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Periodical volume 29. April 1893, No. 31.

Full text: Der Bär Issue 19.1893

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hast. Was soll das heißen, daß Du ihre Partei ergreifst 
und mir Verlegenheiten bereitest? Trotze nicht zu viel darauf, 
daß Du meiner Schwester Sohn bist! Ich breche Deinen 
Trotz. Knabe!" 
„Ich bin kein Knabe mehr," entgegnete Erich, dem 
zornigen Blicke des Oheims fest begegnend. „Ich habe mein 
Wort verpfändet, die Dame, die Sie mir als Braut auf 
drängen wollten, vor unverdienter Beschimpfung zu schützen, 
und ich werde es halten." 
„Ah. Du erklärst mir den Krieg? Hüte Dich, Knabe, 
meinem Willen entgegenzuhandeln! Danke Gott, daß ich 
Deinen Eigensinn und Deine Thorheit noch Deiner Jugend 
zugute rechne! Die Komtesse Hennicke ist nichts für Dich, ihr 
Vater war Lakai. Robert sagte mir auch, daß Du mit dem 
Brandenburger Freundschaft geschlossen hättest. Verräter schicke 
ich nach dem Sonnenstein, da werden Dir auch thörichte 
Liebesgedanken vergehen. Danach richte Dich!" 
„Der Mann, den Sie Lakai nennen," entgegnete Erich, 
„war der Vertraute des Ministers Grafen Brühl und erhielt 
den Grafentitel, damit er seinen Gönner nie verrate. Mein 
Bruder ist in diese Schule gegangen, ich ziehe aber einen 
Kerker im Sonnenstein der Entehrung vor!" 
„Natter," knirschte Brühl, aber er brach das Gespräch 
damit ab, daß er Erich warnte, seine Geduld auf die Probe 
zu stellen. Er führte eine Drohung nicht aus, die er unter 
anderen Umständen jedenfalls vollzogen hätte. Wollte er den 
Sohn seiner Schwester noch schonen, oder mahnte ihn die 
Erinnerung daran, daß Graf Hennicke alle seine Geheimnisse 
kannte und vermutlich seinen nächsten Angehörigen mitgeteilt 
hatte zur Vorsicht gegen den Neffen? Der sonst so 
gewaltthätige Mann, der allmächtige Minister fügte sich schein 
bar. Ein Mann von größerer Erfahmng, als Erich es war, 
hätte sich auf das Schlimmste gefaßt gemacht. Die arglose 
Jugend aber wähnte, daß der mutige Widerspruch dem Minister 
imponiert habe. 
12. Kapitel. 
Baron v. Rohr traf einige Tage nach den im vorigen 
Kapitel geschilderten Vorgängen in Dresden ein; ihn begleite- 
ien seine Tochter Aurora und der Major Kuno v. Stemmer. 
Man sah es dem Baron v. Rohr auf den ersten Blick 
an, daß er zu jenen Landedelleuten damaliger Zeit gehörte, 
welche, auf die Vorrechte ihrer Geburt, die das Mittelalter 
dem Adeligen geboten, trotzend, ihr Leben auf der Jagd oder 
beim Becher zubrachten, nur rohen Vergnügungen, grob 
sinnlichen Gelüsten huldigten, die feinere Bildung verachteten, 
gewaltthätig und grausam gegen chre Gutsunterthanen, trotzig 
gegen die Staatsgewalt waren, wo dieselbe ihre Rechte beschränken 
wollte, sich aber doch kriechend unterwürfig gegen Machthaber 
zeigten, die ihren Ehrgeiz befriedigen oder ihren Trotz brechen 
konnten. Es fehlte diesen Schattenbildern der alten Recken 
des Mittelalters das Sicherheitsgefühl den Staarshäuptern 
gegenüber. Die Zeiten waren vorbei, in welchen der Adel 
als solcher zusammenhielt und der fürstlichen Hoheit und den 
Gesetzen trotzen konnte. Die edleren Naturen, die gebildeten 
Mitglieder des Adels waren Stützen der neuen Ordnung ge 
worden. und die Männer, die auf ihren Erbgütern noch wie 
auf alten Ritterburgen als kleine Tyrannen lebten, standen 
