stolzen Träger der ersten Würden von Polen 
und Kursachsen sich tief vor dem Monarchen verneigten, als 
lautlose Stille in den Sälen eintrat und man nur die Stimme 
Augusts HI. hörte, da überkam auch den Baron v. Rohr das 
Gefühl, daß er hier doch eine unbedeutende Person, trotz seines 
alten Adels und seines Reichtums, sei. Er bog den Nacken 
mit den anderen, ohne daß er den König sah; schon die Nähe 
der Majestät übte in diesen Räumen einen anderen Eindruck 
auf ihn aus, als damals, wo der Hof auf der Jagd sein 
Schloß besuchte. 
Das Fremdartige. Blendende imponiert der rohen Natur, 
die Formen der Etikette, die Rohr vielleicht verspottet hätte, 
wenn man ihm davon erzählt, zogen ihn in einen Bann, in 
welchem er kaum Atem zu holen wagte. Eine noch komischere 
Figur als er spielte aber der Major v. Stemmer, dem schon 
eine ganze Schar von Generalen (die 17 000 Mann starke 
sächsische Armee zählte nicht weniger als 168 Generale und 
Obersten) gewaltigen Respekt einflößte. Er wußte nicht, ob er 
straff militärisch dastehen oder sich verneigen müsse, und 
wechselte darin ab; der Angstschweiß lief ihm von der Stirn, 
daß er durch inkorrektes Benehmen Anstoß erregen könne. 
Aurora sah es, daß ihr Vater und dessen Freund kein 
für sie schmeichelhaftes Aufsehen erweckten, und zum erstenmale 
errötete sie über die Umgebung, in der sie bisher gelebt. 
Die spöttisch-neugierigen Blicke, mit denen die Hofkavaliere 
und Damen besonders den Herrn v. Stemmer musterten, 
ließen sie erraten, daß man über ihre Begleiter sich gering 
schätzende Bemerkungen zuflüsterte, und der peinliche Eindruck 
dieser Beobachtung wurde dadurch vermehrt, daß sie fühlte, 
ihre Begleiter würden sich nur noch mehr dem Spotte preis 
geben, wenn sie sich diese Geringschätzung verbitten wollten. 
In diesen glänzenden Salons zeigte niemand Furcht vor der 
rohen Kraft; diese zierlich gekleideten, frisierten und pomadi 
sierten Herren fürchteten gewiß nicht, den Zorn des Herrn von 
Stemmer oder ihres Vaters zu reizen. Es war Aurora, als 
könne sie ihren Begleitern, deren Klinge und Pistole von den 
Landedelleuten gefürchtet waren, nicht raten, ihr Glück im 
Zweikampf mit diesen Herren zu messen. Es lag eine dreiste 
Keckheit, eine mutige und übermütige Zuversicht in den Mienen 
der Kavaliere, über deren französisches Wesen und deren Ver. 
weichlichung man an der Tafelrunde ihres Vaters gespöttelt, 
die ihr aber in anderer Weise imponierte, als der Ausdruck 
roher Kraft es gethan. Während sie sonst die Huldigungen 
der Männer als einen ihr gebührenden Triumph gleichgiltig 
hingenommen hatte, fühlte sie den Reiz der Eitelkeit, ein bis 
her ungekanntes Feuer in ihren Adern entzünden, als ihre 
Schönheit auch hier die Blicke feffelte. 
Die Gräfin Ogilvy hatte das Amt, die Damen, welche 
vorgestellt werden sollten, der Königin zu präsentieren. Ihr 
Auge musterte die stolze Schöne, deren Schwester ihr tyrannischer 
Wille gequält, aber doch nicht zur Unterwerfung gebracht hatte, 
und die Gräfin mochte fühlen, daß ihr dieses Mädchen noch 
in ganz anderer Weise Trotz bieten werde, wenn es zu einem 
Kampfe zwischen ihnen kommen würde. Graf Brühl hatte ihr 
gesagt, er wünsche Aurora an den Hof zu fesseln. Sie nahte 
Aurora daher mit süß-verbindlicher Miene, aber die letztere 
fühlte instinktmäßig das katzenartige Heranschleichen einer 
Feindin. 
„Ich habe Ihrer Majestät noch keine so schöne Dame 
präsentiert," sagte die Gräfin schmeichelnd. „Sie werden alle 
Ehrendamen des Hofes in Schatten stellen, und wenn Sie. 
wie ich nicht zweifle, der Königin wahre Ergebenheit entgegen 
bringen, so werde ich stolz darauf sein. Sie dem Ehrendienst 
Ihrer Majestät einzureihen. Schenken Sie dann mir ein 
freundliches Vertrauen, und Sie werden hier am Hofe eine 
zweite Heimat finden." 
„Meine Schwester trug sich mit dieser Hoffnung," ver 
setzte Aurora, „und es könnte mich mutlos machen, daß sie 
dabei nicht glücklich gewesen ist. Ich füge mich schwerer in 
ungewohnte Verhältnisse als Anna, aber ich denke es aus den 
Blicken der Königin zu lesen, ob sie Nachsicht mit mir haben 
wird." 
Die Gräfin Ogilvy biß sich bei Auroras selbstbewußter 
Erwiderung auf die Lippen. Es lag noch mehr in dem Tone 
als in den Worten selbst eine Abfertigung, die eine schon 
beinahe feindselige Stimmung ankündete. Es war jedoch keine 
Zeit, den Wortwechsel fortzusetzen. Der König liebte es nicht, 
durch Ceremonien lange aufgehalten zu werden, der Vor 
stellung bei der Königin sollte aber die beim Könige erst folgen. 
Maria Josephe blickte mit Wohlgefallen auf die schöne, 
stolze Erscheinung Auroras, die sich vor ihr beugte, nachdem 
sie herangeschritten, als existiere für sie in diesem Augenblicke 
niemand im Saale, als die Königin. Ehe noch die Oberhof 
meisterin nach dem Ceremoniell den Namen Auroras genannt 
und die Erlaubnis erhalten, sie vor den Thron zu führen, 
hatte Aurora schon vor demselben das Knie gebeugt, und ihr 
Blick schaute zur Fürstin auf, als wolle sie keine Vermittlerin. 
Sie hatte den Wink der Gräfin, des Hervorrufes zu harren, 
gar nicht beachtet. 
Die Königin lächelte über diesen Bruch des Ceremoniells, 
der die Röte des Unmutes in das Antlitz der Gräfin lockie. 
„Ich begrüße Sie als Schwester einer mir lieben und 
werten Dienerin," sagte Maria Josephe, Aurora die Hand 
zum Kuffe bietend, „als Tochter eines wackeren und getreuen 
Edelmannes, und ich werde mich freuen, wenn Sie mir in 
Vertrauen und Ergebenheit nahe treten wollen." 
Es lag etwas in dem Tone der Königin, das ihr Auroras 
Herz gewann, obwohl der Eindruck, den sie sonst machte, sehr
        
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