vereinzelt da und pochten grollend auf Vorrechte, welche durch 
zusetzen sie sich ohnmächtig fühlten. 
Aurora v. Rohr war eine üppige Schönheit, das Bewußt 
sein derselben strahlte aus ihren Augen. Sie bändigte das 
wildeste Roß, sie wetteiferte im Pistolenschießen mit den besten 
Schützen, sie war es gewöhnt, lässige Treiber aus der Jagd, 
ungeschickte Stallknechte mit der Reitpeitsche zu traktieren, aber 
es hätte auch keiner der Zechkumpane ihres Vaters gewagt, 
bei seinen Huldigungen die Grenzen zu überschreiten, die sie 
ihnen setzte. Sie wäre das Weib gewesen, ähnlich wie die 
Gräfin Cosel, die Favoritin Augusts des Starken, es gethan 
sich Genugthuung mit der Pistole zu verschaffen. 
Der Major Kuno v. Stemmer war der anfänglich für 
Anna erkorene Bräutigam, der aber seit der Zeit, wo diese 
in den Hofdienst getreten war, Aurora seine Huldigungen dar 
gebracht. Er war ebenso verschuldet wie sein Vater, dabei 
ein wüster Zecher, eine allein für sinnliche Genüsse empfängliche 
Natur. Aurora wußte ihn jedoch in Respekt zu erhalten. 
Sie behandelte ihn wie ein Spielzeug ihrer Laune, aber er 
wäre der Mann gewesen, ein minder energisches Weib durch 
Brutalität zur Verzweiflung zu bringen. 
Aurora war des Barons Liebling; ihr hätte er keinen 
Gatten wider ihren Willen aufdringen mögen, hätte auch den 
Versuch nicht gewagt. Anna aber war in seinen Augen ein 
Wesen, das Gott danken mußte, wenn er ihr eine gute Partie 
verschaffte. 
Der Brief des Grafen Brühl, der ihm ankündigte, daß 
Anna aus dem Hofdienfte entlassen werden müsse, und ihn 
aufforderte, seine andere Tochter in die Stelle Annas treten 
zu lassen, hatte wie ein Blitz im Hause Rohrs eingeschlagen. 
Der Baron hatte wie ein Wahnsinniger getobt. Hätte er in 
dem Augenblicke Anna erreichen können, er hätte sie. ohne sie 
zu hören, zu Boden geschlagen. 
Entlassung — das war Entehrung, schon der Ausdruck 
machte ihn wild. Aurora beruhigte ihn, sie hatte zwar nie 
mit ihrer Schwester sympathisiert, aber heute nahm sie sich 
derselben an — vielleicht befriedigte es sie, zu hören, daß 
Anna kein Glück bei Hofe gemacht, und es stimmte sie diese 
Niederlage zum Mitleid. Als man Anna zu Hofe beschieden, 
hatte sie die Achseln gezuckt, als sehe sie darin keinen Vorzug, 
aber im Stillen hatte sie doch die Schwester beneidet. Die 
Triumphe, welche sie auf dem Schlosse ihres Vaters feierte, 
genügten ihr nicht mehr; sie hatte nichts gesagt, aber seit sie 
die glänzende Hofgesellschaft auf dem Schlosse ihres Vaters 
gesehen, hatte sie doch Vergleiche angestellt, die ihr das bis 
herige Leben sehr eintönig erscheinen ließen. So äußerte sie 
denn jetzt zur großen Ueberraschung ihres Vaters, daß sie 
Lust habe, den Ruf an den Hof anzunehmen, aber sie ergriff 
auch Annas Partei in dem instinklmäßigen Gefühle, daß sie 
sich selber gegen ähnliche Behandlung schützen müsse, falls sie 
in die Lage kommen würde, dem Plane Brühls kein Gehör 
schenken zu wollen. 
„Wir müffen erst Anna hören," sagte sie. „Graf Brühl 
ist als gewaltthätig bekannt, er glaubt vielleicht, nach seinem 
Belieben über die Töchter des Baron v. Rohr verfügen zu 
können, wenn sie in den Dienst des Hofes treten. Ich fühle 
große Lust, ihm zu zeigen, daß ich nicht so mit mir verfahren 
lassen würde, wie Anna."
        
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